VW-Werk in Wolfsburg (Archivbild: 11.08.2021) | picture alliance/dpa

Streit über Zukunft von VW Krisensitzung in Wolfsburg

Stand: 04.11.2021 06:00 Uhr

Tausende VW-Beschäftigte erwarten heute mehr Klarheit von Konzernchef Diess über die Zukunft des Stammwerks Wolfsburg. Kommt es zum Showdown mit dem Betriebsrat? Zuletzt eskalierte der Streit mit den Arbeitnehmern.

Von Jörg Ihßen, NDR

Heute wird es turbulent in und vor der Werkshalle 11 im Wolfsburger VW-Werk. 7000 Beschäftigte verfolgen das Aufeinandertreffen von Konzernchef Herbert Diess und der neuen Betriebsratsvorsitzenden Daniela Cavallo. Knapp 5000 weitere sind per Bildschirm vor der Halle dabei. Sie werden Klarheit darüber fordern, wie es zukünftig im Konzern weitergeht.

Diess wollte diesem Showdown aus dem Weg gehen und hatte ein Treffen mit Investoren in den USA vorgeschoben. Doch da hatte er die Rechnung ohne den Zorn der Betriebsräte gemacht. Auch die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat sollen interveniert haben. Jetzt wird Diess kommen und eine Rede halten. Genauso wie Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und IG-Metall-Chef Jörg Hofmann. Eine Krisensitzung, ausgelöst durch wochenlangen Streit über verlorenes Vertrauen und schlechten Kommunikationsstil.

Bisherige Modelle lasten Werk nicht aus

Aber es geht auch um mehr. Cavallo wird mit der Rückendeckung von IG-Metall-Chef Hofmann und dem Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat, Ministerpräsident Stephan Weil von der SPD, Klarheit fordern, wie es im Stammwerk Wolfsburg für die Beschäftigten zukünftig weitergehen soll. Denn mittelfristig wird die Arbeit knapp. Nicht nur, weil VW immer wieder Kurzarbeit beantragen muss, sondern weil aus Sicht des Betriebsrates die Produktionsstraßen des Werks auch strategisch nicht ausgelastet sind. Der bisherige Plan sieht vor, dass erst ab 2026 eine neue Montagelinie für das E-Auto Trinity in Angriff genommen wird - das erste reine Elektroauto im Stammwerk überhaupt.

Zu spät, so Cavallo. Die bisherigen Modelle Golf, Tiguan, Touran und Tarraco lasten das Werk Wolfsburg nicht dauerhaft aus. Es fehle eine Vision gerade für das Stammwerk, moniert die Betriebsratschefin, während in Zwickau, Emden und Hannover die Werke die E-Mobilität bereits Alltag ist. Genug Geld für Investitionen sei auf der vergangenen Planungsrunde für Wolfsburg zwar eingeplant. Es drohe zwischen 2024 und 2026 aber eine Produktionslücke.

An den Zahlen lässt sich das schon jetzt festmachen. Die weltgrößte zusammenhängende Automobilfabrik in Wolfsburg hat zuletzt im Jahr 1964 knapp eine Million Autos produziert. Von 2019 bis heute ist sie bei den Stückzahlen von 700.000 auf etwas mehr als 300.000 im dritten Quartal gefallen.

Misstrauensvotum gegen den Konzernchef

Und was macht Diess? Lässt im Vorfeld fallen, dass er 30.000 Stellen bei VW für überflüssig halte. Zeigt sich vom Konkurrenten Tesla begeistert, wo 10.000 Menschen rund 500.000 Elektroautos produzieren. Und es bei VW mit 25.000 zweieinhalbmal so viele Beschäftigte für die gleiche Anzahl Autos sind. Diess provoziere damit in einem Maße, die bei vielen in der Belegschaft für eine große Verunsicherung sorgt, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. Der Streit eskalierte offenbar so sehr, dass die Arbeitnehmer-Vertreter Diess bei der Sitzung des Aufsichtsrats am vergangenen Mittwoch das Vertrauen entzogen - laut "Handelsblatt" das "härteste Geschütz", das ihnen laut Mitbestimmungsgesetz zur Verfügung steht. Nun soll sich ein Vermittlungsausschuss des Kontrollgremiums mit der Zukunft des Konzernchefs befassen.

Für Automobilexperten wie Ferdinand Dudenhöffer aber bewegt Diess gerade auf seine kantige und gelegentlich unberechenbare Art viel in dem Tanker VW mit seinen unzähligen Gremien und der nahezu übermächtigen IG-Metall. Eben weil er den Konkurrenten Tesla bei der Eroberung neuer Märkte mit immer günstigeren Elektroautos im Blick habe. Die einen, so Dudenhöffer, verschrecke es natürlich, wenn Diess bei einer VW-Managerkonferenz Elon Musk per Video dazuschaltet. Für andere sei das ein Startzeichen in das digitale und vollelektronische Mobilitätszeitalter.

Elektro-Marktanteil wächst

Die Kräfteverhältnisse auf der Belegschaftsversammlung, die als Informationstreffen stattfinden wird, sind klar. Diess hat zwei Gewerkschaftsvertreter gegen sich aufgebracht, und auch Ministerpräsident Weil hält bekanntermaßen wenig von Provokationen des VW-Vorstandschefs. Denn auch die Vertreter des Landes Niedersachsens im Aufsichtsrat wollen wissen, mit welchen Automodellen die Arbeit in den Werken von Wolfsburg, Emden oder Hannover der Konzernchef die Arbeitsplätze sichern will. Die entscheidende Planungsrunde für die Ausstattung der weltweiten Werke musste immerhin um einen Monat vom November auf Dezember verschoben werden.

Welchen Kurs wird Konzernchef Diess auf der Belegschaftsversammlung also fahren? Zu erwarten ist, dass er auf seine bisherigen Erfolge wie zum Beispiel in den USA verweist, wo VW beim Verkauf von Elektroautos mit 8 Prozent Marktanteil mittlerweile Zweiter hinter Tesla ist. Und er wird natürlich auch die Bedeutung des Stammwerks in Wolfsburg herausheben. Wie konkret das wird, ist bisher offen.

Keine öffentlichen Fragen erlaubt

Und dann wird er die Halle 11 nicht verlassen, ohne den 7000 VW-Beschäftigten noch einmal ins Stammbuch zu schreiben, dass sich die Mobilitäts- und Arbeitswelt zukünftig ändern wird, wenn man den Konkurrenzkampf mit anderen Autoherstellern nicht verlieren will.

Diess wird seine Rede am Ende des Treffens halten. Und es ist strategisch für ihn günstig, dass es danach aus der Belegschaft keine öffentlichen Fragen geben wird, denen er sich stellen muss. Denn aus Corona-Gründen ist das zweistündige Treffen keine klassische Betriebsversammlung, sondern soll rein der Information dienen.

Eine Erkenntnis ist jetzt schon klar: Mit Diess an der Konzernspitze wird der Streit um den zukünftigen Kurs bei VW nicht so schnell beendet sein. Aber vielleicht kann man ihn anders führen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 04. November 2021 um 06:35 Uhr.