Flugbegleiter am Flughafen in München bei einer Kundgebung. | Bildquelle: dpa

Urabstimmung beginnt Wie durchsetzungsstark ist UFO?

Stand: 16.07.2019 04:04 Uhr

Die Flugbegleiter-Organisation UFO hat ihre Mitglieder bei Eurowings zu einer Urabstimmung über einen Streik aufgerufen. Doch nach mehreren Krisen ist nicht klar, wie durchsetzungskräftig die Gewerkschaft überhaupt ist.

Von Michael Immel, ARD-Luftfahrtexperte

Ab heute sind bei der Lufthansa-Tochter Eurowings die Mitglieder der Flugbegleiter-Gewerkschaft UFO zu einer Urabstimmung über Streiks aufgerufen. Die Befragung soll drei Wochen dauern. Streiks sind damit noch im August möglich. Aber wie durchsetzungskräftig ist die in den zurückliegenden Jahren krisengeschüttelte Sparten-Gewerkschaft überhaupt noch?

Führungsstreit: Gelder Zweckentfremdet

Eine Razzia der Staatsanwaltschaft Darmstadt Mitte Mai dieses Jahres hatte viele UFO-Mitglieder erschüttert. Es war ein vorläufiger Höhepunkt. In Mörfelden bei Frankfurt wurden Büroräume durchsucht. Es ging um den Verdacht des Betrugs und der Untreue gegen mehrere UFO-Funktionäre. Diese warfen sich gegenseitig vor, Gelder zweckentfremdet zu haben. In dem internen Führungsstreit der einst kraftvoll auftretenden Gewerkschaft ging es um überhöhte Gehälter und um falsch abgerechnete Privatreisen. Das interessierte mehrere Staatsanwälte.

Nicoley Baublies
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Nicoley Baublies im Jahr 2015. Er ist einer der wesentlichen Akteure im Geflecht der Anschuldigungen

Kampf David gegen Goliath

Das Geflecht der Anschuldigungen war verworren. Einer der wesentlichen Akteure ist Nicoley Baublies. Als Chef der rebellischen Flugbegleiter hatte er Ende 2015 Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit einem einwöchigen Streik des Kabinenpersonals herausgefordert. Es war ein Kampf David gegen Goliath, ein Machtpoker, der den Flugbegleitern damals im Tarifkonflikt fünf Prozent mehr Gehalt brachte und die Aussicht auf sichere Arbeitsplätze bis 2021.

Der Zulauf zu UFO war enorm. Die Gewerkschaft konnte die Zahl ihrer Mitglieder innerhalb weniger Jahre verdoppeln. Nicht mitgewachsen sind die Strukturen. Und der Kontakt zur Basis der Gewerkschaft scheint auch auf der Strecke geblieben zu sein.

Vorwurf: Vorteilhafte Arbeitsverträge ausgestellt

Im März erstattete Baublies gegen seinen Nachfolger als UFO-Vorsitzenden, Alexander Behrens, und zwei weitere Vorstandsmitglieder Strafanzeige. Der Vorwurf in den Papieren, die der Staatsanwaltschaft übergeben wurden, lautete: Die Vorstände sollen sich angeblich gegenseitig vorteilhafte Arbeitsverträge ausgestellt haben.

Behrens´ Anwalt widersprach dem umgehend. Die Darmstädter Staatsanwälte ermittelten trotzdem. Aber schließlich geriet auch Baublies selbst in den Fokus der Staatsanwaltschaft Frankfurt. Die Zustände führten dazu, dass alle Funktionäre, gegen die ermittelt wurde, von ihren Ämtern zurücktraten.

Ist der Vorstand wirklich handlungsfähig?

Die UFO-Mitglieder stimmten Ende Mai in einer Onlineumfrage für die Nachbenennung der vakanten bis zu vier Vorstandsposten. Eine reguläre Neuwahl des insgesamt sechsköpfigen Gremiums der Flugbegleiter-Gewerkschaft soll es im kommenden Frühjahr geben.

Aber ist der Vorstand wirklich handlungsfähig? Sind Tarifverträge ordnungsgemäß gekündigt worden? Im Lufthansa-Konzern gibt es starke Zweifel. Ein Rechtsstreit läuft.

Die Billigtochter Eurowings hatte UFO zuletzt aufgefordert, die Führungsstrukturen erst einmal zu klären. Wer sei nun wirklich vertretungsberechtigt? Der Arbeitgeber will von der in Turbulenzen geratenen Gewerkschaft Klarheit. UFO müsse wieder "ein verlässlicher Sozial- und Verhandlungspartner werden", statt "ihre internen Grabenkämpfe auf dem Rücken von Mitarbeitern und Kunden auszutragen".

Angespannte Finanzlage 

Nach all dem Tohuwabohu stellt sich jetzt auch die Frage nach der verbliebenen Durchsetzungskraft der Flugbegleiter. Dabei geht es natürlich auch um die Frage nach der Streikkasse. Kann sich UFO einen Streik überhaupt finanziell leisten? Immer wieder tauchen in Medien Berichte über gravierende Misswirtschaft bei der Gewerkschaft auf. Allein im Jahr 2018 soll sich ein Fehlbetrag von 700.000 Euro aufgetürmt haben.

Oder brauchen sie keine gut gefüllte Streikkasse? Die Lufthansa zahlte bei früheren Streiks das Grundgehalt der Flugbegleiter weiter, obwohl sie das eigentlich nicht musste. Da bei jedem Streik Notfallflugpläne erstellt wurden, der Arbeitgeber aber nicht wusste, wer am Ende die Arbeit niederlegen würde, gab es pauschal weiter Geld von der Lufthansa. Um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, eine "verbotene Gegner-Finanzierung" zu praktizieren, sicherte Lufthansa ihr ungewöhnliches Vorgehen arbeitsrechtlich ab. Fraglich ist nur, ob das in der Tarifrunde 2019 genauso weiter geht. Oder wird der Lufthansa-Konzern die Weiterzahlung einstellen und auf maximale Konfrontation setzen?

Die Lufthansa-Tochter Eurowings | Bildquelle: dpa
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Die Lufthansa-Tochter Eurowings. Die Mitarbeiter sollen künftig produktiver werden, machte Unternehmenschef Thorsten Dirks klar.

Verunsicherte Flugbegleiter

Es bleibt die Frage nach der Geschlossenheit der Mitglieder. Wie stark belastet der in den vergangenen Monaten gewachsene Unmut das Verhältnis zwischen Basis und Vorstand? Die Flugbegleiter spüren den Kostendruck im Lufthansa-Konzern. Und dabei bietet gerade die ausgehandelte Schlichtung aus dem Tarif-Poker 2016 auch ein Einfallstor für gravierende Einsparungen. Das Papier ermöglicht es dem Konzernvorstand nämlich, weiter zu sparen. Denn sollten die Personalkosten in einem Zeitkorridor bis 2023 insgesamt nicht wie vereinbart um zehn Prozent fallen, kann die Lufthansa zusätzliche Sparmaßnahmen einleiten.

Wie ernst die Lage insbesondere bei Eurowings ist, hat deren Chef Thorsten Dirks erst kürzlich klargemacht: Die Mitarbeiter sollen künftig produktiver werden. Für die Flugbegleiter bedeutet das, sowohl die jährlichen Pflichttage als auch die täglichen Flugstunden sollen steigen. Gleichzeitig wird die Eurowingsflotte um 20 Prozent auf rund 110 Kurzstreckenflugzeuge schrumpfen.

Das heißt also: Der Bedarf an Crews wird sinken, während deren Arbeitszeit steigen soll. Für die Belegschaft stehen möglicherweise harte Einschnitte bevor.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. Juli 2019 um 09:45 Uhr.

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