Kräne ragen über einem im Bau befindlichen Mehrfamilienhaus auf | picture alliance / Daniel Naupol

ifo-Umfrage Stornierungen im Wohnungsbau halten an

Stand: 19.09.2022 12:49 Uhr

Der ifo-Index der Geschäftserwartungen im Wohnungsbau ist auf den tiefsten Stand seit Beginn der Befragung gefallen. In der Eurozone könnte der Trend zu mehr Wohnraum den Häusermarkt dagegen trotz steigender Zinsen stabilisieren.

Deutsche Wohnungsbau-Unternehmen haben mit einer anhaltenden Stornierungswelle zu kämpfen. Im vergangenen Monat meldete nach einer heute veröffentlichte Umfrage des Münchner ifo-Instituts mehr als jedes zehnte Unternehmen (11,6 Prozent), dass Bauherren Aufträge zurückgezogen hätten. Schon im Juli hatte es ein ähnliches Bild gegeben. Grund ist laut ifo der starke Anstieg der Baukosten mit hohen Material- und Energiepreisen, höheren Zinsen und gekürzten staatlichen Zuschüssen.

Dementsprechend hat sich in der Wohnungsbaubranche Pessimismus breit gemacht, viele Unternehmen fürchten schlechtere Geschäfte. "Die Unternehmen verfügen immer noch über prall gefüllte Auftragsbücher, aber mit Blick auf die künftige Entwicklung greift die Angst um sich", sagte ifo-Wohnungsbaufachmann Felix Leiss. Der ifo-Index der Geschäftserwartungen im Wohnungsbau sank auf minus 48,3 Prozent. Das ist laut Institut der tiefste Stand seit Beginn der monatlichen Befragungen im Jahr 1991.

Engpässe und Preissteigerungen

Auch der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie (HDB) ging noch Ende August davon aus, dass sich der Umsatz der Branche im laufenden Jahr zwischen Stagnation und einem Rückgang von zwei Prozent bewegen wird. Laut HDB hätten die Preissteigerungen durch den Krieg in der Ukraine einen weiteren Schub erhalten. Ein Ende der Engpässe und Preissteigerungen sei zurzeit noch nicht absehbar.

"Für Bauunternehmen liegt das Problem von unerwartet starken Preissteigerungen darin, dass diese bei langlaufenden Projekten nicht oder nur in Ausnahmefällen an die Auftraggeber weitergegeben werden können - sofern keine Preisgleitung vereinbart wurde", hieß es weiter.

Die Lieferengpässe haben sich danach im Vergleich zum Juli etwas entspannt, aber nach wie vor klagte mehr als ein Drittel (36,4 Prozent) der befragten Unternehmen über knappes Material. Sehr viele Bauunternehmen planen laut ifo weitere Preiserhöhungen.

Bauunternehmen weiter gut ausgelastet

Das ifo-Institut befragt die Wohnungsbau-Unternehmen dabei, wie es in der Branche in den nächsten sechs Monaten weitergeht. Und da, so Felix Leiss gegenüber tagesschau.de, rechneten sehr viele Unternehmen mit einer Abkühlung. Die Frage nach den Stornierungen stelle das ifo-Institut jeden Monat schon seit seit einigen Jahren: Im Durchschnitt lagen diese bei knapp zwei Prozent. Da sei ein Anstieg auf elf Prozent enorm, so Leiss.

Schon während der Corona-Phase habe man viele Stornierungen gesehen. Da lag der Schwerpunkt aber beim sogenannten gewerblichen Hochbau. Aktuell sei es anders herum: So sehe man im Wohnungsbau mehr Stornierungen. Grund dafür sei auch das Auslaufen und Kürzen von Fördermitteln.

Man komme aus einer Situation heraus, in der es sehr viele Jahre sehr gut lief, so Leiss. Und noch immer gebe es viele Aufträge, die Bauunternehmen seien weiterhin gut ausgelastet. Es gehe ihnen also nicht akut schlecht; man sehe aber deutliche Bremsspuren.

Trend zu mehr Wohnraum könnte Häusermarkt in Europa stabilisieren

In der Eurozone könnte der Trend zu mehr Wohnraum den Häusermarkt laut der Europäischen Zentralbank (EZB) stabilisieren - trotz steigender Hypothekenzinsen. Die Vorliebe für geräumigere Wohneinheiten dürfte auch die Investitionen in den Häusermarkt stützen, schreiben die Autoren eines aus dem EZB-Wirtschaftsbericht vorab veröffentlichten Artikels, Niccolò Battistini, Johannes Gareis and Moreno Roma. "Durch die Pandemie ausgelöste Veränderungen bei Wohnraum-Präferenzen könnten den höheren Hypothekenzinsen entgegenwirken und einiges an der in der Eurozone beobachteten Widerstandsfähigkeit des Häusermarkts erklären."

Die Autoren verweisen darauf, dass die Hypothekenzinsen im Zuge der Zinswende im ersten Halbjahr mit 0,63 Prozentpunkten so rasch gestiegen sind wie nie zuvor in einem solchen Zeitraum seit der Einführung des Euro. Sie stellen ein Modell vor, wonach bei einer Steigerung der Hypothekenzinsen um einen vollen Prozentpunkt die Häuserpreise binnen zwei Jahren um neun Prozent fallen könnten.

Doch gelte es bei diesen auf drohende starke Abwärtsrevisionen des Häusermarkts hindeutenden Projektionen zu beachten, dass auch andere Einflussfaktoren zu berücksichtigen seien - so wie das veränderte Käuferverhalten infolge der Pandemie: "Solche Faktoren könnten die Unsicherheit mit Blick auf den Häusermarkt-Ausblick erhöhen", heißt es in dem Fachartikel.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. September 2022 um 15:00 Uhr.