Blick auf die Erdgasempfangsstation der Europäischen Gas-Anbindungsleitung Eugal. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Wartung von Nord Stream 1 Wie reagiert der Gasmarkt?

Stand: 11.07.2022 17:06 Uhr

Am europäischen Gasmarkt fallen zu Wochenbeginn die Preise. Das mag angesichts des gestoppten Gasflusses über Nord Stream 1 überraschen, folgt aber einer gewissen Logik. Die Lage bleibt aber äußerst angespannt.

Mit der heute beginnenden Wartung der Gaspipeline Nord Stream 1 haben die Sorgen um die Versorgungssicherheit in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht. Wie die Bundesnetzagentur hat auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in der vergangenen Woche offen von der Möglichkeit gesprochen, dass die Gaslieferungen über die Pipeline danach gänzlich ausbleiben.

Dennoch scheinen die Akteure an den Rohstoffmärkten zu Wochenbeginn besonnen zu reagieren. Der richtungsweisende Terminkontrakt TTF Dutch fiel am Nachmittag deutlich um über drei Prozent auf Kurse unter 170 Euro pro Megawattstunde.

Was auf den ersten Blick überrascht, folgt durchaus einer gewissen Marktlogik. So steht der Wartungstermin schon lange fest, und auch die Sorge, dass Moskau das Datum für einen Lieferstopp nutzen könnte, ist nicht ganz neu. Schon in der vergangenen Woche hatte die Gasnotierung mit 177 Euro pro Megawattstunde den höchsten Stand seit Anfang März erreicht. Die heutige Preisreaktion ist denn auch für den Eintritt eines erwarteten Ereignisses typisch.

Gasmärkte weiter äußerst angespannt

Dessen ungeachtet bleibt die Lage an den Gasmärkten weiter äußerst angespannt. In den vergangenen vier Wochen hat sich der richtungsweisende Gaspreis mehr als verdoppelt. Diese Preisentwicklung wird sich mit einer gewissen Verzögerung auch in den Verbraucherpreisen niederschlagen, wenn auch erfahrungsgemäß nicht im selben drastischen Umfang.

Die Nord Stream 1-Pipeline transportiert jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland nach Deutschland durch die Ostsee. Zum Beginn der Wartungsarbeiten fielen die Buchungen für den Gasfluss am Montagfrüh wie erwartet auf Null. Was nach der in der Regel zehntägigen Wartung passiere, könne derzeit niemand wissen, sagte der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, gegenüber Reuters TV. "In zehn Tagen ungefähr wissen wir, ob Gas weiterhin fließen wird."

Deutschland bekomme aber auch jetzt weiterhin Gas, betonte Müller. So wird russisches Gas auch durch die Ukraine nach Westen geleitet. Der russische Energiekonzern Gazprom teilte mit, dass über den Grenzpunkt Sudzha am Montag 39,4 Millionen Kubikmeter Gas nach Westen gepumpt werden, nach 41,9 Millionen am Sonntag. Durch die durch Polen laufende Jamal-Pipeline leitet Gazprom schon länger kein russisches Gas mehr.

"Alles ist möglich"

Auch Bundeswirtschaftsminister Habeck äußerte sich am Montag wieder besorgt. "Natürlich wachsen unsere Sorgen darüber, dass Russland Gaslieferungen ganz offensichtlich als politische Waffe einsetzt, um die Preise in die Höhe zu treiben, Märkte zu verunsichern und Chaos zu verbreiten", sagte er anlässlich seiner Gespräche mit den Regierungen am Montag in Prag und am Dienstag in Wien.

Es müsse eine stärkere europäische Zusammenarbeit bei der Sicherung der Gasversorgung geben, so Habeck. Deutschland sei sich bewusst, dass Gas im Notfall zwischen europäischen Ländern geteilt werden müsse. Ob nach der Wartung durch Nord Stream 1 wieder Gas strömen werde, sei völlig unklar. "Alles ist möglich." Deutschland bereite sich auf das Schlimmste vor.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Juli 2022 um 16:00 Uhr.