Arbeiter in der Werkhalle von Melitta in Shenzhen | Bildquelle: ARD Shanghai

Deutsche Firmen in China "Wir sind wieder in der Spur"

Stand: 28.04.2020 12:33 Uhr

Für viele Betriebe in China scheint das Schlimmste überstanden zu sein: In den meisten Branchen wird wieder gearbeitet. Auch der Großteil der rund 8000 deutschen Unternehmen produziert wieder.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Besuchern serviert Guido Maune in seinem Büro frischen Kaffee, was auch kein Wunder ist, denn der 49-Jährige leitet in Shenzhen eine Kaffeemaschinen-Fabrik. Der ostwestfälische Mittelständler Melitta baut hier im Süden von China seit 2008 Maschinen; die meisten werden in Europa und Japan verkauft.

Nach Ausbruch der Coronavirus-Krise Ende Januar stand Chinas Industrie wochenlang fast komplett still, auch das Melitta-Werk im Westen der 13-Millionen-Einwohnerstadt Shenzhen. Aus dem Plan, die Produktion nach dem Chinesischen Neujahrsfest - also Anfang Februar - wieder zu starten, wurde nichts.

Alle Büros und Hallen desinfizieren

"Wir konnten erst am 19. Februar wieder anfangen", sagt Maune. "Außerdem hatten wir eine Menge Einschränkungen, zum Beispiel weil viele Menschen in China zunächst nicht reisen konnten." Nicht alle der etwa 350 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter konnten also nach dem Neujahrs-Urlaub in den Heimatstädten wieder zurück nach Shenzhen kommen.

Vor Wiederaufnahme der Produktion musste Maune außerdem sicherstellen, dass sämtliche Büros, Werks- und Lagerhallen regelmäßig desinfiziert werden und dass genügend Masken vorrätig sind. Die Behörden haben diese Sicherheitsregeln bei Besuchen im Werk mit so genannten Audits überprüft.

Guido Maune | Bildquelle: ARD Shanghai
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Der Leiter der Kaffeemaschinen-Fabrik, Guido Maune, musste sicherstellen, dass alle Büros und Hallen desinfiziert werden und genügend Masken vorrätig sind.

Kontrollen der Sicherheitsmaßnahmen

"Die Regierung hat sich sehr bemüht, dass wir diese Audits schnell durchbekommen", so Maune. "Da wurde auch samstags und sonntags gearbeitet. Das hatte auch zur Folge, das ich Sonntag früh um 8:30 Uhr einen Anruf bekommen habe mit der Bitte, ich müsse in einer Stunde in der Firma sein, weil unsere Sicherheitsmaßnahmen kontrolliert werden. Ich habe mich also schnell angezogen und bin sofort in die Firma. Nach zweieinhalb Stunden war das Audit dann bereits beendet. Das zeigt: Man muss hier flexibel sein, aber es bringt tatsächlich etwas."

Stimmung höchst unterschiedlich

Maximilian Butek leitet in Guangzhou das Südchina-Büro der Deutschen Handelskammer, das für das gesamte Perlflussdelta zuständig ist, also einen der bedeutenden Industriestandorte Asiens. Insgesamt sind hier in der chinesischen Provinz Guandong nach Angaben der Deutschen Handelskammer rund 400 deutschen Firmen aktiv. Die Stimmung unter den Unternehmen sei dabei höchst unterschiedlich, sagt Butek:

"Egal wen Sie fragen, Sie bekommen immer eine andere Aussage. Der eine erwartet eine Normalisierung in drei Monaten, ein anderer gegen Ende des dritten Quartals, der nächste erst Ende 2020. Das liegt, glaube ich, auch daran, dass keine der Krisen-Prognosen bisher wirklich so eingetreten ist."

Arbeiterin am Arbeitsplatz von Melitta in Shenzhen | Bildquelle: ARD Shanghai
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In der Kaffeemaschinen-Fabrik Melitta sind verschärfte Sicherheitsmaßnahmen vorgeschrieben.

Mundschutz und Hände waschen

In der Kaffeemaschinen-Fabrik von Maune läuft der Betrieb jedenfalls wieder weitgehend. Möglich ist das allerdings nur unter verschärften Sicherheitsbedingungen. In den Produktionshallen fällt das sofort auf: Alle hier tragen Mundschutz: von der Arbeiterin, die an einer Maschine Kabel schneidet und abklemmt, bis zur Fließband-Kollegin, die die Gehäuse der fast fertigen Kaffeemaschinen zusammenschraubt.

"Wenn wir morgens im Werk ankommen, wird an der Pforte erstmal die Temperatur gemessen", sagt Mitarbeiterin Li Xiaoqin. "Bevor wir in die Kantine gehen, müssen alle gründlich die Hände waschen. Wir müssen Abstand einhalten, dürfen nicht eng zusammen stehen. Das wird alles von Sicherheitsleuten überwacht."

Und über das Tragen der Masken sagt die 37-Jährige: "Bequem ist das mit den Masken nicht, vor allem an heißen Tagen. Da brummt der Schädel. Aber es hilft nichts, wir tun es für die Sicherheit."

Korrekte Reise-Historie der Mitarbeiter

Eine weitere Vorschrift der chinesischen Behörden: Mitarbeiter aus Risikogebieten mussten nach ihrer Rückkehr nach Shenzhen in Quarantäne. Und Werksmanager Maune war persönlich dafür verantwortlich, dass alle Mitarbeiter eine korrekte Reise-Historie angeben.

"Wir mussten bei 350 Mitarbeitern für die letzten 14 Tage ermitteln: Wer ist wo wann gewesen. Damit dabei nichts vergessen wird, haben wir diese Daten außerdem mit den Telefongesellschaften abgeglichen. Die können über die Funkzellen-Abfrage ja sagen, wo sich jemand aufgehalten hat mit dem Handy. Stichwort Datenschutz: In Deutschland wäre das natürlich undenkbar. Da müsste jeder seine persönliche Einwilligung geben. Wir können das über die Firma machen."

80 Prozent des Lohns gezahlt

Anders als bei einigen chinesischen Firmen in der Region wurde bei Melitta nach dem rund vierwöchigen Komplettstillstand nicht gestreikt. Denn die Firma hat ihren Mitarbeitern auch während der Produktionspause 80 Prozent des Lohns weitergezahlt. Vom Staat finanzierte Kurzarbeit wie in Deutschland gibt es in China nicht. Allerdings wurden dem deutschen Mittelständler die kompletten Sozialabgaben für die Werksmitarbeiter zurückerstattet - für einen Zeitraum von 15 Monaten.

Unterm Strich, sagt Maune, sei für ihn und sein Werk in Shenzhen das Schlimmste wohl überstanden: "Wir haben noch gewisse Lieferschwierigkeiten mit einem Zulieferer aus Guangzhou, wir bekommen bestimmte Teile nicht. Alle anderen Teile sind aber lieferfähig. Und wir haben auch unsere 350 Leute wieder fast alle Bord. Also ich würde sagen: Wir sind wieder in der Spur."

Mühsamer Neustart: Bei deutschen Firmen in China läuft das Fließband wieder
Steffen Wurzel, ARD Shanghai, zzt. Shenzhen
28.04.2020 11:45 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. April 2020 um 13:53 Uhr.

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