Die S-Bahn S21 fährt zur Premierenfahrt der digitalen, automatisch fahrenden S-Bahn Hamburg in den Bahnhof Dammtor ein. | dpa

Mobilitätswende S-Bahn fährt autonom durch Hamburg

Stand: 11.10.2021 15:28 Uhr

In Hamburg hat die erste vollautomatische S-Bahn den Betrieb aufgenommen - mit einem System, das auch bundesweit zum Einsatz kommen soll. Ist das die Zukunft des Nahverkehrs?

Von Simon Ritter, NDR

Wer in Hamburg mit der S-Bahn unterwegs ist, könnte zukünftig vollkommen autonom durch die Hansestadt fahren. Heute haben vier umgebaute automatisierte S-Bahnen ihren Betrieb zwischen den Stationen Berliner Tor und Bergedorf aufgenommen - zunächst für diese Woche im Rahmen des Mobilitäts-Kongresses ITS.

Die Strecke ist 23 Kilometer lang und wurde eigens dafür aufgerüstet. Der Zug kann selbstständig anfahren, beschleunigen und bremsen. Allerdings ist ein Zugtriebführer weiterhin am Fahrstand vor Ort, um die Fahrt zu überwachen und im Zweifel eingreifen zu können. Zum Rangiergleis, auf dem die S-Bahn wendet, fährt der Zug dann ganz ohne Personal.

90-Sekunden-Takt möglich

Fahrgäste merken von Neuerung während der Fahrt wenig. Bemerkbar macht sich die autonome Bahn aber in der höheren Taktung auf der Strecke. So soll es möglich sein, dass Züge im Abstand von nur noch 90 Sekunden unterwegs sind. Üblich ist auf der Strecke bislang mehr als doppelte.

Autonom fahrende Züge sind nichts neues. Beispielsweise rollt die U-Bahn in Nürnberg bereits seit einigen Jahren auf zwei von drei Strecken computergesteuert und auch ohne Zugtriebführer über die Gleise.

Der große Unterschied zur S-Bahn in Hamburg sind die Systeme: Die U-Bahn fährt in einem so genannten geschlossenen System. Die S-Bahn verwendet ein offenes System, das im gesamten Schienennetz und bei allen Zugttypen eingesetzt werden kann. Die Digitalisierung auf der Schiene sei ein "Schlüssel für die Mobilitätswende", sagte Richard Lutz Konzernchef der Deutschen Bahn.

Technik von Siemens

Technische Basis für den digitalen Bahnbetrieb ist der künftig europäische Standard ATO (Automatic Train Operation) - kombiniert mit dem europäischen Zugsicherungssystem ETCS (European Train Control System). Die Züge erhalten die Steuerungssignale über Funk. Die Technik kommt von Siemens Mobility.

"Mit unserer Technologie kann die Bahn 30 Prozent mehr Fahrgäste transportieren und die Pünktlichkeit verbessern", sagt Siemens-Vorstand Roland Busch. Die neue S-Bahn soll auch effizienter beschleunigen und abbremsen - was im Idealfall 30 Prozent Energie spart.

Investitionen von 60 Millionen Euro

Siemens und die Stadt Hamburg haben insgesamt 60 Millionen Euro in die digitale S-Bahn investiert, die Teil des DB-Programms Digitale Schiene Deutschland ist. Zum Fahrplanwechsel im Dezember sollen die Züge in den Regelbetrieb gehen. Zunächst werden sie dann unter realen Bedingungen getestet. Weitere Planungen zur Ausstattung der S-Bahn Hamburg bis Ende des Jahrzehnts laufen bereits. Perspektivisch soll die Technologie auch bundesweit im Regional- und Fernverkehr genutzt werden.