SAP-Unternehmenszentrale in Walldorf

Softwarekonzern schockiert Anleger SAP reißt DAX in die Tiefe

Stand: 26.10.2020 18:09 Uhr

Die Corona-Pandemie hat SAP nicht nur das dritte Quartal verhagelt. Auch die mittelfristigen Ziele sind für den Software-Konzern wohl nicht mehr erreichbar. Anleger reagieren unbarmherzig. Die Aktie erlebt den größten Kurssturz seit 1999 - und reißt den Dax mit in die Tiefe.

Schwarzer Tag für SAP-Aktionäre: Die Aktien des größten europäischen Softwarehauses stürzten am Montag zeitweise um mehr als 22 Prozent ab - so stark wie zuletzt Anfang 1999. Sie schlossen letztlich bei 97,66 Euro, ein Rückgang um 21,81 Prozent.

Damit gingen von den 468 Dax-Punkten, die heute verloren gingen, 331 oder rund zwei Drittel auf das Konto von SAP. Rund 33 Milliarden Euro Börsenwert wurden vernichtet - mehr als die gesamte Marktkapitalisierung des Rückversicherers Münchener Rück. Der Kurssturz von SAP trug also maßgeblich zum Kurssturz des Dax bei, der 3,7 Prozent absackte. SAP ist ein Schwergewicht im deutschen Leitindex. Der Kurs des Software-Konzerns rutschte erstmals seit Anfang April unter die Marke von 100 Euro. Im Sog von SAP brach auch der europäische Tech-Index gut sechs Prozent ein.

"Am Wendepunkt!" 

Das Unternehmen befinde sich an "einem Wendepunkt", teilte Firmenchef Christian Klein heute in einer Telefonkonferenz mit. Es gehe nun darum, SAP stärker in Richtung Cloud auszurichten und entsprechende Investitionen zu tätigen. Finanzchef Luka Mucic betonte: "Wir wollen ein Wachstumsunternehmen bleiben."

Dazu gibt es natürlich für einen börsennotierten Konzern, der in einem harten Konkurrenzkampf mit US-Technologie-Unternehmen wie Salesforce und Oracle steckt, auch keine Alternative. Der beschleunigte Umstieg in die Cloud werde laut Mucic sicherstellen, dass SAP den Weg als Cloud-Wachstumsunternehmen fortsetzen werde, während man sich gleichzeitig auf Kosteneinsparungen konzentriere.

Die Konkurrenz ist groß

SAP beobachtet derzeit einen schnelleren Umstieg seiner Kunden in die Cloud. Die Kunden fragten verstärkt Software aus der Cloud zur Nutzung über das Internet nach, so Klein. Und genau das muss SAP bieten, um vom US-Rivalen und Cloudmarktführer Salesforce nicht abgehängt zu werden.

SAP, Oracle, Salesforce
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SAP, Oracle, Salesforce - Performance im Fünfjahresvergleich

Mit Investitionen in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrages in den kommenden beiden Jahren will das Management deshalb noch stärker auf das Wachstum mit Software über das Internet setzen. Vor allem bestehende Kunden der SAP-Kernsoftware zur Unternehmenssteuerung sollen hin zu Cloudangeboten bewegt werden.

Abos für die Cloud

Das hat allerdings Folgen, denn das Cloudgeschäft ist noch immer nicht so profitabel wie die Softwareverkäufe gegen einmalige Lizenzgebühren. Cloudsoftware wird entweder in Abonnements über die Laufzeit bezahlt oder gegen eine Nutzungsgebühr.

Wie wichtig für das Management das Segment Cloud ist, zeigt auch die jüngste Akquisition. Vor wenigen Tagen hatte SAP bekanntgegeben, einen Anbieter von Omnichannel-Kundenbindungs-Plattformen in der Cloud, Emarsys, erwerben zu wollen. Mit Hilfe dieser Plattform sollen Unternehmen effektiver und persönlicher mit ihren Kunden in Kontakt treten können.

Christian Klein
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Christian Klein, SAP-Vorstandschef

Der schnellere Umstieg von Kunden auf Cloud-Programme wird jedenfalls das bisher in Aussicht gestellte Wachstum der bereinigten operativen Marge (bereinigtes Ebit) auf rund 34 Prozent bis 2023 voraussichtlich deutlich hemmen, wie SAP bereits am Sonntag mitgeteilt hatte. Das Cloudwachstum verhindert also den geplanten Margenanstieg.

Klein will langfristig denken

Vorstandschef Klein hat seinen Strategieschwenk hin zu mehr Wachstumsinvestitionen als notwendigen Schritt verteidigt: "Ich opfere den Erfolg unserer Kunden nicht der kurzfristigen Optimierung unserer Marge." Das Beibehalten der alten Mittelfristziele mit dem Fokus auf die eigene Profitabilität gegen deren Wünsche gewesen.

Aber auch die Pandemie hält den Technologie-Konzern im Griff und wirkt sich auf die Prognose aus. Die Nachfrage habe sich laut SAP im dritten wie auch laufenden Quartal weniger gut als geplant entwickelt. Inzwischen geht der weltgrößte Unternehmenssoftware-Anbieter davon aus, dass sich die Pandemie "voraussichtlich mindestens bis zur ersten Jahreshälfte 2021" negativ auswirkt und schraubte deswegen die mittelfristigen Erwartungen nach unten.

Weitere Kursinformationen zu SAP

Prognose gesenkt

Demnach könnte das Betriebsergebnis in den nächsten zwei Jahren auch "stagnieren oder etwas geringer" ausfallen. Konkret rechnet SAP 2020 nun mit einem währungsbereinigten Betriebsergebnis zwischen 8,1 und 8,5 Milliarden Euro (Vorjahr: 8,2 Milliarden). Bisher waren bis zu 8,7 Milliarden in Aussicht gestellt worden.

Beim Umsatz gehen die Walldorfer nun von 27,2 bis 27,8 Milliarden Euro aus statt der zuvor prognostizierten 27,8 bis 28,5 Milliarden. Im Gesamtjahr 2019 waren es 27,6 Milliarden Euro. Durch die Corona-Belastungen werden auch die für 2023 gesetzten Mittelfristziele um ein bis zwei Jahre nach hinten verschoben.

Solche Nachrichten schätzen die Anleger gar nicht. Hinzu kommt, dass die aktuellen Quartalszahlen zu wünschen übrig ließen. Der Umsatz blieb von Juli bis September wahrungsbereinigt stabil bei 6,54 Milliarden Euro. Das Betriebsergebnis stieg währungsbereinigt immerhin um 4 Prozent auf knapp 2,1 Milliarden Euro. Unter dem Strich bleibt aber ein Gewinnanstieg von 31 Prozent auf 1,65 Milliarden Euro. Dafür sorgte vor allem ein Bewertungseffekt bei der Beteiligungstochter Sapphire Venturs, die vorwiegend Geld in Start-Ups investiert.   

"Böse Überraschung"  

Für Marktteilnehmer war das Paket aus schwachen Zahlen zum dritten Quartal und zurechtgestutzten Prognosen "eine böse Überraschung", wie ein Händler formulierte. Viele Analysten wie Goldman-Sachs-Experte Mohammed Moawalla fanden, dass die Zahlen die Erwartungen unterboten hätten. Auch das Wachstum im Geschäft mit Cloud-Angeboten sei schwächer gewesen als erwartet.

Der befürchtete mittelfristige Margenrücksetzer sei nun da, schrieb Barclays-Analyst James Goodman. Der Fokus liege vor allem auf den Mittelfristzielen, die am Markt wohl sehr düstere Reaktionen zur Folge haben dürften. Das Paradies sei aufgeschoben worden, schrieb UBS-Analyst Michael Briest in einer ersten Reaktion. Geduld sei jetzt gefragt.

ts/ nb   

Quelle: boerse.ard.de

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Oktober 2020 um 11:00 Uhr.

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