Patricia Dias | Bildquelle: Claudia Araujo

Quote bei "São Paulo Fashion Week" Durchbruch für Brasiliens schwarze Models

Stand: 08.11.2020 22:56 Uhr

Die größte Modenschau Brasiliens hat eine 50-Prozent-Quote für schwarze Models durchgesetzt - ein historischer Schritt. Auf der "São Paulo Fashion Week" soll die Bevölkerung angemessen repräsentiert werden.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Fernanda Ladislau über den weltberühmten Copacabana-Boulevard stolziert, zieht sie die Blicke vieler Passanten auf sich. Sie ist eines der wenigen schwarzen Models aus Rio de Janeiro, das es auf das Cover internationaler Modemagazine geschafft hat. Ihre Hautfarbe war für ihre Karriere stets hinderlich, sagt sie, denn "schwarze Frauen fassen nur schwierig Fuß in Brasiliens Modebranche". Ladislau hatte sich vor Jahren sogar ihren Afro abrasiert, weil viele Stylisten und Friseure in der Branche damit nicht umgehen konnten.

Dies soll sich nun ändern, zumindest wenn es nach den Machern der größten Modenschau Brasiliens, der "São Paulo Fashion Week", geht. Sie hatten im Vorfeld der diesjährigen Show einen Brief an alle teilnehmenden Modemarken verschickt. Mitmachen dürfe nur, wer mindestens 50 Prozent afrikanisch-stämmige, indigene oder asiatische Models beschäftige. Zuvor hatte lediglich eine Quote von 20 Prozent gegolten.

Das Model Fernanda Ladislao lächelt in die Kamera.
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Das Model Fernanda Ladislau berichtet, ihre Hautfarbe sei für ihre Karriere stets hinderlich gewesen.

Tod von George Floyd als Auslöser

Es handelt sich um die erste Modeschau weltweit, die diesen Schritt geht. Der Wunsch nach einer angemessenen Repräsentation der brasilianischen Bevölkerung war nicht nur vom Publikum, sondern auch von einigen Modeunternehmen geäußert worden. Auslöser war laut Direktor Paulo Borges der Tod des schwarzen US-Amerikaners George Floyd sowie die anschließenden Proteste der Black Lives Matters Bewegung. Auch in São Paulo wurde demonstriert. Stärker als in anderen Städten Brasiliens gingen im Juni afrobrasilianische Aktivisten auf die Straße - unterstützt von Fußball-Ultras und Menschenrechtlern.

In São Paulo sind soziale Bewegungen schon immer gut organisiert und besser vernetzt gewesen als anderswo in Brasilien. Entwicklungen in den USA werden hier schnell aufgegriffen und in politische Forderungen umgewandelt. Deshalb spiegelt die Entscheidung des Modetreffs die veränderte Stimmung in der Mega-Metropole wider.

Künstlich heller geschminkt

Seit langem wurden Vorwürfe gegen die Modebranche erhoben. Hinter den Kulissen gebe es Rassismus. Diese Kritik kann Ex-Model Patricia Dias nur unterstreichen. "Es ist kein offener Rassismus", sagt die 48-Jährige, "sondern eine andauernde unterschwellige Erniedrigung." So hätten ihre Fotos stets gelb ausgesehen, weil Dias künstlich heller geschminkt wurde. Immer hätten Agenten oder Label-Chefs an ihr herumgemäkelt.

Mittlerweile arbeitet Dias selbst als Agentin und versucht, schwarze Models auf die wichtigsten Laufstege zu bringen. Auch Ladislau hat sie unter ihre Fittiche genommen. Die Zeitenwende bei der Modenschau in São Paulo begrüßen beide Frauen. Doch dies dürfe nur ein Anfang sein, fordern Dias und Ladislau. Afrobrasilianische und indigene Brasilianerinnen und Brasilianer sollten in der gesamten Branche durch Quoten gefördert werden - zum Beispiel Fotografen, Visagisten und Stylisten.

Erstmals authentisches Spiegelbild der Gesellschaft

Trotz Quote wird es aber auch in diesem Jahr keines der Models auf den Laufsteg und ins Rampenlicht von São Paulo schaffen. Denn wegen der Corona-Pandemie wurde die fünftgrößte Modenschau ins Virtuelle verlegt. Alle Designer haben Videos produziert, in denen die Models zum Beispiel elegant durch Straßenschluchten wandeln oder in wallenden  Kleidern vor Industrie-Gerüsten posieren. Die neue 50-Prozent-Regel fällt Kennern sofort ins Auge. Noch nie waren schwarze Brasilianerinnen derart oft vertreten wie in diesem Jahr - zum ersten Mal also ein authentisches Spiegelbild der brasilianischen Gesellschaft.

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