Ein Älteres Paar, das Yoga praktiziert und im sonnigen Garten meditiert.  | picture alliance / Zoonar

Zukunft der Altersvorsorge Wie ehrlich sind die Parteien bei der Rente?

Stand: 24.09.2021 16:12 Uhr

Die Löcher in der Rentenkasse werden immer größer. Doch die bisherigen Ankündigungen der Parteien halten viele Experten für wenig überzeugend. Sie dringen auf schnelle Entscheidungen.

Von Daniel Hoh, HR

Der Blick auf die Statistik macht zunächst gute Laune: Die Deutschen leben immer länger. Aktuell liegt die Lebenserwartung bei Männern laut Statistischem Bundesamt bei 78,6 Jahren, Frauen werden durchschnittlich 83,4 Jahre alt, Tendenz weiter steigend. Für das Jahr 2060 rechnet die Behörde noch einmal mit einem Plus von drei bis 7,6 Jahren, je nach Szenario.

Was Bürgerinnen und Bürger freut, macht dem Rentensystem auf der anderen Seite zu schaffen. Die Löcher in der Rentenkasse werden immer größer. "In den nächsten 15 Jahren gehen die Babyboomer in Rente, und dadurch verschiebt sich die Relation zwischen Beitragszahlern und Rentenbeziehern ganz dramatisch", sagt Martin Werding, Sozialökonom an der Universität Bochum. Die Babyboomer, das sind die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1960 und 1970. Damals kamen auf einen Rentner noch 3,8 Beitragszahler. Aktuell liegt das Verhältnis bei 1,9. Und laut Prognose des Bundesarbeitsministeriums werden im Jahr 2034 auf eine Rentnerin nur noch 1,5 Beitragszahlerinnen kommen.

Pläne für mehr Beitragszahler

Die Demographie verschärft die Situation für die Rentenkasse. Die Parteien haben das Problem zwar längst erkannt, deren Konzepte sind aus Sicht von Rentenexperte Werding aber lückenhaft. Beispiel: die Zahl der Beitragszahler. Alle im Bundestag vertretenen Parteien - außer der FDP - wollen mehr Menschen verpflichten, in die staatliche Rentenversicherung einzuzahlen. Dazu gehören zum Beispiel Selbstständige, Beamte, Politiker oder mehr Zuwanderer. "Das ist ein Stück weit aber nur eine zeitliche Verlagerung der Probleme", sagt Werding. Zwar schaffe man so mittelfristig mehr Beitragszahler, aber später natürlich auch höhere Rentenansprüche. "Man kann damit nicht irgendeine Situation überbrücken oder untertunneln, weil es nach 2035 mit der Demographie auch nicht wieder besser wird."

Die Zeit drängt, denn schon in den nächsten Jahren wird die Rücklage der Rentenversicherung - derzeit 34,2 Milliarden Euro - deutlich abschmelzen. Das liegt unter anderem an der sogenannten "doppelten Haltelinie": Die Bundesregierung hatte beschlossen, bis einschließlich 2025 das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent fallen und den Rentenbeitrag nicht über 20 Prozent steigen zu lassen. Und für ein höheres Renteneintrittsalter, die dritte große Stellschraube im Umlagesystem, setzt sich keine Partei im Bundestagswahlkampf ein.

Rentenalter an Lebensalter koppeln?

Dabei müsse man an den großen Stellschrauben drehen. "Andernfalls steigen die Ausgaben auf Dauer deutlich stärker als die Einnahmen", stellte 2019 die Bundesbank in einer Analyse fest. Sie schlägt eine Kopplung von Renteneintrittsalter und Lebensalter vor - so wie das auch die EU-Kommission, die Industrieländer-Organisation OECD und der Internationale Währungsfonds (IWFI propagiert haben. Und wie es auch Axel Börsch-Supan vorschwebt, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging und Mitglied der vergangenen Rentenkommission der Bundesregierung.

"Man muss also kein festes Rentenalter setzen, keine Rente mit 67 oder 68, sondern sagen, wenn wir länger leben, dann muss man so viel länger arbeiten, damit das Verhältnis gleichbleibt", sagt Börsch-Supan. Man müsse flexibel auf die demographische Entwicklung reagieren. Schließlich könne die Lebenserwartung, wie derzeit in den USA, ja auch wieder sinken.

Zuschüsse belasten Bundeshaushalt

In der Vergangenheit hat die Bundesregierung Löcher in der Rentenkasse aber vermehrt mit Steuerzuschüssen gestopft. Laut Finanzplanung des Bundes wird der Zuschuss in diesem Jahr 106,4 Milliarden Euro betragen. AfD und Grüne können sich laut ihrem Wahlprogramm künftig sogar noch höhere Steuerzuschüsse vorstellen. Für Börsch-Supan ist das ein Unding: "Man kann sich nicht auf den Steuersäckel verlassen, das ist billige Wahlkampfpropaganda, die wir im Augenblick hören."

Würde man den Bundeshaushalt weiter mit der Rentenversicherung belasten, fehlte nachher das Geld für Bildung, Infrastruktur oder auch den Klimawandel. "Deswegen muss man sich also hüten zu sagen, das ist ein Kuh, die man beliebig melken kann. Nein, das kann man eben nicht", so Börsch-Supan. Entscheidungen wie die Rente mit 63 hätten das System zusätzlich belastet.

Kapitalgedeckte Rente nach skandinavischem Vorbild?

In einem Punkt sind sich die großen Parteien, außer Linke und AfD, einig: Künftig soll die Rente stärker kapitalgedeckt sein, etwa in Form eines Staatsfonds. Einen kleinen Teil der Rente würde der Staat dann also in Wertpapiere und andere Vermögenswerte anlegen und selber verwalten. Die Grünen nennen ihr Modell einen "Bürger*innenfonds", die CDU spricht von einer "Generationenrente", die FDP von einer "Aktienrente" und die SPD verweist auf ein Angebot einer öffentlichen Institution "nach schwedischem Vorbild".

Schweden hat mit solch einem staatlichen Rentenfonds in der Vergangenheit gute Erfahrungen gemacht. Trotz Schwankungen an den Aktienmärkten waren die langfristigen Renditen stabil. Taugt solch ein Modell auch für Deutschland? Immerhin: Diese Idee finden auch viele Experten gut. "Das ist im Grunde das Mittel der Wahl", sagt Experte Werding: nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum bisherigen Rentensystem.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 24. September 2021 um 11:00 Uhr.