Chefredakteur Harris und Geschäftsführer VandeHei vor "Politico"-Logo

Nachrichtenseite "Politico" startet in Brüssel US-Erfolgsportal jetzt auch in Europa

Stand: 21.04.2015 05:50 Uhr

In den USA ist es die Quelle für Politik-Interessierte: "Politico", ein überaus erfolgreiches Internet-Portal und Nachrichtenmagazin, das oft die Tages-Agenda bestimmt. In Zusammenarbeit mit dem Springer-Verlag startet heute in Brüssel "politico.eu".

Von Martin Ganslmeier, ARD-Hörfunkstudio Washington

Was bringt der Tag an wichtigen politischen Ereignissen? Welche sind die besten Geschichten, die schon am frühen Morgen für Schlagzeilen sorgen? Welcher Politiker wurde am Vorabend in welchem Restaurant gesichtet? Um dies zu erfahren, hätte man sich bis vor zehn Jahren mühsam durch mehrere Zeitungen wühlen müssen. Das Online-Magazin "Politico" bietet all diese Informationen jeden Morgen im Internet - und ist somit zur ersten Anlaufstelle für Politik-Profis in Washington geworden.

Martin Ganslmeier

"Unser Zielpublikum sind Polit-Profis, Abgeordnete, Assistenten und Angestellte im Weißen Haus. Wir sind eine Insider-Publikation, dafür schämen wir uns nicht", sagt "Politico"-Geschäftsführer Jim VandeHei.

Das Konzept heißt "online first"

Sowohl er als auch Chefredakteur John Harris kamen von der "Washington Post". Den ewigen Streit dort zwischen den klassischen Print-Journalisten und den Onlinern waren sie irgendwann leid. Das traditionelle Modell der Kauf-Zeitung mit angeschlossener Internet-Seite stellten sie auf den Kopf. Bei "Politico" gilt "online first". Die wichtigsten Stories erscheinen anschließend nochmal als kostenlose Print-Ausgabe.

Weißes Haus in Washington

Häufig bestimmt "Politico" in Washington die Agenda.

Den Erfolg machen jedoch Angebote wie das frühmorgendliche "Playbook" von Mike Allen aus. Damit "stehen die Leute im wahrsten Sinne des Wortes auf. Ich kenne viele Leute, die lesen das Playbook noch im Bett, bevor sie aufstehen", erklärt Chefredakteur Harris. Mike Allens "Playbook" ist eine Mischung aus flott geschriebener Tagesvorschau und einer Best-of-Auslese des bestinformierten Journalisten in Washington. Damit bestimmt "Politico" häufig die Agenda in der US-Hauptstadt.

Wo die Wirklichkeit "House of Cards" übertrifft

Das soll auch "Politico Europe" mit einer Morgenkolumne gelingen. Dafür wurde der Brüssel-Insider Ryan Heath gewonnen, früher Sprecher von Neelie Kroes, der Vizepräsidentin der EU-Kommission.

Aber funktioniert eine Morgenkolumne im grauen Eurokraten-Brüssel genau so gut wie in Washington, wo die Wirklichkeit manchmal die Serie "House of Cards" übertrifft? John Harris ist zuversichtlich: "Unser Ansatz war immer: Politik ist zwar ein ernstes Geschäft, aber es birgt auch faszinierende menschliche Dramen. Dieser Ansatz könnte auch in Brüssel funktionieren."

In Washington jedenfalls ist "Politico" auch wirtschaftlich erfolgreich. Weil man jeden Monat vier bis fünf Millionen Nutzer und vor allem die politischen Entscheider erreicht, schalten Lobbyverbände und Unternehmen ganz gezielte Anzeigen und Werbespots. Die Werbeeinnahmen machen 60 Prozent des Etats aus.

Die anderen 40 Prozent erbringt das kostenpflichtige Angebot "Politico Pro". Für bis zu 9000 Dollar im Jahr können Politik-Profis exklusive und besonders schnelle Informationen abonnieren: vor allem über Spezialgebiete wie Verteidigung, Bildung, Finanzen und Cybersicherheit.

Schwerpunkte: Energie, Technologie, Gesundheit

Das Sonder-Abo von "Politico Europe" startet zunächst mit drei Schwerpunkten: Energie, Technologie und Gesundheit. Den Start in Brüssel lassen sich der Axel-Springer-Verlag und "Politico" einen zweistelligen Millionenbetrag kosten - in der Hoffnung, dass sich das Erfolgsrezept aus Washington übertragen lässt. Schließlich gibt es auch in Brüssel jede Menge Lobbyisten und Politik-Junkies.

Dieser Beitrag lief am 21. April 2015 um 05:17 Uhr im Deutschlandradio Kultur.