Opelwerk in Rüsselsheim | REUTERS

Verlagerung nach Marokko Was hat Stellantis mit Opel vor?

Stand: 21.10.2021 12:39 Uhr

Unruhe in Rüsselsheim: Die französische Konzernmutter Stellantis will angeblich das Opel-Werk ausgliedern und Entwicklungskapazitäten nach Marokko verlagern. Was bedeutet das für Zukunft der Marke Opel?

Tausende "Opelaner" sind beunruhigt. Vor allem am Standort Rüsselsheim bangen sie um ihre Jobs - seit den kürzlich bekannt gewordenen Plänen der Stellantis-Mutter, die Produktionswerke Rüsselsheim und Eisenach aus der deutschen Einheit Opel herauszulösen. "Viele Mitarbeiter sind total frustriert", sagt ein Gewerkschafter.

Entwickler-Jobs nach Marokko?

Auch bei den Ingenieuren im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim geht die Angst vor einem Kahlschlag um. Angeblich sollen ihnen Vorgesetzte mit der Verlagerung von Aufgaben nach Marokko gedroht haben. In einer internen Mitteilung des Opel-Betriebsrats an die Beschäftigten klagten Entwickler, sie seien in Personalgesprächen unter Druck gesetzt worden. Ihnen sei mitgeteilt worden, dass sie zu teuer seien und ihre Tätigkeiten nach Marokko verlagert werden sollen.

Tatsächlich plant Stellantis den Ausbau seines marokkanischen Werks in Kenitra. In diesem Jahr sollen Hunderte Stellen für Top-Ingenieure und Techniker geschaffen werden. Die Zahl der Mitarbeiter solle von 2500 auf 3000 steigen, heißt es in der Zeitung "Daily Morocco". Die Marokko-Pläne schreckten auch die regionalen Medien auf. "Opel-Jobs künftig in Marokko?", fragte das "Darmstädter Echo". Und die "Frankfurter Neue Presse" warnte vor einer "weiteren Demontage" von Opel.

IG Metall droht mit "hartem Konflikt"

Die Gewerkschaften reagierten besorgt. "Der Stellantis-Konzern sollte sich bewusst sein, dass Ausgliederungen und Produktverlagerungen nicht widerstandslos hingenommen werden", erklärte Jörg Köhlinger, Bezirkschef der IG Metall Mitte und Mitglied im Opel-Aufsichtsrat. Er drohte Stellantis mit "einem harten Konflikt".

Der Stellantis-Konzern versuche, Produktentscheidungen und Standortbelegungen völlig intransparent durch die Hintertür durchzusetzen, um Tarif- und Mitbestimmungsstrukturen zu umgehen, sagte er tagesschau.de. So sollten offensichtlich zusätzliche Kapazitäten für den Anlauf des neuen Modells Grandland außerhalb von Eisenach aufgebaut werden, um die jeweiligen Belegschaften unter Druck setzen zu können. Das Auto müsse exklusiv in Eisenach gebaut werden, forderte der gewerkschaftliche Unternehmensbeauftragte, Rudolf Luz. Schon jetzt wird der Grandland teilweise in Frankreich gefertigt.

Die Ankündigung von Opel, eine Herauslösung der Werke in Eisenach und Rüsselsheim aus dem Opel-Verbund zu prüfen, folge keiner wirtschaftlichen Logik, moniert auch Gesamtbetriebsratsvorsitzender Uwe Baum. "Es ist vielmehr der Versuch einer Flucht aus der Mitbestimmung." Die Zerschlagung diene aus seiner Sicht einzig und allein dem Ziel, die erfolgreiche Mitbestimmung in Deutschland zu schwächen, erklärte er gegenüber tagesschau.de.

CGM warnt vor Ende der Marke Opel

Noch schärfer kritisiert die weniger einflussreiche christliche Gewerkschaft CGM die Stellantis-Pläne. Sie befürchtet das Ende der Marke Opel. Die Ausgliederung der Produktion in Rüsselsheim und Eisenach bedeute, dass das Herz von Opel herausgenommen und rechtlich isoliert wird, sagte der hessische CGM-Geschäftsführer und Opel-Konzernbeauftragte Elmar König zu tagesschau.de. Aufträge für Modelle gebe es in Zukunft nur noch für die Werke mit den geringsten Kosten. Es sei zu befürchten, dass die deutschen Produktionsstandorte zu teuer seien und dank rechtlicher Selbständigkeit einfach verkauft werden.

Sollte Opel dann nur noch im Ausland gebaut werden, dürfte der Absatz auf dem deutschen Heimatmarkt massiv einbrechen, prophezeit König. Dies würde die Marke Opel unmittelbar gefährden, weil der Stellantis-Chef Carlos Tavares nur auf die Kosten schaut. Dabei habe doch der neue Astra das Potential zu einem Kassenschlager und die Mitarbeiter hätten eine Ruhepause bei den Veränderungen verdient, wo Opel seit drei Jahren respektable Gewinne mache.

Brandbrief der Politik an Tavares

Wenn Tavares gewollt hätte, hätte er das Opel-Entwicklungszentrum für eine schnelle Umstellung der Opel-Produktion auf reine Elektro-Mobilität nutzen können, meint König. "Aber warum sollte er einen technologischen Vorsprung des PSA-Konzerns zugunsten eines deutschen Entwicklungszentrums aufgeben, um dann noch eine deutsche Auto-Marke zum Leuchtturmprojekt innerhalb des Konzerns zu machen?"

Auch die Politik zeigt sich inzwischen alarmiert. Die Ministerpräsidenten von Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen schrieben einen Brandbrief an Tavares. Sie verlangten nähere Informationen und eine Rückkehr zur vertrauensvollen Kommunikation über die aktuelle Situation des Unternehmens und seiner Standorte in Rüsselsheim, Kaiserslautern und Eisenach.

Rückkehr auf die Gewinnspur

Dabei schien Opel auf einem guten Weg zu sein. Nach 20 Jahren mit roten Zahlen schaffte die Marke mit dem Blitz 2017 die Wende. Seitdem das Unternehmen, das jahrelang zu General Motors (GM) gehörte, vom Peugeot-Konzern Stellantis übernommen wurde, geht es aufwärts. Mit Modellen wie dem neuen Opel Astra gelangen dem Unternehmen kleine Erfolgscoups.

Doch die Ruhe scheint nur kurz gehalten zu haben. Seit 2019 befindet sich das Entwicklungszentrum in Rüsselsheim in der Umstrukturierung. Vor rund zwei Jahren wurde ein Teil des Zentrums an den Dienstleister Segula Automotive abgegeben. 700 Beschäftigte wanderten dahin ab. Seither schrumpft die Zahl der Mitarbeiter immer weiter. In diesem Jahr sollen fast 300 weitere Stellen abgebaut werden. Übrig bleiben sollen dann noch 2650 Jobs.

Dudenhöffer: Rüsselsheimer Werk wird an Bedeutung verlieren

Inzwischen hat Opel keinen eigenen Entwicklungschef mehr. Vielleicht auch deshalb zog sich Michael Lohrscheller im September als Opel-Chef zurück, munkeln Insider. Sein Nachfolger, Uwe Hochgeschurtz, kennt sich mit französischen Konzernen aus. Er war vorher jahrelang bei Renault Deutschland.

Hochgeschurtz werde sich bei Opel wie einst bei Renault Deutschland auf den Vertrieb konzentrieren, mutmaßt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Den Rest mache Paris. Der Plan von Stellantis-Chef Tavares könnte sein, die gut eine Million Autos von Opel zu behalten, und gleichzeitig die Entwicklungskosten einzusparen, sagt Dudenhöffer. Ob das gut gehe, werde sich zeigen. Im "Markensalat" von Stellantis habe Opel einen schweren Stand. Dudenhöffer rechnet damit, dass das Werk in Rüsselsheim in Zukunft deutlich kleiner werde und womöglich eines Tages verschwinde.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Oktober 2021 um 17:20 Uhr und am 19. Oktober 2021 um 05:26 Uhr.