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Millionenforderung Klage gegen Ex-Neckermann-Führung

Stand: 26.04.2018 18:00 Uhr

Die Pleite des einstigen Versandhandelsriesen Neckermann könnte ein Nachspiel für die damalige Führung haben. Nach Recherchen von WDR und SZ verlangt der Insolvenzverwalter 19,1 Millionen Euro.

Von Massimo Bognanni, WDR

Sechs Jahre nach der Pleite des Versandhändlers Neckermann steht der früheren Führungsriege Ärger ins Haus. Nach Recherchen von WDR und "Süddeutscher Zeitung" hat Insolvenzverwalter Michael Frege vor dem Landgericht Frankfurt eine Klage gegen 16 ehemalige Manager und Aufsichtsräte des Traditionsunternehmens eingereicht, das am Ende Neckermann.de hieß.

Unter den Beklagten findet sich die Geschäftsführung um Ex-Chef Henning Koopmann ebenso wie Mitglieder des Aufsichtsrats. Das Landgericht bestätigte auf Anfrage die Klage. Ein Verhandlungstermin sei noch nicht festgelegt.

Mit Michael Frege heftete sich einer der erfahrensten Insolvenzverwalter der Republik an die Fersen der einstigen Neckermänner. Frege begleitete Dutzende Unternehmenspleiten, unter anderem die der Deutschlandtochter des Bankhauses Lehman Brothers.

Millionenausgaben nach der Pleite

Im Fall Neckermann erhebt Frege gemeinsam mit seinem Kollegen Joachim Kühne schwere Vorwürfe. Das geht aus der Klageschrift hervor, die WDR und SZ vorliegt. Millionenzahlungen, die vom Management veranlasst wurden, sind demnach "nicht mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsmanns vereinbar". Die Geschäftsführung habe ohne "unmittelbare und gleichwertige Gegenleistung" Millionensummen ausgegeben, als die Pleite schon längst eingetreten gewesen sei. Der Aufsichtsrat sei seinen Kontrollpflichten nicht nachgekommen.

Der Vorwurf geht zurück auf die Geschehnisse des Sommers 2012. "Neckermann macht's möglich" - mit diesem Slogan hatte der Versandhändler aus Frankfurt jahrzehntelang um die Gunst der Deutschen gebuhlt. Neckermann machte bibeldicke Versandkataloge möglich, später dann auch Pauschalreisen und den Einkauf über das Internet. Doch die Erfolgsmarke, deren Nimbus sich im deutschen Wirtschaftswunder formte, verlor zusehends an Strahlkraft.

Neckermann

Josef Neckermann gründete 1950 in Frankfurt am Main die Neckermann Versand KG. Sein erster Katalog mit Textilien war nur zwölf Seiten dick. Der Versandhandel wuchs im Wirtschaftswunder zunächst rasant. Auch Neckermann-Pauschalreisen kamen beim Publikum an ebenso wie der in den 60er-Jahren entwickelte Slogan "Neckermann macht’s möglich".

In den 70er-Jahren drehte sich der Wind, Neckermann schrieb zunehmend Verluste. Erst durch den Einstieg der Karstadt AG 1977 konnte das Unternehmen gerettet werden. Nach der Jahrtausendwende geriet Neckermann abermals in die Krise. Der Mutterkonzern Karstadt-Quelle benannte Neckermann 2005 in "Neckermann.de" um.

2008 übernahm der US-Investor Sun Capital nach und nach die Neckermann.de-Anteile. 2012 meldete das Unternehmen Insolvenz an. Im gleichen Jahr kaufte Konkurrent "Otto" die Namensrechte an Neckermann.de und betreibt unter der Domain bis heute einen Onlinehandel, der mit dem ursprünglichen Unternehmen aber nichts zu tun hat.

Insolvenz zu spät gestellt?

Im Mai 2012 kämpfte Neckermann.de ums Überleben. Das Traditionsunternehmen gehörte da zu 100 Prozent Sun Capital, einem Finanzinvestor aus den USA. Jahrelang hatten die Amerikaner Verluste hingenommen. Zuletzt verbrannte Neckermann.de jeden Monat Millionen. Die Investoren stellten ein Ultimatum: Entweder verließen zahlreiche Mitarbeiter ohne Abfindung das Unternehmen oder Sun Capital werde den Geldhahn abdrehen. Betriebsräte der Neckermann-Logistik lehnten dies ab. Am 23. Mai 2012 scheiterten die Verhandlungen. Wochen später meldete Neckermann.de schließlich Insolvenz an.

Schriftzug des Handelsunternehmens Neckermann
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2012 musste Neckermann Insolvenz anmelden.

Das sei viel zu spät gewesen, meint nun Insolvenzverwalter Frege. Er ist der Ansicht, dass  Neckermann schon im März 2012, spätestens aber nach den gescheiterten Verhandlungen am 23. Mai 2012 überschuldet war und hätte Insolvenz anmelden müssen. Ab diesem Moment, heißt es in der Klageschrift, habe für Neckermann.de keine "positive Fortbestehungsprognose" mehr bestanden. Neckermann sei "insolvenzreif" gewesen. Tatsächlich trat das Management erst am 18. Juli 2012 den Gang zum Amtsgericht an.

Kosten für Marktforschung, Werbung und IT-Projekte

In den Wochen zwischen dem 23. Mai und 18. Juli soll der Versandhändler noch Rechnungen in Höhe von 171,6 Millionen Euro bezahlt haben - so berechnete es ein Sachverständiger im Auftrag des Insolvenzverwalters. Knapp 20 Millionen Euro, so die Einschätzung des Gutachters, seien ohne "unmittelbare und gleichwertige Gegenleistungen" erfolgt. Auch für den Fortlauf des Geschäftsbetriebes seien diese Zahlungen nicht zwingend notwendig gewesen. Dieses Geld verlangt der Verwalter nun zurück.

Strittig sind Kosten für Marktforschung und Werbung von mehr als acht Millionen Euro und  IT-Projekte mit 1,8 Millionen. Für rechtswidrig hält der Insolvenzverwalter auch Überweisungen an die ausländischen Vertriebstöchter "Happy Size" über vier Millionen Euro. Mehr als eine Million Euro gab Neckermann laut Verwalter noch unnötig an Sondervergütungen und Abfindungen aus.

Anwalt weist Vorwürfe zurück

Die Insolvenzverwalter bestätigten die Klage, wollten sich zu Details jedoch nicht äußern.  Auf die Anfrage von WDR und SZ wollten sich weder der Anwalt der Geschäftsführer noch der frühere Neckermann.de-Chef Koopmann zu der Klage äußern.

Hinter vorgehaltener Hand hieß es unter den Betroffenen, die Klage sei möglicherweise ein Versuch des Insolvenzverwalters, auf deren Managerhaftpflichtversicherung zuzugreifen. Tatsächlich hatten die Neckermann.de-Verantwortlichen eine entsprechende Police bei einem Versicherungskonzern. Sollten die Beklagten den Prozess verlieren, müsste wohl die Versicherung den Schaden zahlen.  

Doch soweit soll es aus Sicht des Anwaltes der Beklagten nicht kommen. In einer Klageerwiderung, die WDR und SZ vorliegt, findet der Jurist deutliche Worte. In der Darstellung des Insolvenzverwalters sei "so gut wie nichts richtig". Der Kläger schreibe sich "verzerrend einen Sachverhalt zurecht".

Sechs Jahre nach dem Überlebenskampf um die Traditionsmarke Neckermann ist offenbar ein neuer Streit entfacht. Dieses Mal geht es nicht um die Zukunft des Versandhandels. Dieses Mal geht es nur noch ums Geld.

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