Menschen stehen am Freiburger Impfstützpunkt für eine Corona-Impfung an | dpa

Engpässe bei Vakzinen "Katastrophe für Impfaktion"

Stand: 30.11.2021 07:41 Uhr

Nach der Rationierung des BioNTech-Impfstoffs klagen Hausarztpraxen über zu wenige verfügbare Impfdosen. In Freiburg geht man derweil eigene Wege - und setzt auf Moderna als Booster-Impfstoff.

Von Jenni Rieger, SWR

Kaum ins Netz gestellt, waren die Termine auch schon ausgebucht. Am Impfstützpunkt an der Messe Freiburg bildete sich eine lange Schlange der Impfwilligen. Und das, obwohl sie hier an diesem Tag nicht die Wahl, sondern die ganz klare Ansage erwartet: Heute gibt es "nur" Moderna.

Jenni Rieger

"Das ist mir völlig egal, was ich kriege", sagt Markus Dohinger. "Ich hab noch nie gefragt, was ich für einen Impfstoff kriege und das tue ich jetzt auch nicht."  Hinter ihm steht Veronika Schwarz. "Ich habe Vertrauen in die Impfung. Mir ist wichtig, dass ich geboostert bin." 

Hauptsache geboostert

Denn Boostern, darum geht es ausschließlich im Freiburger Impfstützpunkt. Alle über 30-Jährigen können sich hier eine Auffrischimpfung holen - und die Nachfrage ist riesig. Auch Thorsten Hammer, der Leiter des Freiburger Impfstützpunkts kann keine Zurückhaltung bezüglich des Moderna-Impfstoffes erkennen: Die Nachfrage sei riesig, berichtet er.

Hammer sieht diese Impfaktion auch als Antwort auf die Ansage des Gesundheitsministers, BioNTech-Lieferungen von dieser Woche an zu begrenzen. Man habe deshalb nach Alternativen gesucht und sie im Moderna-Impfstoff gefunden: "Es gibt genügend Menschen, die ein abgeschlossenes Impfschema mit BioNTech haben", sagt er. "Die kann man mit gutem Gewissen jetzt mit Moderna boostern, so dass wir jetzt BioNTech für Jüngere unter 30 zurückhalten, um nicht an Kapazitätsengpässe zu kommen."

Dass beide Impfstoffe, BioNTech und Moderna, als gleich wirksam zu betrachten seien, betont auch der Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie an der Charité Berlin, Leif Erik Sander. "Die Impfstoffe sind im Grunde genommen exakt baugleich und man hat auch in den ganzen Studien gesehen, dass beide extrem gut funktionieren. Wenn überhaupt, könnte es einen kleinen Vorteil beim Moderna-Impfstoff geben, was daran liegt, dass die Dosierung etwas höher ist."

Erhöhter Informationsbedarf

Dennoch hatte die Ankündigung von Gesundheitsminister Spahn, von dieser Woche an vermehrt mit Moderna impfen zu lassen, Sorgenfalten auf der Stirn vieler Mediziner erscheinen lassen. Denn da viele Menschen ihre Erstimpfung mit BioNTech erhalten hätten,  entstünde ein erhöhter Informationsbedarf bei den Patienten. Diese Gespräche kosteten Zeit, meint die Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Und Zeit sei momentan genau das, was Hausärzte am wenigsten haben: Während sie in der Kalenderwoche 36, Anfang September, gerade mal 620.000 Patienten impften, waren es in der Kalenderwoche 46, also Mitte November, ganze 1,8 Millionen. Zahlen, die zeigen, dass die Impfbereitschaft deutlich angezogen hat.

Eine gute Nachricht, die die Ärzte jedoch vor ein neues Problem stellt - denn auf einen solchen Ansturm war man nicht vorbereitet. Und so wird der Impfstoff in den Praxen inzwischen knapp.

"Wir haben Ansagen vom Großhandel, dass auch Moderna nächste Woche nur eingeschränkt bestellbar ist", klagt Dr. Nicola Buhlinger-Göpfarth, die eine Praxis in Pforzheim betreibt. "Also, wir können bestellen wie verrückt, aber wir werden nicht geliefert bekommen. Das ist natürlich eine Katastrophe für unsere Impfaktionen. Die Ärzteschaft hat sich jetzt aufgestellt, hat eine Menge Termine vergeben, hat Strukturen geschaffen, und man kann schon fast von einer Sabotage der niedergelassenen Ärzteschaft sprechen."

Zwei Millionen Dosen fehlen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung bestätigt Lieferprobleme bei den Impfstoffen: "Etwa die Hälfte der BioNTech/Pfizer-Bestellungen für diese Woche kann durch den Bund nicht bedient werden, sodass viele Praxen weniger Impfstoff erhalten, als sie bestellt haben. Insgesamt fehlen rund zwei Millionen Dosen." Bei Moderna sei die Bestellmenge auf fast vier Millionen Booster-Dosen angestiegen. Auch hier könne es regional zu Kürzungen kommen.

Generell kritisiert die Vereinigung, dass "das Kürzen der Bestellungen die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte vor massive Probleme stellt, mit denen ihr enorm hohes Engagement ohne Not ausgebremst wird."

"So viele tolle Versprechungen"

Warum in den Arztpraxen zu wenig Impfstoff ankommt - ob es an der Logistik liegt oder an einer generellen Impfstoffknappheit -, dazu gibt es unterschiedliche Aussagen.

Sicher ist: Die Menschen stehen Schlange. Sei es in den Hausarztpraxen oder vor Impfstützpunkten wie in Freiburg. Dort hat man heute im Laufe des Tages 500 Dosen Moderna verimpft. In der kommenden Woche soll die Kapazität am Impfstützpunkt auf 3000 Impfungen täglich gesteigert werden - vorausgesetzt, es ist genügend Impfstoff vorhanden.

Eine Prognose mag der Leiter des Impfstützpunkts nicht wagen. "Wir haben so viele Versprechungen bekommen aus diversen Ministerien auf Bundes- und Landesebene, was wir alles für tolle Lieferungen bekommen", sagt Thorsten Hammer. "Aus den Erfahrungen der letzten zehn Monate glaube ich immer erst an den Impfstoff, wenn er in der Apotheke angekommen ist."

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell im Hörfunk am 26. November 2021 um 20:17 Uhr.