Menschen stehen vor einem HVV Fahrkartenautomat | Bildquelle: imago/Chris Emil Janßen

ADAC vergleicht ÖPNV-Preise Die Verzweiflung am Ticket-Automaten

Stand: 19.06.2019 16:13 Uhr

Der ADAC hat die Preise im öffentlichen Nahverkehr von deutschen Städten untersucht. Dabei zeigen sich sehr große Unterschiede. Doch sind die Preise bei den komplexen Tarifsystemen überhaupt vergleichbar?

Von Julia Böhling, tagesschau.de

In der eigenen Stadt oder einer anderen deutschen Metropole entspannt mit Bus und Bahn unterwegs sein. Der Gedanke ist im ersten Moment sehr schön. Doch dann kommt oft spätestens vor dem Ticket-Automaten die Konfrontation mit der harten Realität: Kurzstrecke, Normalstrecke oder Großbereich? Wie viele Zonen, Ringe, welche Bereiche? Einzelticket, Tagesticket, Wochenticket oder Monatsticket? Vor der Rush-Hour oder danach? Wer in Großstädten ein Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel kaufen will, kann schnell verzweifeln. Grund dafür sind die oft sehr komplexen, individuellen Tarifsysteme der Städte.

Trotz dieser Umstände hat der ADAC versucht, die Tarife miteinander zu vergleichen und damit aufzuzeigen, welche Städte am teuersten und welche am günstigsten sind. Insgesamt wurden die Preise in 21 deutschen Großstädten verglichen. Das Ergebnis: Bei den Monatstickets im Stadtgebiet kommt München mit 55,20 Euro am besten weg, Schlusslicht ist Hamburg mit 109,20 Euro.

Infografik: ADAC Monatskartenvergleich
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Der ADAC hat insgesamt 21 Großstädte verglichen. Hier sehen Sie die Monatsticket-Preise der günstigsten und der teuersten Städte.

Unterschiedlich große Fahrgebiete

Doch allein ein Blick auf diese Monatstarife zeigt die Komplexität der individuellen Tarifsysteme auf: In München darf der Käufer des Monatstickets für 55,20 Euro nur im engeren Stadtgebiet von München fahren - oder in der Sprache des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds: innerhalb von zwei Ringen. In Hamburg kommt der Kunde für 109,20 Euro einen Monat lang bis nach Niedersachen und Schleswig-Holstein rein - oder mit den Worten des Hamburger Verkehrsverbundes: in den Ringbereich AB.

Fehlerhaft ist der ADAC-Vergleich deshalb aber nicht. Denn der Automobilclub geht bei seinem Vergleich von einer üblichen Fahrtstrecke innerhalb des Stadtgebietes aus. Und hier wird es richtig kompliziert: Denn in Hamburg gibt es nicht nur den Ringbereich, sondern auch Zonen, die für Monatskarten auschlaggebend sind. Diese sind deutlich kleiner als die Ringe und wie Puzzleteile über die Stadt verteilt.

Wer eine Monatskarte nur für die wesentlichen Kernbereiche von Hamburg haben wolle, müsse dafür mindestens vier dieser Zonen buchen, sagte ein Sprecher des ADAC gegenüber tagesschau.de. Und diese vier Zonen kosten genauso viel wie die Monatskarte im gesamtem Ringbereich AB. Natürlich würde der Kunde dann eher die Monatskarte mit größerem Fahrgebiet nehmen, müsste aber in jedem Fall 109,20 Euro bezahlen, erklärte der Sprecher. Eine günstigere Monatskarte für den vom ADAC definierten Stadtkern gebe es in Hamburg nicht.

Stuttgart hat die günstigste Tageskarte

So wie Hamburg und München hat sich der ADAC auch die anderen Städte angeschaut und versucht, die Kosten für eine Fahrt durch den von ihm definierten Innenstadtbereich zu vergleichen. Dabei kommt bei den günstigsten Monatstickets Dresden mit 61,50 Euro auf Platz 2. Auf Platz 3 steht Hannover mit 63 Euro, auf Platz 4 Karlsruhe mit 64 Euro. Zu den teuersten Städten zählen neben Hamburg auch noch Köln und Bonn mit jeweils 98,50 Euro. Der Durchschnitt aller Verkehrsverbünde lag beim Monatsticket zuletzt bei 77,50 Euro.

Infografik: Tageskartenvergleich ADAC
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Der ADAC hat insgesamt 21 Großstädte verglichen. Hier sehen Sie die Tagesticket-Preise der günstigsten und der teuersten Städte.

Bei Tagestickets, also für beliebig viele Fahrten an einem Tag, kommt Stuttgart beim ADAC-Test mit einem Preis von 5,20 Euro am günstigsten weg, gefolgt von Frankfurt am Main mit 5,35 Euro und Hannover mit 5,60 Euro. Am teuersten sind die Tagestickets in Köln und Bonn mit jeweils 8,80 Euro. Bei den Einzelfahrten für Erwachsene - ausgenommen Kurzstrecken - ist Nürnberg mit 3,20 Euro am teuersten. Am günstigsten ist nach ADAC-Recherche Mannheim - dort kostet die Einzelfahrt nur 1,80 Euro.

Es gilt bei der Bewertung der Preisunterschiede auch zu berücksichtigen, dass die Städte auch unterschiedlich groß sind und entsprechend unterschiedlich große Wegstrecken im Nahverkehr haben. Zwar haben alle vom ADAC untersuchten Städte mehr als 300.000 Einwohner - aber Bielefeld ist dennoch nicht Berlin.

Immer mehr fahren Bus und Bahn

Der Vergleich des ADAC zeigt: Nicht nur die Preisunterschiede zwischen Städten sind groß, die Tarifsysteme in Deutschland sind auch sehr komplex und verschieden. Das kann viele Menschen davon abhalten, den öffentlichen Nahverkehr statt eines Autos zu nutzen - so wünschenswert das angesichts der vielen Staus, der lärmenden Autos, der schwindenden Energievorräte und des Klimaschutzes auch wäre.

Aber viele Deutschen zeigen sich auch kämpferisch gegen das Tarif-Wirrwarr: So viele wie noch nie fahren mit Bus und Bahn, wie das Statistische Bundesamt im April mitteilte. So gab es im vergangenen Jahr 11 Milliarden Fahrten allein im öffentlichten Nahverkehr - und damit 0,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Dem Kopfzerbrechen an den Ticketautomaten zum Trotz.

Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 19. Juni 2019 um 13:24 Uhr im Mittagsecho.

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