Container an einer Verladestelle | dpa

Konjunktur in Deutschland Prognose-Probleme in der Corona-Krise

Stand: 22.09.2020 14:37 Uhr

Im Frühjahr löste der Kampf gegen das Coronavirus einen Rekordeinbruch der Wirtschaft aus. Verlässliche Konjunkturprognosen waren unmöglich. Die Pandemie erschwert nun auch Vorhersagen zum Tempo der Erholung.

Von David Rose, tagesschau.de

Wie schlimm trifft die Rezession die deutsche Wirtschaft und wie schnell wird sie wieder das Niveau erreichen, das sie vor der Corona-Krise hatte? Seit Monaten versuchen Konjunkturforscher, diese Entwicklung und deren Tempo zu schätzen. Ihre Prognosen schwankten angesichts des Auf und Ab der Infektionszahlen und der politischen Maßnahmen enorm. Die aktuellen Vorhersagen signalisieren aber einheitlich: Die deutsche Wirtschaft muss wohl einen weniger dramatischen Einbruch verkraften, als noch im Frühsommer zu befürchten war. Einige Wirtschaftsforscher schätzen mittlerweile sogar, dass die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr weniger stark einbrechen wird als 2009 infolge der Finanzkrise.

Wie stark die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie die Wirtschaft treffen würden, wurde im Frühjahr von Tag zu Tag deutlicher. Noch bis in den Februar hinein sagten die meisten Experten für 2020 ein Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts von rund einem Prozent voraus. Doch im März und April wurde schnell klar, dass die Weltwirtschaft und die hiesigen Branchen massive Einbußen verkraften müssen. Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus wurde mancherorts die Produktion eingestellt, internationale Lieferketten funktionierten nicht mehr, Geschäfte blieben geschlossen. Die deutsche Wirtschaft verzeichnete im zweiten Quartal einen historischen Einbruch um 9,7 Prozent.

Prognosen voller Pessimismus

Von März bis Juni senkten Konjunkturforscher ihre Prognosen für das deutsche Bruttoinlandsprodukt immer weiter. Ende März gingen die Wirtschaftsweisen von einem Rückgang zwischen 2,8 und 5,4 Prozent aus. Ende April erwartete die Bundesregierung für 2020 einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,3 Prozent, die EU folgte Anfang Mai mit einer Schätzung von -6,5 Prozent. Die OECD sagte Anfang Mai ein Minus zwischen 6,6 und 8,8 Prozent voraus. Ende Juni prognostizierte der Internationale Währungsfonds einen Einbruch des deutschen Bruttoinlandsprodukts um 7,8 Prozent.

Doch seit einigen Wochen korrigieren die Konjunkturexperten ihre Prognosen übereinstimmend wieder nach oben. Die meisten großen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland veröffentlichten im September neue Vorhersagen, denen zufolge für 2020 noch ein Minus zwischen 4,7 und 6,2 Prozent zu erwarten ist. Auch die Bundesregierung legte Anfang September eine neue Schätzung vor, in der sie optimistischer ist als im April und ein Minus von 5,8 Prozent prognostiziert.

Zeichen stehen auf Erholung

Bei der Auftragslage, Umsätzen und Produktion stehen die Zeichen seit Mai wieder überwiegend auf Erholung - obwohl die Zahlen der Vergleichsmonate des Jahres 2019 noch deutlich verfehlt werden. Wichtige Konjunkturindikatoren wie der ifo-Geschäftsklimaindex zeigen seit mehreren Monaten ebenfalls einen deutlichen Aufwärtstrend.

"Die sukzessiven Lockerungen der Einschränkungen des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens führten dazu, dass sich die Wirtschaft ab Mai 2020 kräftig belebte", schreibt die Bundesbank in ihrem aktuellen Monatsbericht. Diese Entwicklung habe sich im Juli und August fortgesetzt - wenn auch mit nachlassenden Tempo. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sagte daher vor kurzem: "Die Talsohle ist durchschritten." Der Aufschwung nach dem Lockdown gehe "schneller und dynamischer vonstatten als wir es zu hoffen gewagt hatten".

Peter Altmaier | REUTERS

"Die Talsohle ist durchschritten", verkündete Wirtschaftsminister Altmaier bei der Vorstellung der Herbstprognose. Bild: REUTERS

Pandemie bleibt Risikofaktor Nummer eins

Trotzdem sind sich alle Konjunkturprognosen darin einig, dass die Rückschläge des laufenden Jahres frühestens 2022 komplett wieder aufgeholt sein werden. Zudem birgt der weitere Verlauf der Pandemie viele Unsicherheitsfaktoren. Folgenreich wäre es vor allem, falls eine zweite große Infektionswelle zur Schließung von Geschäften und Betrieben führen sollte. "Auch wenn es dazu zwar nicht in Deutschland, aber in Frankreich und Spanien kommen sollte, wo die Infektionszahlen zurzeit besonders stark steigen, würde die Erholung in Deutschland erheblich gefährdet", schrieb das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle.

Auch das drohende Szenario eines harten Brexit und die möglichen Folgen internationaler Handelsstreitigkeiten gelten als Risikofaktoren für die Erholung der Konjunktur. "Die Unsicherheit bei den Prognosen ist sehr groß", betonte daher ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. "Der weitere Verlauf der Corona-Pandemie ist der größte Unsicherheitsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung", stellte allerdings Torsten Schmidt klar, der Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI).

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. September 2020 um 14:00 Uhr.