Chemieanlagen auf dem Werksgelände von BASF in Ludwigshafen | dpa
Hintergrund

Emissionen der Industrie Was die Wirtschaft für den Klimaschutz tut

Stand: 01.11.2021 14:22 Uhr

Auf dem Weg zur Klimaneutralität spielt die Industrie eine Schlüsselrolle. Sie muss den CO2-Ausstoß drastisch reduzieren und Milliarden investieren. Einige Firmen gehen beim klimafreundlichen Umbau voran.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Lange Zeit galten deutsche Industriekonzerne als Bremser beim Klimaschutz. Die Autohersteller zum Beispiel zeigten sich jahrelang sehr zögerlich beim Umstieg auf die Elektromobilität. Auch die Stahlkocher und die großen Chemiebetriebe scheuten vielfach die Investitionen in klimafreundliche Technologien.

BDI fordert mehr Tempo beim Klimaschutz

Nun kann es den deutschen Unternehmen bei der ökologischen Transformation der Marktwirtschaft teilweise nicht schnell genug gehen. Vor kurzem forderte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Tempo beim Klimaschutz. Bis 2025 müssten zentrale Weichenstellungen der Politik erfolgen, damit der klimagerechte Umbau Fahrt aufnehmen könne. Ansonsten würde die Industrie an Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Vergleich verlieren. "Das klimaneutrale Industrieland gibt es nicht zum Nulltarif", warnte BDI-Präsident Siegfried Russwurm.

Um die Klimaziele 2030 zu erreichen, müssten in Deutschland zusätzlich 860 Milliarden Euro investiert werden, hat die Beratungsfirma Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des BDI ermittelt. Mehr als die Hälfte davon entfallen auf die Bereiche Energie und Industrie. Russwurm fordert vor allem ein deutsches Infrastruktur-Programm mit besseren Stromnetzen, mehr Wind- und Solarparks, Wasserstoffkapazitäten und deutlich mehr Ladesäulen.

"Klimaneutralität zum Markenzeichen der deutschen Wirtschaft machen"

Mehrere Unternehmen wollen die Energiewende vorantreiben. Elf Konzerne wie die Deutsche Post, ThyssenKrupp und Wacker Chemie haben sich unlängst zum 1,5-Grad-Pfad bekannt und sind der UN-Initiative Race to Zero beigetreten. Die in der Stiftung "2°" versammelten fast 70 deutsche Firmen haben kürzlich von der künftigen Bundesregierung eine forcierte Umsetzungsoffensive für Klimaneutralität und konkretere Maßnahmen gefordert. "Die neue Bundesregierung muss jetzt den Rahmen setzen, damit wir als Unternehmer Klimaneutralität zum Markenzeichen der deutschen Wirtschaft machen können", erklärte Michael Otto, Präsident der Stiftung und Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group.

Eine Reihe von Unternehmern wie Telekom-Chef Timotheus Höttges, HeidelCement-Chef Dominik von Achten, EnBW-Chef Frank Mastiaux oder Siemens-Cheftechnologiemanager Peter Körte haben zusammen mit Wissenschaftler und Experten jüngst "Deutschlands Neue Agenda" vorgelegt, eine Roadmap für die künftigen Regierungen. Federführend ist Roland Berger.

Investitionen seit 2009 verdoppelt

Die Industrie hat inzwischen erkannt, wie wichtig der Kampf gegen den Klimawandel ist. Laut Berechnungen des Statistischen Bundesamts haben die Konzerne ihre Klimaschutz-Investitionen binnen zehn Jahren verdoppelt - von 1,6 Milliarden Euro 2009 auf fast 3,5 Milliarden Euro 2019. Das meiste Geld floss in den Ausbau der erneuerbaren Energien. Ein Drittel der Investitionen ging in die Energieeffizienz und -einsparung.

BASF baut eigenen Windpark

Vor allem Konzerne aus den besonders energieintensiven Branchen preschen voran. Der Chemiekonzern BASF will bis 2030 die Emissionen gegenüber dem Jahr 2018 um 30 Prozent senken und bis 2050 die Klimaneutralität schaffen. So soll unter anderem der große Dampfspalter im Werk in Ludwigshafen nicht mehr mit Gas, sondern mit erneuerbaren Energien beheizt werden. Den Ökostrom holt sich der Chemiekonzern von einem eigenen Windpark an der Nordsee. Der BASF-Standort in Ludwigshafen macht mit acht Millionen Tonnen CO2-Ausstoß pro Jahr rund ein Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen aus.

Der klimaneutrale Umbau erfordere vor allem viel Strom- und den möglichst günstig, heißt es vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). Die Interessenvertretung der Chemiekonzerne schätzt, dass sich der Strombedarf der Branche bis Mitte der 2030er-Jahre auf 628 Terawattstunden mehr als verzehnfachen wird. Das wäre mehr als der gesamte deutsche Stromverbrauch im Moment.

Stahlbauer tüfteln am "grünen Stahl"

Auch die Stahlbranche richtet ihren Blick auf den Klimaschutz. Salzgitter und ThyssenKrupp rüsten Anlagen um zur Herstellung von "grünem Stahl". Dabei setzen sie auf massive Hilfen des Bundes. Bis 2050 will ThyssenKrupp klimaneutral werden - aber nur, wenn die Politik eine Infrastruktur für grünen Wasserstoff schaffe, betont Vorstandschefin Martina Merz. Statt der klassischen Hochöfen sind für den "grünen Stahl" Direktreduktionsanlagen nötig. Dort entsteht kein flüssiges Eisen mehr, sondern ein fester Eisenschwamm, der zu Rohstahl veredelt wird. Bisher funktioniert Direktreduktion mit Erdgas. Bald soll das Erdgas durch Wasserstoff ersetzt werden.

ThyssenKrupp will seine erste neuartige Direktreduktionsanlage 2024 in Betrieb nehmen. Salzgitter plant eine ähnliche Anlage für Mitte des Jahrzehnts. Der technische Umbau wird Milliarden kosten. Die Stahlbranche gehört zu den größten deutschen Treibhausgasemittenten. Rund ein Drittel aller Industrieemissionen kommen aus den Hüttenwerken. Experten sehen den Strategieschwenk zum "grünen Stahl" als letzte Überlebenschance für die gebeutelte deutsche Stahlindustrie.

Zementindustrie setzt auf CO2-Abscheidung

Viel Bewegung herrscht ebenfalls in der Zementindustrie. Sie arbeitet vor allem an der Abscheidung von CO2 im Zementwerk. HeidelbergCement hat in Norwegen ein Pilotprojekt gestartet, in dem jährlich 400.000 Tonnen Kohlendioxid abgefangen, dann verflüssigt und schließlich in leere Ölfelder unter dem Meeresboden gepumpt werden. Die Unternehmensberater von McKinsey empfehlen die Entwicklung neuer, weniger klimaschädlicher Zementmischungen. Bisher entsteht das meiste CO2 bei der Klinkerherstellung.

Darüber hinaus setzen sich auch einzelne Unternehmer besonders für den Klimaschutz ein. Zum Beispiel Dirk Rossmann. Durch Abrüstung könne man viel Geld sparen und es in den Klimaschutz stecken, plädiert der Drogerie-Milliardär, der zu den reichsten Menschen des Landes gehört. Rossmann betätigt sich inzwischen als Schriftsteller. Gerade ist sein neuester Klimaschutz-Thriller "Der Zorn des Oktopus" herausgekommen und hat es auf die Bestseller-Liste geschafft. Mit Thrillern könne man die Menschen eher für Klimaschutz motivieren als mit Sachargumenten, sagt Rossmann.

Billionen-Investitionen nötig

Sechs Billionen Euro an Investitionen seien nötig, um Deutschland klimaneutral zu machen - das hat McKinsey in einer Studie errechnet. Davon wären aber nur eine Billion Euro wirkliche Neuinvestitionen. Der Rest bräuchte demnach lediglich umgewidmet zu werden. So sollten statt Autos mit Verbrennermotoren E-Fahrzeuge subventioniert werden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 01. November 2021 um 11:00 Uhr.