Berliner Dom |

Weniger Steuern und Kollekten Kirchen in Geldnot

Stand: 04.04.2021 08:34 Uhr

Wegbrechende Steuereinnahmen und ausfallende Kollekten: Corona hat die Finanzkrise der Kirchen vergrößert. Hinzu kommen immer mehr Kirchenaustritte. Lindert Ostern die Not?

Der Berliner Dom hat schon viele Krisen überstanden. Nun aber droht dem Besuchermagnet in der Hauptstadt das Geld auszugehen. Denn wegen der Pandemie ist die Zahl der Menschen, die den 116 Jahre alten Sakralbau auf der Museumsinsel besuchen, eingebrochen. Das trifft den Berliner Dom hart, da er von den Eintrittsgeldern lebt. "75 Prozent unserer Einnahmen sind weg", klagt Dompredigerin Petra Zimmermann gegenüber der Tageszeitung "Die Welt". "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand."

Berliner Dom braucht Spenden um zu überleben

Um die Pleite abzuwenden, hat sich die Berliner Domgemeinde an die Öffentlichkeit gewandt und bittet in einer großen Plakatkampagne um großzügige Spenden. Dompredigerin Zimmermann hofft auf spendable Berliner. Es wäre eine Katastrophe, wenn es diesen Ort der Begegnung nicht mehr geben würde, sagt sie. Die Berliner Domgemeinde erhält kaum Kirchensteuern und Zuwendungen des Landes und leidet so noch stärker unter der Corona-Pandemie. 96 Prozent des Etats kommen aus Eintrittsgebühren und kulturellen Veranstaltungen.

Doch auch andere Gemeinden stecken in existenziellen finanziellen Schwierigkeiten. Die Gemeinde der Leipziger Thomaskirche, berühmt für ihren Thomanerchor, kämpft mit enormen finanziellen Einbußen. Weil musikalische Gottesdienste nicht mehr stattfinden dürfen, sind die Einnahmen aus den Kollekten drastisch zurückgegangen. Nur mit Spenden konnte ein Teil der Ausfälle kompensiert werden.

Eine Milliarde Euro weniger Kirchensteuer-Einnahmen

Am meisten leiden die Kirchen unter den weggebrochenen Steuereinnahmen. Aufgrund der Corona-Pandemie rechnen sie für 2020 mit einem Steuerverlust von mindestens acht Prozent, also mit mehr als einer Milliarde Euro. Das wäre ein doppelt so starker Einbruch wie in der Finanzkrise 2009, als die Steuereinnahmen um vier Prozent schrumpften.

Laut der "Welt am Sonntag" geht der Leiter der Finanzabteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Carsten Simmer, von acht bis elf Prozent Rückgang der Kirchensteuer-Einnahmen aus. Die Mehrzahl der katholischen Bistümer rechnet mit Mindereinnahmen von acht bis zehn Prozent. Das Bistum Mainz befürchtet gar einen Einbruch von 20 Prozent.

Grund für den Kirchensteuer-Rückgang ist vor allem die massive Zunahme der Kurzarbeit in der Pandemie. Auf das Kurzarbeiter-Geld wird nämlich keine Kirchensteuer erhoben. Die Kirchensteuer ist die mit Abstand größte Einnahmequelle der Kirchen. Rund 12,7 Milliarden Euro flossen an die Gemeinden. Die Kirchensteuer ist direkt an die Einkommenssteuer gekoppelt.

So viele Kirchenaustritte wie nie

Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das nur wenig mit Corona zu tun hat: Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. 2019 verloren die Evangelische und Katholische Kirche zusammen erstmals mehr als eine halbe Million Mitglieder. Ob sich der Negativtrend 2020 fortgesetzt hat, ist noch unklar. Die Zahlen zu den Kirchenaustritten werden erst im Juli bekannt gegeben.

Der Missbrauch-Skandal im Erzbistum Köln könnte die Austrittswelle weiter beschleunigen. Das lässt sich bereits an ersten Zahlen aus der Domstadt nachlesen. Die Kölner Kirchen rechnen mit einem neuen Höchststand bei den Austritten. Laut Medienberichten sind die Online-Termine für Kirchenaustritte bis einschließlich Mai ausgebucht. Mit geschätzten 6.250 Austritten wird voraussichtlich in den ersten fünf Monaten bereits die Gesamtzahl von 2020 erreicht.

Eine Frau drückt eine Wartenummer für den Antrag auf den Austritt aus der Kirche. | dpa

Bild: dpa

Strukturkrise belastet Kirchen über Corona hinaus

Die Corona-Krise dürfte die Strukturkrise beschleunigen, die langfristig ohnehin für schrumpfende Einnahmen sorgt. Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen prognostiziert in der "Freiburger Studie", dass bis 2060 die Zahl der Kirchenmitglieder und -steuern um rund die Hälfte sinken werde. Das hat auch mit demografischen Faktoren zu tun. Mitte der 2020er Jahre geht die relativ kirchenaffine Babyboomer-Generation in Rente.

Entscheidend werde sein, ob die Corona-Pandemie das Tauf- und Austrittsverhalten grundsätzlich verändert, sagt David Gutmann von der Uni Freiburg, Mitautor der Studie, gegenüber tagesschau.de. "So würde das Kirchensteueraufkommen mittelbar durch die Pandemie beeinflusst."

Mit Haushaltssperren und einem Verkauf von Gebäuden versuchen viele Gemeinden, der akuten Finanznot entgegenzusteuern. Ob das reicht, ist fraglich. Notwendig wäre auch eine weitsichtigere Geldanlage-Strategie in den Kirchen. "Börsenpfarrer" Uwe Lang rät, den Kirchen mehr in Aktien zu investieren statt in Festgelder oder in fragwürdige Beteiligungen. Ein Blick ins Ausland zeigt, wie es auch ohne Kirchensteuern geht. In den USA leben die Kirchen hauptsächlich von der Spendenbereitschaft der Bürger. Und auch in Frankreich sind die Kirchen auf Spenden ihrer Mitglieder angewiesen.

Kirchensteuer-Rabatt für junge Menschen?

Vor allem mit der jungen Generation tun sich die Kirchen schwer. Die Mehrheit der 20- bis 35-Jährigen scheint eher an die sozialen Medien als an die Kraft Gottes zu glauben. Um die Generation Y anzulocken, schlug EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm in der "Welt" einen Kirchensteuer-Rabatt für junge Menschen vor. Sein Vorstoß fand freilich bisher kaum Anhänger. "Eine Reduzierung der Kirchensteuer für Berufseinsteiger scheint nicht geeignet, um Mitglieder verstärkt in der Kirche halten zu können", meint Wissenschaftler Gutmann von der Uni Freiburg.

Religionssoziologe Detlev Pollack von der Universität Münster glaubt, dass die Kirchensteuer nur eine untergeordnete Rolle bei den Austrittsmotiven spielt. Entscheidender seien die Gleichgültigkeit gegenüber den zentralen kirchlichen Anliegen sowie das zunehmende Misstrauen gegenüber der kirchlichen Institution. Vielleicht drohen also doch irgendwann amerikanische oder französische Verhältnisse.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm. | dpa

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, Heinrich Bedford-Strohm, hat einen Kirchensteuer-Rabatt für junge Leute ins Gespräch gebracht. Bild: dpa

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 25. Februar 2021 um 09:51 Uhr.