Sheikh Sameer ist gut in Mathe und wurde daher zum Bankmanager gewählt. Hier sitzt er hinter "seinem" Schalter aus Pappe. | Bildquelle: ARD Neu-Delhi

Reportage aus Indien Wo die Kinderbank kein Spiel ist

Stand: 09.12.2018 17:40 Uhr

Es sieht aus, wie ein Spiel, doch die "Kinderbank" in Neu-Delhi ist ernst. Kinder aus den Slums können hier Geld einzahlen. Wie funktioniert das Sozialprojekt? Und warum sind ein paar Cent so wichtig?

Von Silke Diettrich, ARD-Studio Neu-Delhi

"Ich bin der beste in Mathe, deshalb habe ich den Job bekommen", erzählt Sheikh Sameer, als er den Schalter der Kinderbank öffnet. Seine Kunden, allesamt Kinder aus dem Slum nebenan, stehen schon brav in einer Reihe. Sie haben ihr Sparbuch dabei und ein paar Rupienscheine in der Hand.

Jetzt ist Priya an der Reihe. Die 14-Jährige zahlt heute umgerechnet 30 Cent auf ihr Konto. "Ich vertraue der Bank, alle anderen Kinder zahlen ihr Geld ja auch hier ein. Und ich kann hier Geld sparen."

"Mein Sparschwein wird immer wieder gestohlen"

Priya kommt fast jeden Tag zur Kinderbank. Wenn sie schon Geld verdient hat, will sie es auch behalten können. Zu Hause oder auch wenn sie das Geld bei sich trägt, sei es nicht sicher, sagt sie: "Mein Sparschwein wird immer wieder gestohlen. Meine Brüder haben es sich unter den Nagel gerissen, glaube ich. Deshalb bewahre ich mein Geld jetzt besser nicht mehr zu Hause auf."

Priya zahlt kein Taschengeld ein, sie geht arbeiten, seit sie acht Jahre alt ist. Nach der Schule geht sie mit ihrer Mutter auf den Großmarkt, jeden Tag hoffen sie, dass es genügend Zwiebelsäcke gibt. Dann sortieren sie: die guten von den schlechten, die kleinen und die großen. "20 bis 25 Säcke schaffe ich am Tag. Dafür bekomme ich umgerechnet um die drei Euro."

Priya muss auf dem Zwiebelmarkt arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen | Bildquelle: ARD Neu-Delhi
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Priya muss auf dem Zwiebelmarkt arbeiten, um ihre Familie zu unterstützen. Jeder der Säcke wiegt um die 80 Kilo.

Kinderarbeit, die nicht so heißen darf

Den ganzen Nachmittag bis zum späten Abend hockt Priya zwischen den roten Zwiebeln. Das meiste Geld, das sie hier verdient, gibt sie ihrer Mutter. Vier Kinder muss diese als Tagelöhnerin durch bringen, da sei sie auch auf das Geld angewiesen, was ihre Tochter hier verdient.

Kinderarbeit ist eigentlich verboten in Indien. Offiziell hilft Priya ihrer Mutter, das ist dann wiederum legal. Das läuft bei vielen armen Kindern in Indien so. Aber einen kleinen Teil des Einkommens darf die 14-Jährige für sich behalten. Damit zahlt sie ihren Nachhilfe-Unterricht. Und jeder Cent, der dann noch übrig ist, landet auf ihrem Bankkonto. "Mit dem Ersparten kann ich vielleicht mal meinen Eltern helfen. Wenn es ihnen nicht gut geht, kann ich für die Arztkosten aufkommen."

Erst seit kurzem gibt es für die Armen in Indien eine Krankenkasse, für die sie nichts zahlen müssen. Dafür werden sie kostenlos im Krankenhaus behandelt. Für einen Arztbesuch gilt die Krankenkasse allerdings nicht.

Startkapital für ein eigenes Geschäft

Die Kinder sollen in der Bank nicht nur entspannt sparen können, sondern auch lernen, richtig mit Geld umzugehen. Wenn sie 16 werden und eine bestimmte Summe angespart haben, können sie bei der Hilfsorganisation, die das Projekt betreibt, einen Kredit beantragen. Als Startkapital für ein eigenes Geschäft oder eine Ausbildung, sagt der Projektmanager J.B. Oli: "Die Kinder schauen sich an, ob der Plan tragfähig ist. Ob es eine reelle Chance auf Erfolg gibt. Ob die Business-Strategie stimmt. Danach entscheiden sie selbst, ob sie den Kredit vergeben oder nicht."

Es sei wichtig, dass die Kinder fast alles rund um die Bank alleine verwalten und entscheiden könnten, sagt der Projektmanager. Er schaltet sich nur ein, wenn es Probleme gibt und er zahlt das Geld der Kinder auf ein Konto einer "richtigen" Bank ein, damit die Kinder auch Zinsen bekommen.

Sheikh Sameer | Bildquelle: ARD Neu-Delhi
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Bankmanager Sheikh Sameer ist stolz auf seinen Job, später möchte er aber lieber Arzt werden

Lieber Arzt als Bankdirektor

Sheikh Sameer, der junge Bankdirektor, hat seinen Schalter mittlerweile geschlossen und zählt das Geld noch einmal nach, gleicht es mit den Tageseinnahmen ab. Sheikh nimmt seinen Job hier ernst und ist auch stolz darauf, dass die anderen Kinder ihn gewählt haben. "Es haben sich so viele zur Wahl gestellt und ich bin es geworden, das fand ich echt cool", sagt er.

Trotz seiner Erfahrung will Sheikh Sameer später lieber kein Banker werden. "Ich will Arzt werden. Viele Menschen hier können sich keine Behandlung leisten, weil sie so arm sind. Deshalb will ich in einem Krankenhaus arbeiten, das kostenlose Therapien anbietet."

Bis dahin ist es ein langer Weg. Bislang ist es eher die Ausnahme, dass ein Kind aus einem indischen Slum auch Arzt werden kann. Aber von der Kinderbank wird Sheikh Sameer mit Sicherheit Unterstützung dafür bekommen.

Die jüngste Bank der Welt - Slumkinder sind Bankdirektoren
Silke Diettrich, ARD Neu-Delhi
09.12.2018 16:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Rbb Inforadio am 10. November 2018 um 14:47 Uhr.

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