Reisepass, Impfpass und Impfapp

Tourismus in der Pandemie Geimpft oder getestet auf Reisen?

Stand: 09.03.2021 11:27 Uhr

Touristikunternehmen hoffen darauf, Sommerurlaub mit einer breit angelegten Test-Strategie anbieten zu können. Welche Rolle ein neuer Impfpass spielen kann, ist in der Branche umstritten.

von Notker Blechner, tagesschau.de

Urlaub nur für Geimpfte? Solche Schlagzeilen waren nach dem jüngsten Vorstoß von Alltours zu lesen: Als erster großer deutscher Reiseveranstalter hatte das Unternehmen angekündigt, ab Ende Oktober Urlaub in seinen Allsun-Hotels auf Mallorca, den Kanaren und in Griechenland nur noch mit Corona-Impfung zu ermöglichen.

"Wir wollen allen Gästen höchstmögliche Sicherheit bieten, damit sie ihren Urlaub entspannt genießen können", sagt Alltours-Inhaber Willy Verhufen. Schließlich seien die meisten Stammgäste, die den Winter in den Allsun-Hotels verbrächten, älter als 60 Jahre. Zudem seien im Oktober ohnehin die meisten Deutschen geimpft oder hätten ein entsprechendes Impfangebot erhalten, glaubt Verhufen.

Wirbel um den Alltours-Vorstoß

Trotzdem war die Welle der Entrüstung, die Alltours in den sozialen Medien entgegenschlug, groß. Manche erklärten, sie würden jetzt keinen Urlaub über diesen Anbieter buchen. Auch innerhalb der Reisebranche sorgte der Vorstoß von Alltours für Unmut. In Sachen Marketing habe der Düsseldorfer Veranstalter womöglich ein Eigentor geschossen, heißt es in der Branche. Die meisten Konkurrenten distanzieren sich von Alltours - und versichern, sie planten keine Impf-Auflagen für ihre Gäste.

"Bei TUI gibt es solche Pläne, eigene Einschränkungen für Hotels zu machen, derzeit nicht. Wir richten uns nach den Vorgaben von Deutschland und dem jeweiligen Urlaubsland", sagte der Sprecher von TUI Deutschland, Aage Dünhaupt, gegenüber tagesschau.de. Auch die Münchner FTI Group beabsichtige weder als Veranstalter noch als Hotelbetreiber derartige Auflagen, so FTI-Manager Ralph Schiller.

Bei DER Touristik soll es ebenfalls keine Sonderrechte für Geimpfte geben. "Wir planen keine Beschränkung auf geimpfte Gäste in unseren eigenen Hotels", so ein Sprecher. "Die Frage nach Vorteilen für bereits geimpfte Personen halten wir für verfrüht." Eine kürzlich veröffentliche Studie des Robert-Koch-Instituts hätte gezeigt, dass der klassische Pauschalurlaub kein infektionsherd sei, betont Andreas Rüttgers, Leiter Flugtouristik von Schauinsland Reisen. Der Reiseveranstalter hat sich gegen eine Impfpflicht ausgesprochen und setzt weiterhin auf umfassende Hygienekonzepte.

Verständnis für die Alltours-Aktion äußert dagegen Marija Linnhoff vom Unabhängigen Reiseverband VSUR. Man müsse den Weg von Alltours nicht gut finden, aber es sei zumindest ein Weg. Alltours garantiere die für dieses Reisejahr mehr denn je erforderliche Sicherheit und schaffe Vertrauen mit seiner Maßnahme. Sollte sich dieses Konzept durchsetzen, werde es auf jeden Fall Nachahmer geben.

Bald wieder Mallorca-Urlaub möglich?

Für den Sommerurlaub setzen die Reiseveranstalter aber vorerst auf eine breite Teststrategie. Die TUI hofft darauf, dass mit Tests vor, während und nach der Reise die Quarantänepflicht für deutsche Reiserückkehrer entfällt. Die Sommermonate seien voraussichtlich noch eine Übergangsphase. Solange nicht alle Menschen geimpft werden können, müssten mit Tests Reisen sichergestellt werden, sagt ein Sprecher.

Zudem rechnet die Branche mit zunehmenden Lockerungen bei den Reisebeschränkungen. Der TUI-Konzern geht fest von einer Aufhebung der Reisewarnung in Deutschland für Mallorca aus und wappnet sich für eine erste Buchungswelle. Sollte das RKI Mallorca getrennt vom Festland Spanien bewerten und die Reisewarnung aufheben, würde das Haupthemmnis wegfallen, die bis zu zehn Tage lange Quarantänepflicht nach der Heimreise. TUI-Deutschland-Chef Marek Andryszak erwartet dann einen sprunghaften Anstieg der Buchungen, wie es TUI, andere Veranstalter und Airlines vor kurzem schon in Großbritannien erlebten, als die Regierung ihren Öffnungsplan vorstellte.

Nicht alle optimistisch

Zusätzliche Reiserleichterungen soll der geplante grüne Impfpass bringen, der Corona-Impfungen, Covid-Erkrankungen und Testergebnisse auflisten soll. Die EU-Kommission will am 17. März den Gesetzentwurf für den Impfpass vorlegen. Bis Mai oder Juni sollen dann die technischen Voraussetzungen geschaffen werden, die nationalen digitalen Impfausweise miteinander zu verbinden. "Ein europäischer Impfpass kann dabei helfen, Reisefreiheit wiederherzustellen. Daran besteht kein Zweifel", so der Chef des TUI-Konzerns, Fritz Joussen.

Doch nicht alle in der Branche teilen seinen Optimismus. "Die Diskussion um den Impfpass ist zu früh angesetzt", moniert Manager Ralph Schiller vom Reisekonzern FTI. "Noch ist der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung viel zu gering, als dass ein Impfpass zum jetzigen Zeitpunkt eine echte Veränderung bedeuten würde." In den nächsten Monaten sei nicht mit Gästezahlen wie vor Corona zu rechnen, wenn die Möglichkeit zu verreisen an den Impfpass gekoppelt werde. "Ein Impfpass stellt für die Sommersaison keine Hilfe für die Reisebranche dar und wäre auch kein faires Angebot für all die Menschen, die jetzt gerne Urlaub machen möchten." Eine technische Umsetzung des Passes bis Herbst wäre für Schiller "vollkommen ausreichend".

Airlines wünschen sich einheitliche Regeln

Mehrere Airlines begrüßen den Pass. "Gesundheitspässe werden der Schlüssel sein, um Flüge und Reisen wieder zu starten", sagt Luis Gallego, Chef der British-Airways-Mutter IAG. Er spricht sich für ein digitales System aus, mit dessen Hilfe Impfungen und Testergebnisse nachgewiesen werden können. Die Lufthansa hält eine Vereinheitlichung und Digitalisierung, die das Reisen einfacher macht, für wünschenswert.

Der Konzern hat ein Pilotprojekt gestartet, um Corona-Testergebnisse von Passagieren digital in seine Systeme einzuspeisen und das Check-In sowie Boarding damit zu beschleunigen. Die Kranich-Airline fordert den flächendeckenden Einsatz von Tests und Impfungen, um Verbote und Quarantäne-Regelungen zu ersetzen.

Doch eine grenzenlose Reisefreiheit wird es wohl ohne Impfung nicht geben. Australien und viele Länder in Asien werden voraussichtlich vorerst weitgehend nur Geimpfte einreisen lassen. Es sei durchaus wahrscheinlich, dass einzelne Länder bei der Einreise einen Impfnachweis verlangen und Fluggesellschaften verpflichtet werden, diesen vor Flugantritt zu kontrollieren, erklärt ein Lufthansa-Sprecher. Die Airline plant jedoch keine Impfpflicht an Bord - anders als die australische Fluggesellschaft Qantas. Sie kündigte an, auf bestimmten Strecken nur noch Geimpfte mitzunehmen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. März 2021 um 12:00 Uhr.