Protestplakate von Trump-Gegnern an einem Zaun nahe des Weißen Hauses in Washington. | REUTERS
Interview

Amcham-Präsident "Das halbe Land wird unglücklich sein"

Stand: 04.11.2020 16:07 Uhr

Eine lange Hängepartie nach der US-Wahl würde auch die Wirtschaft belasten. Frank Sportolari von der amerikanischen Handelskammer in Deutschland rät im Interview mit tagesschau.de dennoch zu Gelassenheit.

tagesschau.de: Was viele befürchtet haben, ist passiert - nach der US-Wahl herrscht erst einmal große Unsicherheit. Was glauben Sie, wann werden wir wissen, wer nächster Präsident der Vereinigten Staaten ist?

Frank Sportolari: Das politische System der USA ist sehr dezentral. Dafür gibt es historische Gründe. Und das führt zu unglücklichen Situationen wie jetzt. Ein eindeutiges Ergebnis wäre für die Demokratie sehr gut gewesen. Nun ist es sehr, sehr knapp. Wenn Joe Biden Pennsylvania gewinnt und Wisconsin, hat er es geschafft - oder andersherum. Ich hoffe, dass wir heute Nacht mehr wissen. Aber wie auch immer es ausgeht, ungefähr die Hälfte der Bevölkerung wird sehr unglücklich und enttäuscht sein.   

Frank Sportolari | Raum11 /Jan Zappner
Zur Person

Frank Sportolari, geboren 1956 in Chicago, ist Deutschlandchef des US-Logistikkonzerns UPS und Präsident von Amcham, der amerikanischen Handelskammer in Deutschland.

tagesschau.de: Gewiss ist bislang nur, dass der Sieger eine hauchdünne Mehrheit haben wird. Wieder lagen die Umfragen daneben, die einen Triumph Bidens vorhergesagt haben. Was ist da passiert?

Sportolari: Sicher ist die Polarisierung des Landes ein Thema. Wie kann es sein, dass die eine Hälfte der Bevölkerung eine völlig andere Sicht auf die Dinge hat als die andere Hälfte? Das ist das Symptom eines Zweiparteiensystems. Es gibt nur Schwarz oder Weiß, nichts dazwischen. Präsident Trump hat immer die Unterstützung seiner Anhänger, egal was er tut. Seine Kritiker lehnen ihn ebenso kategorisch ab. Das Problem könnte sich noch verschärfen, sollten die Demokraten Kontrolle über den Senat erlangen und Trump die Präsidentschaftswahl gewinnen. Dann könnte sich das Land nicht um seine eigentlichen Probleme kümmern.

Was für die Wall Street zählt

tagesschau.de: Befürchten Sie jetzt Ausschreitungen im Land oder Unruhen?

Sportolari: Ich hoffe, dass es dazu nicht kommt. Es ist eine sehr friedliche Wahlnacht gewesen. Es ist zu hoffen, dass die amerikanische Demokratie auch mit der jetzigen Situation klarkommt und Wege findet, sich selbst zu heilen.

tagesschau.de: Welche Folgen hat es für das Land und die Wirtschaft, dass Trump sich fälschlicherweise bereits zum Präsidenten erklärt hat, während die Stimmen noch ausgezählt werden?

Sportolari: Man darf von der Reaktion der Wall Street nicht sofort auf die Situation der vielen Unternehmen auf beiden Seiten des Atlantiks schließen. Die Finanzmärkte gehen hoch oder runter, wenn Trump etwas twittert oder Biden etwas sagt. Was zählt, sind die langfristigen wirtschaftlichen Beziehungen. Selbst wenn es jetzt noch Wochen bis zu einem Wahlergebnis dauert, werden die Unternehmen ihren guten und stabilen Geschäftsbeziehungen nachgehen.

tagesschau.de: Wie stark unterscheiden sich Trump und Biden in ihrer wirtschaftspolitischen Agenda?

Sportolari: Trump könnte seine Wiederwahl berechtigterweise als Bestätigung seines Kurses in der ersten Amtszeit darstellen. Er hat vehement versucht, Handelsabkommen neu zu verhandeln oder sie gleich ganz aufgekündigt, um seine Ziele zu erreichen. Das würde er in einer zweiten Amtszeit fortsetzen. Biden hat sich zu seinen handelspolitischen Plänen wenig geäußert. Er konzentriert sich stark darauf, neue Jobs in den USA zu schaffen. Wenn Biden Unternehmen bestrafen will, die im Ausland investieren, klingt das protektionistisch. Das ist aus unserer Sicht nicht der richtige Weg. 

tagesschau.de: Was wäre gerade Ihr Rat an Unternehmer oder Geschäftsleute? Jetzt erstmal etwas abwarten oder weitermachen wie bisher?

Sportolari: Die USA sind ein wichtiger Markt für deutsche und europäische Unternehmen. Was auch immer in Washington passiert, es gibt ein ungebrochenes Interesse der Geschäftswelt am sehr dynamischen US-Markt. Dort sind die Wachstumsraten viel höher als in Europa. Mein Rat wäre: Bleibt im Gespräch und stärkt eure Geschäftsbeziehungen mit den USA. Gleichzeitig würde ich jedes amerikanische Unternehmen ermutigen, auch die vielseitige Chancen, die Europa bietet, wahrzunehmen.

Das Gespräch führte Philipp Jaklin.

Über dieses Thema berichtete die Sondersendung zur US-Wahl am 04. November um 16:00 Uhr.