Zwei Airbus A380 der Lufthansa sind auf dem spanischen Flughafen Teruel abgestellt (Archivbild 23.09.2020)  | picture alliance/dpa

EU und Lufthansa uneins Der "Geisterflug"-Streit

Stand: 13.01.2022 18:41 Uhr

Schadet die EU-Kommission mit ihren Vorschriften dem Klima? Das behauptet die Lufthansa. Um Start- und Landerechte zu behalten, müsse sie leere Flüge durchführen.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Es ist ein bizarrer Klimaschutz-Streit, den sich die Lufthansa und die EU-Kommission derzeit liefern. Die Kranich-Airline wirft Brüssel vor, dass sie mit bürokratischen Slot-Vorschriften die Fluggesellschaften zu umweltschädlichen Leer- oder "Geisterflügen" zwinge. Derzeit würden täglich 100 unnötige, kaum besetzte Lufthansa-Flüge durchgeführt, um die wichtigen Start- und Landerechte zu behalten, klagte ein Sprecher.

Lieber leer fliegen als gar nicht?

Hintergrund sind die wegen Corona geänderten Slot-Regeln: Seit März vergangenen Jahres müssen die Airlines nur noch 50 Prozent ihrer Slots nutzen, ansonsten drohen sie die Start- und Landerechte zu verlieren. Vor der Pandemie lag die geforderte Quote bei 80 Prozent.

Mehrere Fluggesellschaften halten diese Vorgaben für unrealistisch. Die niederländische KLM, die zur französischen Air France gehört, klagt, dass sie vor dem Dilemma stünde, entweder mit halbleeren Maschinen zu fliegen oder wegen Stornierungen ihre Slots zu verlieren.

18.000 unnötige Lufthansa-Flüge bis Ende März

Vor allem die Lufthansa wettert gegen Brüssel. Wegen der 50-Prozent-Quote müssten im Winterflugplan bis Ende März 18.000 unnötige Flüge gemacht werden, schimpfte Lufthansa-Chef Carsten Spohr in einem Interview kurz vor Jahresende. Damit würde die EU dem Klima schaden und ihren selbst gesetzten Klimaschutz-Zielen bis 2030 widersprechen. Die führende deutsche Fluggesellschaft plädiert für flexible und unbürokratische Ausnahmen für den Rest des Winterflugplans. Die EU-Kommission solle sich für eine einheitliche Regelung einsetzen, um unnötige Flüge zu vermeiden und um den Airlines bessere Planbarkeit zu ermöglichen.

Rückendeckung erhält die Lufthansa gar von Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg. "Die EU befindet sich in einem Klima-Notfallmodus", twitterte die junge Schwedin kürzlich. Sie kritisierte Tausende unnötige Leerflüge von zur Lufthansa gehören Brussels Airlines.

Brüssel weist Vorwürfe zurück

Die EU-Kommission weist die Vorwürfe Thunbergs und der Lufthansa entschieden zurück. Die europäischen Regeln seien definitiv nicht schuld an den derzeitigen Leerflügen, betonte ein Sprecher der Kommission heute. Es sei immer noch eine kommerzielle Entscheidung jeder Airline, ob sie einen Flug durchführe oder nicht. Mit der Absenkung der Slot-Quote von 84 auf 50 Prozent in der Corona-Pandemie vermeide Brüssel leere oder fast leere Flüge.

Zudem profitiere auch die Lufthansa von zahlreichen Ausnahmeregelungen, die vom deutschen Slot-Koordinator veranlasst worden seien, hieß es weiter aus Brüssel. Darüber hinaus habe bisher keine Airline Beweise für angebliche "Geisterflüge" vorgelegt.

Frankreichs Verkehrsminister Jean-Baptiste Djebbari interpretierte die Äußerungen von Lufthansa als reine Verhandlungstaktik. "Wir werden darauf achten, dass keine europäische Fluggesellschaft zu Leerflügen gezwungen sein wird", betonte er.

Ryanair: "Lufthansa weint Krokodilstränen"

Auch Billigflieger wie Ryanair kritisieren die Lufthansa - und machen sich gar lustig über die Deutschen. "Lufthansa weint Krokodilstränen mit Blick auf die Umwelt, ist aber zu allem bereit, um seine Zeitfenster zu behalten", erklärte Ryanair-Chef Michael O'Leary gestern. Die beste Lösung wäre: "Verkauft billige Tickets", forderte Ryanair die Lufthansa per Twitter auf.

Die EU-Kommission solle die "falschen Behauptungen" der Lufthansa über die Notwendigkeit von leeren Geisterflügen ignorieren, teilte der Billigflieger mit. Stattdessen solle die EU Lufthansa und andere staatlich subventionierte Fluggesellschaften zwingen, Slots freizugeben, die sie nicht nutzen wollten. "Ghostbusters" wie Ryanair und andere Airlines könnten dann diese Flüge zu niedrigeren Ticketpreisen anbieten.

Tatsächlich sollte die Lufthansa ab 2020 auf den deutschen Flughäfen München und Frankfurt einige Slots abgeben. Das war eine Auflage der EU für die Genehmigung des Rettungspakets der Bundesregierung. Doch offenbar gab es keine Interessenten für die Start- und Landerechte. Was freilich auch daran lag, dass sich nur neue Wettbewerber melden durften: Ryanair, Easyjet & Co. waren also ausgenommen.

Experte: Lufthansa könnte Flüge zusammenlegen

Branchenexperten halten den "Slot-Streit" zwischen der Lufthansa und Brüssel für übertrieben. Luftfahrt-Experte Cord Schellenberg würde sich wundern, wenn die deutsche Airline wirklich wie angedroht 18.000 Leerflüge bis Ende März durchführe. "Die Lufthansa könnte Flüge auf den begehrten Slots zusammenlegen", sagt er gegenüber tagesschau.de. Zudem könnte sie auch mit kleineren Fliegern bestimmte Strecken wirtschaftlich anbieten.

Eine Senkung der Quote von 50 Prozent im Winterflugplan hält Schellenberg für relativ illusorisch. Er verwies aber darauf, dass wenn ein Land zum Hochrisiko-Gebiet wegen Corona erklärt wird, die Quote ohnehin wegfällt. Das ist derzeit in Teilen der EU der Fall.