In einer Fleischtheke eines Metzgers in Great Yarmouth (Großbritannien) wird frisches Fleisch zum Verkauf angeboten.

Großbritannien Gas-Engpass bedroht Fleischversorgung

Stand: 20.09.2021 15:10 Uhr

Britischen Schlachtbetrieben droht das Kohlendioxid zur Betäubung der Tiere auszugehen - mit Folgen für das Lebensmittel-Angebot. Auch viele Energieversorger im Land haben wegen der hohen Preise Probleme.

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Eigentlich ist Kohlendioxid als Klimakiller verpönt, aber in der Lebensmittelindustrie ist das Gas ein wichtiger Stoff, um etwa Sprudel oder Dosenbier herzustellen, Backwaren zu verarbeiten, Kühlware zu transportieren oder Fleischpackungen vakuumdicht zu versiegeln. In Schlachtbetrieben wird CO2 auch zu Betäubungszwecken eingesetzt. In den kommenden Tagen und Wochen wird es zu starken CO2-Engpässen kommen, und Andrew Saunders, Direktor beim marktführenden Schweinefleischproduzenten Pilgrim's Pride und auch im Vorstand des Branchenverbandes BMPA, sieht große Probleme auf die Fleischindustrie zukommen.  

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Fabriken in Nordengland geschlossen

"80 Prozent der Schweine in Großbritannien werden in zehn Schlachthöfen verarbeitet, die alle mit CO2-Technik arbeiten. Wir hatten schon in den vergangenen Monaten mit Arbeitskräftemangel zu kämpfen. Wenn uns jetzt noch das Kohlendioxid ausgeht, wird es zu Rückstaus bei den Schlachtungen kommen", sagt Saunders. "Und wir können die Tiere nicht lange zurückhalten, weil die Industrie auf schnellen Umsatz angelegt ist. Wir stehen vor großen Herausforderungen."

Hintergrund des CO2-Mangels ist, dass der US-amerikanische Betreiber CF Industries zwei seiner Düngemittelfirmen in Nordengland wegen stark gestiegener Energiepreise vorübergehend geschlossen hat. Die Produktion ist derzeit nicht rentabel. Das Kohlendioxid, das die Lebensmittelbranche so dringend braucht, fällt aber als Nebenprodukt eben dieser Düngemittelherstellung an.

Pleitegefahr durch hohe Energiepreise

Richard Walker von der Tiefkühlkette Iceland findet es schockierend, dass die britische Lebensmittelindustrie in so starkem Maße von einem ausländischen Betreiber abhängig ist. "Dass 60 Prozent unserer Versorgung mit CO2 von einem Unternehmen abhängig ist, das einfach marktwirtschaftliche Entscheidungen fällt, ist ein Risiko für die nationale Sicherheit", sagt Walker. "Denn es geht nicht nur um die Lebensmittelbranche, sondern zum Beispiel auch um den Gesundheitssektor. Das Umweltministerium hat noch nicht mit uns gesprochen, aber sie müssen dringend den Engpass stopfen."      

Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng hat signalisiert, er sei im Gepräch mit den US-Betreibern der Düngemittelfirmen - mit dem Ziel, die Produktion zeitnah wieder anzufahren. Aber drängender scheint für die Regierung noch ein anderer Krisenherd: die sich abzeichnende Pleite von Energierversorgern. Denn angesichts der stark gestiegenen Energiepreise - hervorgerufen durch die Erholung der Weltwirtschaft nach der Coronakrise - werden eine ganze Reihe von Firmen nicht überleben.

Anbieter wollen keine Kunden

Gab es vor einem Jahr in Großbritannien noch rund 70 Stromversorger am Markt, rechnet man im Augenblick damit, dass nur etwa zehn große übrig bleiben könnten. Normalerweise würde die Energie-Marktaufsicht OfGem die Kunden auf überlebende Firmen verteilen. Doch die wollen die Kunden in der aktuellen Situation gar nicht, schildert Dale Vince, Gründer des "grünen" Energieunternehmens Ecotricity. 

"Es gibt zwei Arten von Firmen: Die, die frühzeitig Energie gekauft haben und mit Vorräten durch den Winter kommen. Und die anderen, die Pleite gehen, und keiner will deren Kunden, denen OfGem mit einer Preisdeckelung niedrige Preise garantiert hat", sagt Vince. "Wir müssen ja selbst mit den gestiegenen Preisen umgehen."      

Gespräche über einen Rettungsschirm

Die Regierung ist mit den Energieunternehmen bereits in Verhandlungen über einen Rettungsschirm für strauchelnde Firmen. Ob sie sich an die Energiepreisdeckelung für Haushalte traut, ist angesichts steigender Kosten für Verbraucher und hoher Inflation fraglich.

Premierminister Boris Johnson, der heute zu Gesprächen in den USA unterwegs ist, versuchte Optimismus zu verbreiten. "Wir haben eine Reihe kurzfristiger Probleme, die nicht nur unser Land betreffen. Wir müssen das so schnell wie möglich regeln, zusehen, dass die Versorgung zuverlässig ist", so Johnson. "Die Situation wird sich bessern, wenn die Märkte sich erstmal wieder sortiert haben."