Blick auf Rohrsysteme und Absperrvorrichtungen in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 in Lubmin.  | picture alliance/dpa

Nach Wartung von Nord Stream 1 Noch weniger Gas erwartet

Stand: 21.07.2022 05:24 Uhr

Ab heute soll durch die Pipeline Nord Stream 1 wieder Gas fließen. Unklar ist aber, ob die Mengen ähnlich hoch sein werden wie vor der Wartung. Die Bundesnetzagentur rechnet mit nur noch 30 Prozent - Zahlen des Betreibers liegen höher.

Nach Aussage des Chefs der Bundesnetzagentur hat das russische Gasunternehmen Gazprom die für heute angekündigte Gasliefermenge über die Pipeline Nord Stream 1 reduziert. Demnach würden nun etwa 530 Gigawattstunden geliefert, twitterte Klaus Müller. Ihm zufolge wäre das eine etwa 30-prozentige Auslastung. Aber auch diese Menge kann bis kurz vor Lieferbeginn noch geändert werden.

Absenkung innerhalb weniger Stunden

Vor der planmäßig um 6 Uhr morgens endenden Wartung der Pipeline war diese zu etwa 40 Prozent ausgelastet. Noch am Mittwochmittag hatte Müller erklärt, es würden 800 Gigawattstunden erwartet und dabei auf Anmeldungen bei Transportnetzbetreibern - sogenannte Nominierungen verwiesen. Das wäre einer höheren Auslastung als vor der Wartung gleichgekommen.

Nominierungen dienen Netzbetreibern zur Gewährleistung des Transports und können sich bis kurz vor Lieferbeginn ändern. Eine solche Renominierung hat Gazprom laut Müller nun vorgenommen.

Auslastung wie vor der Wartung?

Die Betreibergesellschaft Nord Stream AG ließ am Morgen in vorläufigen Vorabinformationen wissen, dass für heute in etwa so große Gaslieferungen über die Ostsee-Pipeline angekündigt seien wie vor deren Wartung - nämlich etwas weniger als 30 Millionen Kilowattstunden pro Stunde, also rund 700 Gigawattstunden pro Tag.

Die angekündigte Menge entspricht damit ungefähr dem Niveau vor Beginn der Routinewartung. Die Angaben dazu können sich aber noch ändern. Ob und wie viel Gas tatsächlich fließt, blieb bis zuletzt unklar.

EU: Lieferstopp wahrscheinlich

Nord Stream 1 ist die wichtigste Pipeline für russisches Gas nach Europa. Während der vergangenen anderthalb Wochen war wegen einer jährlichen Routinewartung kein Gas geliefert worden. Die Bundesregierung befürchtet, Putin könnte den Gashahn auch danach geschlossen lassen. Daher forderte eine Sprecherin erneut eine Wiederaufnahme der Gaslieferungen in vollem Umfang. Dies sei die vertragliche Verpflichtung des russischen Staatskonzerns.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hält nach eigener Aussage einen kompletten Lieferstopp von Gas aus Russland in die Europäische Union für wahrscheinlich. "Wir müssen uns auf eine vollständige Unterbrechung der russischen Gasversorgung vorbereiten." Bereits zwölf EU-Länder würden gar nicht mehr oder nur eingeschränkt von Russland mit Gas beliefert. "Russland erpresst uns, Russland setzt Energie als Waffe ein."

Putin droht mit weiteren Kürzungen

Laut Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist ein weiteres Absenken der Liefermenge möglich. Sollte Russland die in Kanada reparierte Turbine nicht zurückerhalten, drohe Ende Juli die Durchlasskapazität nochmals deutlich zu fallen. "Dann gibt es nur 30 Millionen Kubikmeter am Tag." Die Pipeline kann pro Tag theoretisch mehr als 167 Millionen Kubikmeter transportieren. Zuletzt hatte Kanada entschieden, die Turbine an Deutschland zu übergeben.

Das Bundeswirtschaftsministerium widerspricht unterdessen der Darstellung, bei der Turbine handele es sich um ein unverzichtbares Bauteil; vielmehr handele es sich "um eine Ersatzturbine für den Einsatz im September", sagte eine Sprecherin des Ministeriums. Es sei ein Vorwand der russischen Seite, dass wegen der Wartung dieser Turbine der Gasfluss durch die Nord Stream 1 Pipeline habe gedrosselt werden müssen.

Berlin lässt Putin abblitzen

Putin brachte auch die fertiggestellte, aber nicht betriebene Pipeline Nord Stream 2 erneut ins Spiel. Er erklärte, der Betrieb von Nord Stream 2 könnte die Gaspreise senken. Denkbar wäre laut Beobachtern, dass Moskau die Inbetriebnahme von Nord Stream 2 durch die Drosselung von Nord Stream 1 erzwingen will.

Doch diese Hoffnung des Kremls dürfte vergebens sein. Die Bundesregierung lies Putin abblitzen und bekräftigte erneut ihre Position: die Pipeline sei nicht zertifiziert und damit rechtlich nicht zugelassen. Deutlicher wurden Politiker der Ampelkoalition: "Angesichts unserer realen Herausforderungen beschäftigen wir uns nicht mit einem derart plumpen Erpressungsversuch", sagte FDP-Fraktionsvize Lukas Köhler. "Das Thema Nord Stream 2 ist aus gutem Grund erledigt - und dieser Grund sitzt im Kreml."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Juli 2022 um 15:00 Uhr.