Vor einem Getränkemarkt in Hamburg stehen zahlreiche Getränkekisten | ARD-aktuell

Flaschenpost-Übernahme Kleine Getränkehändler in Bedrängnis

Stand: 04.12.2020 12:27 Uhr

Sterben die kleinen Lieferdienste, weil sie der mächtigen Konkurrenz durch Online-Anbieter wie Flaschenpost nicht mehr gewachsen sind? Die lokalen Händler wollen sich zur Wehr setzen.

Von Marcel Kolvenbach, SWR

Peter Alexander von der Marwitz und seine 15 Mitarbeiter haben aufregende Monate hinter sich. Denn plötzlich, während der Corona-Beschränkungen, waren sie für viele alte Menschen der einzige Kontakt zur Außenwelt. Das Telefon stand nicht mehr still. Eine junge Dame aus Berlin rief an, weil sie ihre alte Mutter in Hamburg nicht besuchen konnte und bat den Getränkehandel, das Nötigste zu besorgen. Die fehlenden Umsätze von Theatern oder Kantinen verlagerten sich in den privaten Bereich. Wasserkästen schleppen war plötzlich systemrelevant.

Marcel Kolvenbach

Vom Anruf zur App

Seit 20 Jahren versorgt Blue Getränkehandel mit zehn Fahrzeugen den Großraum Hamburg. "Vom Tresorraum bis in den Kiez - wir bekommen die ganze Palette des Lebens zu sehen. Das echte, pralle Leben und natürlich auch die traurigen Seiten", sagt von der Marwitz.

Er erinnert sich an den Tag, als eine alte Dame die Türe nicht mehr öffnen konnte und der Notarzt geholt werden musste. Gerade in den ersten Monaten der Pandemie war der Getränkedienst eine wichtige Brücke zu den Menschen. "Da musste dann auch schon mal das Katzenfutter oder Klopapier eingekauft werden auf dem Weg zum Kunden." Ganz unbürokratisch, ein Anruf genügt, man kennt sich: über Jahrzehnte gewachsene persönliche Kontakte. Und Corona hat die Bindung zu den Kunden noch gestärkt, neue sind dazugekommen. Es könnte also prima aussehen für Blue und die ganze Branche.

Doch nun wird der Onlinehandel zur ernsten Konkurrenz für die kleinen, lokalen Getränkelieferfirmen - vor allem bei der neuen, jungen Zielgruppe, die jetzt Getränke via App bestellt. Besonders erfolgreich in diesem neuen Markt präsentiert sich bisher das 2012 in Münster gegründete Startup Flaschenpost, das Bestellungen nur online entgegennimmt, also über Website und App.

Grünes Licht vom Kartellamt

In dieser Woche hat das Bundeskartellamt der zum Oetker-Konzern gehörenden Radeberger-Gruppe grünes Licht gegeben für die Übernahme des Online-Getränkelieferdienstes. Verschiedenen Medienberichten zufolge beträgt der Kaufpreis zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro; Oetker selbst machte dazu keine Angaben.

Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamtes, begründete die Entscheidung so: "Beim Einzelhandel mit alkoholischen und alkoholfreien Getränken kommen die Radeberger-Gruppe und Flaschenpost auch gemeinsam nur auf unbedenkliche Marktanteile." Selbst bei gesonderter Betrachtung von Lieferdiensten in bestimmten Metropolen - etwa Berlin, Düsseldorf oder Köln - übten "die zahlreichen Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel und im Getränkeeinzelhandel hinreichenden Wettbewerbsdruck aus".

Das Fazit der Kartellwächter: Der Zusammenschluss führe nicht zu einer erheblichen Behinderung wirksamen Wettbewerbs. Tatsächlich summiert sich der Marktanteil der beiden Anbieter den Wettbewerbshütern zufolge nur auf knapp fünf Prozent.

Mächtige Rivalen in der Nachbarschaft

Doch das sei nur ein Teil der Wahrheit, kritisiert von der Marwitz die Entscheidung. "Die Leute verstehen nicht, wie der Getränkehandel wirklich funktioniert", sagt er und tippt mit seinem Finger auf ein Satellitenbild seiner Firma im Gewerbegebiet. "Unser Lager liegt genau zwischen Durstexpress, Nordmann Getränke und der Ratsherrn Brauerei." Bisher war Durstexpress der Flaschenpost-Konkurrent aus dem Hause Oetker. Das Unternehmen gehört Deutschlands größter privat geführter Brauereigruppe: Radeberger ist Marktführer im Biermarkt. Mit den rund 500 Fachmärkten der Getränkefachmarktkette Getränke Hoffmann verfügt die Radeberger-Gruppe auch über den größten Getränkemarkt-Betreiber für Endkunden in Deutschland.

Vor einigen Jahren kam der Online-Lieferdienst Durstexpress dazu. Um mit der neuen digitalen Konkurrenz mitzuhalten, sind kleine Händler wie der Hamburger Blue Getränkehandel auf Platformen wie "Wir-Liefern-Getränke" angewiesen. Das ist ein Portal von Team Beverage, dessen Mehrheitsaktionäre der Großhandelskonzern Transgourmet und Oetker sind, an der sich aber auch zum Beispiel die Nordmann-Unternehmensgruppe beteiligen. Nicht nur auf seinem Betriebsgelände, auch im digitalen Markt sieht sich von der Marwitz der gleichen großen Konkurrenz gegenüber. "Kurzum, wir befinden uns am Scheideweg zu einer komplett neuen Verkaufsschiene zwischen Hersteller zum Verbraucher, vorbei am traditionellen Handel", fasst von der Marwitz die radikalen Umwälzungen in seiner Branche zusammen.

Gegenüber dem SWR verwies ein Sprecher der Dr. August Oetker KG auf die Übernahmeerlaubnis des Bundeskartellamts. Diese zeige, "dass die oberste Wettbewerbsbehörde nach eingehender Prüfung bei dieser Transaktion keine negativen Effekte auf den Wettbewerb im Getränkehandel feststellen konnte".

Reicht das Wettbewerbsrecht?

Kritisch sieht die Entwicklung der wirtschaftspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Reinhard Houben. Mit Blick auf die Flaschenpost-Übernahme erklärt er gegenüber dem SWR: "Die Konzentration im Online-Getränkehandel kann sich zu einem Problem entwickeln. Ich gehe davon aus, dass das Kartellamt diesen Sektor mittlerweile sehr aufmerksam betrachtet. Der Vormarsch von digitalen Geschäftskonzepten und Online-Handel wird den Wandel in vielen Branchen enorm beschleunigen." Darum fordert er: "Um die gezielte Benachteiligung kleiner Anbieter zu unterbinden, ist die Überarbeitung des Wettbewerbsrechts dringend geboten."

Für den Hamburger Getränkelieferanten von der Marwitz kommt diese Erkenntnis etwas spät. "Letztlich wird derzeit das Sterben der kleinen Lieferdienste eingeleitet, wie damals durch die Supermärkte die Tante-Emma-Läden gestorben sind", sagt er. Doch kampflos will er sich seinem Schicksal nicht ergeben. Gemeinsam mit sieben Kollegen will er nun einen eigenen Verband gründen, der die Interessen der kleinen Lieferdienste wahrnehmen soll. Und bei seinen Kunden setzt er auf den persönlichen Kontakt, um sich abzuheben von der digitalen Konkurrenz.