Arbeit an einem Großwälzlager | Bildquelle: dpa

Arbeitsmarkt Was ist dran am Fachkräftemangel?

Stand: 29.11.2018 11:01 Uhr

Das Fachkräfte-Zuwanderungsgesetz soll den Arbeitsmarkt entlasten. Aber gibt es überhaupt einen Fachkräftemangel? Oder macht es sich die Wirtschaft zu einfach?

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Am Ende hatte er Glück gehabt. Über einen Bekannten hat er doch noch einen Job gefunden, in einer Firma für Kfz-Pflegeprodukte. Nach mehr als 100 Bewerbungen, monatelangen Qualifizierungsmaßnamen der Arbeitsagentur und Hilfsarbeiten auf dem Bau.

Dabei ist Christian Holzmann Akademiker. Als diplomierter Biophysiker hat der 36-Jährige fünf Jahre lang an der Universität des Saarlandes an Prostatazellen geforscht. Nachdem die Stelle ausgelaufen war, machte er sich zunächst keine Sorgen. Es herrscht doch Fachkräftemangel, insbesondere bei Naturwissenschaftlern, dachte er. Nach vier Jahren Arbeitssuche, glaubte er das nicht mehr.

"Es gibt immer wieder Passungsprobleme, also dass die speziellen Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Qualifikation der Bewerber nicht zusammenpassen", sagt Holger Seibert vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das kommt nicht nur bei Biologen vor, sondern auch bei anderen Akademikern und beispielsweise Ingenieuren.

Ist die Wirtschaft zu wählerisch?

Aber selbst, wenn es von diesen Fällen nur ein paar Tausend gäbe, muss man doch die Frage stellen: Wie groß kann der Mangel an Fachkräften sein, wenn junge Akademiker wie Holzmann bei Unmengen von Bewerbungen nicht einmal zu einem einzigen Vorstellungsgespräch eingeladen werden? Ist die Wirtschaft, sind die Unternehmen zu wählerisch? Wollen sie schlicht nicht in Arbeitnehmer wie Holzmann investieren? Mit seiner Vorbildung als Naturwissenschaftler könnte er sich in zahlreiche komplexe Tätigkeiten einarbeiten.

Ein Blick auf die Statistik legt nahe, dass das bei den meisten Akademikern auch ganz gut funktioniert. Sie haben die geringste Arbeitslosenquote: 2017 lag sie bei 2,3 Prozent, während sie bei Menschen ohne Berufsabschluss 17,9 Prozent betrug. Die Gesamtarbeitslosenquote lag bei 5,8 Prozent.

Alarmismus bei Wirtschaftsverbänden

Andererseits kann es auch sein, dass so mancher Akademiker in der Arbeitslosenstatistik gar nicht auftaucht. Weil er sich entweder in einer Qualifizierungsmaßnahme nach der anderen befindet, an dessen Sinnhaftigkeit selbst das Amt oft nicht glauben dürfte. Zum anderen, weil viele - so wie Holzmann - womöglich lieber Zementsäcke und heiße Gussabfälle schleppen als Hartz IV zu beziehen.

Auf Zahlen und Statistiken zu setzen, ist beim Thema Fachkräftemangel generell problematisch. Während die Wirtschaft sich mit Alarmmeldungen überschlägt, ergibt sich aus den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA) ein ganz anderes Bild. Der Fachkräftemonitor der Industrie- und Handelskammer (IHK) benennt beispielsweise für Berlin derzeit ein Defizit von 121.000 Fachleuten. Bei der Bundesagentur für Arbeit sind im Oktober 2018 hingegen gerade einmal 19.079 offene Stellen für Facharbeiter gemeldet. Demgegenüber standen insgesamt 77.216 arbeitslose Facharbeiter, wie aus einer aktuellen Auswertung des rbb hervorgeht.

Welche Zahlen sind verlässlich?

Diese Statistiken sind aber nur bedingt verlässlich. Denn bei der Arbeitsagentur werden offenbar viele offene Stellen nicht gemeldet. Unternehmen setzen insbesondere in Städten eher auf Online-Jobbörsen oder soziale Netzwerke, um Personal zu finden. Andererseits dürften die Zahlen der Wirtschaftsverbände überzogen sein, heißt es in der rbb-Analyse. In ihre Erhebungen fließen zwar sowohl Befragungen der eigenen Mitglieder als auch die Zahlen der Arbeitsagentur ein. Letztere werden aber mit einem nicht näher bekannten Faktor multipliziert, eine Hochrechnung, um auch die nicht gemeldeten Stellen abzubilden.

"Die Wahrheit dürfte irgendwo zwischen den Erhebungen der Wirtschaftsverbände und den gemeldeten offenen Stellen liegen", sagt IAB-Arbeitsmarktexperte Seibert im Gespräch mit tagesschau.de. Das IAB befragt in einer eigenen Stellenerhebung bundesweit etwa 75.000 Betriebe und Verwaltungen, um den Arbeitskräftebedarf möglichst genau zu ermitteln. Zwar lässt die Stellenerhebung eigentlich nur eine Hochrechnung auf Ost- und Westdeutschland zu. Laut Seibert käme man aber für Berlin grob geschätzt auf 50.000 offene Stellen. Also deutlich unter der IHK-Erhebung.

Infografik Mangelberufe
galerie

Vakanzzeit meint die Anzahl der Tage, die es braucht, um einen offene Stelle zu besetzen. Sie ist ein wichtiger Indikator dafür, wie groß der Fachkräftemangel in einer bestimmten Branche ist.

"Probleme häufig hausgemacht"

Auch wenn niemand seriös einen flächendeckenden Fachkräftemangel für Deutschland behaupten wird, ist in der Fachwelt doch unumstritten, dass das für bestimmte Branchen zutrifft. Laut Engpassanalyse der BA ist in der Klempnerei beispielsweise, im Pflege- und Gesundheitssektor oder in der Energietechnik der Mangel an Facharbeitern bundesweit tatsächlich groß.

Ob eine Fachkräfte-Zuwanderung aus Drittstaaten hier nun Abhilfe schaffen kann? Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung sieht in der Einwanderung kein Allheilmittel. Er glaubt, die Probleme seien häufig hausgemacht. "In der Pflegebranche sind jahrelang sehr niedrige Löhne bezahlt worden und die Arbeitsbedingungen wurden immer schlechter", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Solche Berufe müssten attraktiver und besser bezahlt werden. In der Pflege passiere das bereits, allerdings Jahre zu spät. Jetzt sei die Zuwanderung hier dringend erforderlich.

"Es gibt ausreichendes Arbeitsangebot"

Ein Problem ist hingegen die Baubranche, wo laut Engpassanalyse der BA ebenfalls großer Mangel herrscht. Die Ursache sieht Seils in dem extrem niedrigen Realzinsniveau in der Bundesrepublik. "Diesen Markt jetzt noch weiter zu öffnen für Angehörige aus Drittstaaten halte ich für nicht zielführend. Was passiert, wenn die Zinsen steigen und der Bauboom endet?", fragt er. Dann gäbe es wieder Massenarbeitslosigkeit in diesem Bereich wie schon einmal in den 1990er Jahren.

Etwas ganz anderes seien die Berufe, die gar nicht auf der Mangelliste der Bundesagentur für Arbeit stehen. Das neue Gesetz soll auch in diesen Berufen eine Einwanderung ermöglichen. So könnten in Zukunft auch ausgebildete Kellner, Reinigungskräfte und LKW-Fahrer einwandern. Seils ist fest davon überzeugt, dass es in diesen Berufen - auch dank EU-Freizügigkeit - ein ausreichendes Arbeitsangebot gibt. Die Unternehmen machen es sich nur oft zu leicht. "Die Arbeitgeber sind es gewohnt, in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit zu wirtschaften und meinen, dass es schon ein Mangel sei, wenn man eine Weile nach einer Arbeitskraft suchen muss oder eben höhere Löhne anbieten muss", sagt Seils. "Aber es gibt kein Anrecht auf billige Arbeitskräfte."

Zuwanderung in der Zukunft notwendig

Bei der Fachkräfte-Zuwanderung wünscht sich Seils deshalb eine Regelung mit Augenmaß. Immerhin: Dort, wo echter Mangel herrscht, ist bereits ein Umdenken von Politik und Wirtschaft zu beobachten. In der Pflege beispielsweise oder bei Softwareentwicklern steigen die Löhne, die Einbindung von Frauen und älteren Arbeitnehmern in den Arbeitsmarkt nimmt immer mehr zu. Im Jahr 2000 waren lediglich gut 37 Prozent aller Menschen zwischen 55 und 64 erwerbstätig, 2017 waren es bereits etwas mehr als 70 Prozent.

Doch eins ist unter Fachleuten unumstritten: In der Zukunft wird durch den demografischen Wandel die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland tatsächlich sinken, selbst bei einer gewöhnlichen Zuwanderung von etwa 200.000 Menschen pro Jahr. Eine gesteuerte Zuwanderung für die kommenden Jahre halten daher selbst Kritiker wie Seils für sinnvoll.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. November 2018 um 18:48 Uhr.

Darstellung: