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Hintergrund

Fünfjahrestief zum Dollar Fluch und Segen des schwachen Euro

Stand: 03.05.2022 10:33 Uhr

Was exportstarke deutsche Firmen freut, ärgert deutsche Urlauber: Der Euro fällt seit Wochen. Inzwischen notiert er zum Dollar auf einem Fünfjahrestief. Kommt bald die Parität? Und warum ist der Euro so schwach?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Wer dieser Tage eine Reise in die USA plant, der muss tief in die Tasche greifen. Denn der Euro hat zum US-Dollar in jüngster Zeit deutlich an Wert verloren. In der vergangenen Woche rutschte die Gemeinschaftswährung unter 1,15 Dollar. Mit 1,1472 Dollar erreichte der Euro seinen tiefsten Stand seit gut fünf Jahren. Seit Anfang 2022 hat der Euro rund 13 Prozent gegenüber dem Greenback abgewertet. Für die unübersehbare Euro-Schwäche gibt es mehrere Gründe.

Transatlantische Zinsdifferenz

Devisenhändler verweisen vor allem auf den zu erwartenden großen Zinsunterschied zwischen Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Fed hat bereits die Zinswende eingeläutet und plant mehrere Zinsanhebungen in diesem und wohl auch im nächsten Jahr. Die Europäische Zentralbank (EZB) hingegen wartet ab. Trotz der hohen Inflation und des zunehmenden Drucks aus Politik und Wirtschaft belässt sie den Leitzins vorerst bei null Prozent. Frühestens im Herbst könnten die Währungshüter an der Zinsschraube drehen - dann aber auch nur zaghaft.

Stagflationsgefahr in Europa

Die EZB steckt im Dilemma. Erhöht sie die Zinsen, riskiert sie, den verhaltenen Aufschwung in der Eurozone abzuwürgen. Dann droht gar eine Stagflation. Zaudert die EZB weiter und tut nichts, könnte indes die Inflation aus dem Ruder laufen. "Im Euroraum sind die Stagflationsrisiken höher als in den USA, weil Europa in höherem Maße von Energieimporten abhängig ist, insbesondere von russischen Gasimporten", glaubt Commerzbank-Devisenexperte Ulrich Leuchtmann.

Ukraine-Krieg trifft Europa härter als USA

"Europa hat immense Wachstumsrisiken", meinen die Ökonomen der US-Investmentbank JP Morgan. Kurzfristig sind die Konjunkturaussichten in Europa düsterer als in den Vereinigten Staaten. Der Ukraine-Krieg schadet der europäischen Konjunktur deutlich mehr. Der Lieferstopp von russischem Erdgas nach Polen und Bulgarien zeigt, wie fragil die europäische Wirtschaft ist. Sollte nun auch Deutschland der Gashahn abgedreht werden, könnte es hierzulande zu einer schweren Rezession kommen. Manche Fachleute warnen sogar vor dem schlimmsten Konjunktureinbruch seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Eine neue Rezession in Europa würde einige Volkswirtschaften in der Eurozone hart treffen. Gerade Länder wie Italien und Frankreich haben sich zuletzt hoch verschuldet, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Eine neue Schuldenkrise will Brüssel mit allen Mitteln verhindern.

Die Unsicherheit um verschärfte Russland-Sanktionen und ihre Auswirkungen auf Europas Konjunktur könnten auch in naher Zukunft den Euro weiter belasten, glauben auch die Experten der Landesbank BayernLB. "An den Devisenmärkten ist die Furcht groß, dass eine stärkere konjunkturelle Abschwächung in der Eurozone - oder gar eine Rezession - den geplanten Straffungskurs dér EZB doch noch durcheinander wirbeln könnte", erklärt Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der liechtensteinischen VP Bank. Das schlimmste Szenario wäre, so Gitzel, eine Rezession, eine hohe Inflation und eine zaudernde EZB.

Dollar-Stärke setzt Euro unter Druck

Letztlich ist es aber eine Dollar-Stärke, die dem Euro in jüngster Zeit so zusetzt. Das lässt sich gut am Dollar-Index ablesen. Das Barometer, das den Kurs zu den wichtigsten Währungen abbildet, stieg in der vergangenen Woche auf ein 20-Jahres-Hoch. Besonders stark hat er zum japanischen Yen aufgewertet. Gerade in Krisenzeiten flüchten Anleger verstärkt in den Dollar. Insofern spiegelt der starke Dollar auch die Konjunktursorgen in der Welt wider.

Bald Parität zwischen Dollar und Euro?

Experten rechnen damit, dass der Höhenflug des Dollar anhält. Sollte der Euro das 20-Jahres-Tief von 1,034 Dollar unterschreiten, wäre auch die Parität zum Dollar nicht mehr weit. Zuletzt gab es diese vor rund 20 Jahren. Mehrere Ökonomen prophezeien, dass bald das Niveau von einem Dollar je Euro erreicht wird. "Wir gehen davon aus, dass der Euro unter die Parität zum Dollar fallen wird", sagte kürzlich Robin Brooks, Chefvolkswirt des Internationalen Bankenverbands, im "Handelsblatt". Auch nach Einschätzung von Paul Mackel, Devisenchef der britischen Großbank HSBC, "wird der Doller weiterhin die Oberhand behalten".

Nur wenige Ökonomen halten die Dollar-Stärke für ein vorübergehendes Strohfeuer. Holger Schmieding von der Berenberg Bank traut dem Euro bald wieder eine Erholung zu. Denn die USA habe ein größeres Inflationsproblem als die Eurozone. Das dürfte sich langfristig auf den Dollarkurs auswirken. Bisher jedoch blenden die Devisenmärkte die höhere Teuerung in den USA aus und schauen zu sehr auf den Zinsvorsprung der USA. Langfristig - in fünf Jahren - könnten die USA gar wieder in eine Schuldenkrise rutschen - ähnlich wie Italien.

Urlaub wird teurer, Exporte werden billiger

Danach sieht es freilich momentan nicht aus. Den schwachen Euro spüren vor allem deutsche Urlauber, die in die USA oder in andere Stark-Währungsländer reisen. Umgekehrt profitieren besonders exportaktive deutsche Unternehmen von einer schwächeren Gemeinschaftswährung. Die Produkte aus Deutschland werden billiger und wettbewerbsfähiger auf dem Weltmarkt.

Andererseits verteuern sich dann aber auch die Importe von Waren und besonders von Rohstoffen, die meist in Dollar gehandelt werden. So werden Öl, Gas und Metalle teurer. Insofern ist ein schwacher Euro eben Fluch und Segen zugleich.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 03. Mai 2022 um 09:00 Uhr.