Arbeiter bei der Ernte auf einem Rhabarberfeld. | WDR/Philip Raillon

Erntehelfer in Deutschland Kein Schutz, keine Versicherung?

Stand: 13.05.2021 15:30 Uhr

Derzeit arbeiten wieder Hunderttausende Saisonarbeiter auf deutschen Feldern. Die Corona-Schutzmaßnahmen werden teils nicht eingehalten. Und: Viele arbeiten ohne Krankenversicherung.

Von Philip Raillon, Dirk Bitzer und Traian Danciu, WDR

Spargel ernten, Salat pflanzen oder Rhabarber schneiden: Hunderttausende Saisonkräfte sind dieses Frühjahr wieder in der deutschen Landwirtschaft unterwegs. Sie dürfen in diesem Jahr 102 Tage ohne Sozialversicherung arbeiten. Auf so viele Tage hat der Bundestag die Versicherungsbefreiung Mitte April mit Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD ausgeweitet. Vorher galt die Versicherungsfreiheit für 70 Arbeitstage.

Die Verlängerung sei nötig, um die Versorgung mit heimischen Lebensmitteln sicherzustellen, heißt es aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium. "Andererseits wird durch die geringere Personalfluktuation das Infektionsrisiko verringert", so eine Ministeriumssprecherin. Grüne und Linke kritisieren das. Sie fordern statt verlängerter Ausnahme eine komplette Abschaffung der Sozialversicherungsbefreiung. Derzeit sind viele Saisonarbeiter nur verpflichtend unfallversichert. Kranken- und Rentenversicherungspflicht besteht nicht.

Opposition für Befristete Arbeitsverträge

Die Gewerkschaft IG BAU und das gewerkschaftsnahe Beratungsprojekt Faire Mobilität kritisieren die Bedingungen scharf. Sie fordern insbesondere eine Krankenversicherungspflicht. "Ich finde das inakzeptabel, gerade in Pandemiezeiten", sagt Oskar Brabanski von der Fairen Mobilität in Nürnberg. Bemerkenswert: Zumindest einfache Krankenversicherungen gibt es schon für weniger als 50 Cent pro Tag und Arbeiter.

"Diese Versicherungen reichen aber nicht aus. Da ist fast alles ausgeschlossen", sagt Reinhard Steffen von der IG BAU NRW. Es ist ohnehin unklar, wie viele Landwirte diese Versicherungen überhaupt abschließen. Der Bauernverband geht von einer hohen Quote aus. Gewerkschaftsvertreter Steffen hat einen anderen Eindruck - und das legen auch Stichproben des WDR nahe.

Die Alternative seien befristete Arbeitsverträge. "Wir wollen, dass dieser Missbrauch endlich beendet wird", sagt auch Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag. Es gebe schon heute Betriebe, die ihre Kräfte vernünftig anstellten - doch diese seien die Verlierer, weil Mehrkosten bei hohem Preisdruck entstünden. Der Deutsche Bauernverband widerspricht. Viele Saisonkräfte wollten gar nicht länger arbeiten als für den versicherungsfreien Zeitraum. Denn sonst müssten sie die üblichen Lohnabzüge in Kauf nehmen.

Container-Unterkünfte sind weit verbreitet

Viele Landwirte sparen offenbar auch bei der Unterbringung. "Wir sind sprachlos, schockiert. Selbst wenn in Rumänien die Bezahlung schlecht ist, die Lebensbedingungen sind anständiger. Hier ist es schlimmer als im Schafstall", sagen Konstantin und Nikolai. Nach einem Streit mit ihrem Bauern im Rheinland mussten sie nach nur fünf Tagen wieder abreisen. Erst mit Hilfe der Gewerkschaft IG BAU rückte der Landwirt ihren Lohn und die Papiere raus.

Ein Grund für den Streit: Eine heruntergekommene Containerunterkunft. Zum Schlafen hatten sie billige Matratzen, und trotz Nachtfrostes gab es nur einen kleinen Elektro-Heizlüfter, wie WDR-Recherchen für das Magazin Plusminus zeigten. Auf Fotos der beiden ist eine dreckige Dusche, eine Toilette und ein Herd zu sehen - angeblich für mehr als zehn Saisonkräfte. Der Bauer wollte sich dazu nicht äußern.

Bauernverband: Corona-Schutz ausreichend

Gerade im Corona-Jahr 2021 gibt es klare Regeln für die Saisonarbeit. Etwa dürfen maximal zwei Personen pro Container untergebracht sein. Reinigungspläne sind vorgeschrieben. Und auf dem Feld gilt überall dort Maskenpflicht, wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann.

Die Saisonkräfte kommen sich während der Arbeit auf einigen Höfen trotzdem sehr nahe - und zwar ohne Maske. Die möglichen Folgen: ein Corona-Ausbruch wie zuletzt auf einem großen Spargelhof in Niedersachsen. Dort steckten sich 130 der insgesamt fast 900 auf dem Hof getesteten Personen an. Corona-Ausbrüche seien aber "sehr bedauerliche Einzelfälle", heißt es dazu vom Deutschen Bauernverband. Regelmäßige Testungen und andere Hygienemaßnahmen würden wirken. "Aus jetziger Sicht ist eine weitere Anpassung der Infektionsschutzregeln nicht erforderlich", heißt es vom Verband.

Anreise in Kleinbussen, ohne Negativtest

Ein Corona-Risikofaktor scheint bereits die Anreise zu sein. Die Vorschrift ist, dass die Erntehelfer einen maximal 48 Stunden alten Test aus der Heimat brauchen - oder aber einen frischen Test spätestens zwei Tage nach Ankunft. Das führt dazu, dass offenbar viele Erntehelfer in vollbesetzen Kleintransportern über die Grenze kommen - und zwar ungetestet.

Das Recherche-Team fragte rumänische Transportunternehmen an, getarnt als potenzielle Erntehelfer. Das Ergebnis: Von zehn Unternehmen wollte keins einen Negativtest für die Fahrt haben. Und auch an der Grenze scheint es höchstens stichprobenartige Kontrollen zu geben, wie der WDR von rumänischen Fahrern erfuhr.

Über dieses Thema berichtete die Sendung plusminus im Ersten am 28. April 2021 um 21:45 Uhr.