Erdgastanker am Gas-Terminal Snövit bei Hammerfest, Norwegen | picture alliance / Hinrich Bäse

Energieversorgung Norwegen will mehr Erdgas liefern

Stand: 16.03.2022 17:45 Uhr

Norwegen will in den kommenden Monaten seine Erdgas-Lieferungen nach Europa ausweiten und helfen, unabhängiger von russischem Gas zu werden. Auch Wirtschaftsminister Habeck will die Kooperation weiter stärken.

Deutschlands zweitgrößter Gaslieferant Norwegen will die Erdgasförderung in den kommenden Monaten erhöhen und im Sommer mehr nach Europa exportieren. Allein durch angepasste Genehmigungen der Regierung für das Oseberg-Feld können die Lieferungen bis zum 30. September um etwa eine Milliarde Kubikmeter (bcm) gesteigert werden, wie der Betreiber Equinor heute mitteilte. "1,4 Milliarden Kubikmeter Gas decken den Gasbedarf von rund 1,4 Millionen europäischen Haushalten in einem Jahr."

Große Abhängigkeit von russischem Gas

In Europa hatten sich die Speicher wegen verringerter russischer Gasexporte in den vergangenen Monaten erheblich geleert. Zudem steht die Verbindung über die Ukraine derzeit unter ständiger Gefahr durch Kriegsschäden oder Sabotage. Auch ein kompletter Stopp der Lieferungen aus Russland steht im Raum. Neben Forderungen, den Import von russischem Gas kurzfristig zu beenden, drohte auch Russlands Vize-Ministerpräsident Alexander Nowak erstmals mit einem Stopp der Erdgasversorgung über Nord Stream 1.

Die Abhängigkeit von Europa vom russischen Gas ist enorm. Im vergangenen Jahr importierten die EU-Länder im Schnitt etwa 140 Milliarden Kubikmeter. Das sind täglich mehr als 380 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Dazu kamen rund 15 Milliarden Kubikmeter verflüssigtes Erdgas (LNG). Insgesamt machten die Lieferungen aus Russland damit 45 Prozent der Gaseinfuhren in die EU aus.

Auch für Deutschland wäre ein Gasstopp ein "Worst Case": 2021 betrug der Anteil von Erdgas am gesamten Primärenergieverbrauch in Deutschland nach Zahlen des Energieexperten Hans-Wilhelm Schiffer mehr als ein Viertel. 88,4 Prozent des Ergases werden aus dem Ausland importiert - rund die Hälfte davon aus Russland.

Aufschub von Wartungsarbeiten

Bislang wäre von den drei großen norwegischen Pipelines nur wenig Entlastung zu erwarten. Laut Schiffer kam 2021 45 Prozent der deutschen Erdgasmenge aus Norwegen. In der EU deckt das Land Equinor zufolge knapp ein Viertel des Gasbedarfs. Zuletzt lieferten die Skandinavier 120 Milliarden Kubikmeter Erdgas und waren damit der zweitgrößte Erdgasproduzent Europas.

Täglich fördert Norwegen etwa vier Millionen Barrel Öläquivalent, die sich fast gleichmäßig auf Erdöl und Erdgas verteilen. "Norwegen hat ein hoch entwickeltes Leitungsnetz und kann damit täglich seine Liefermengen nach Großbritannien und Kontinentaleuropa optimieren", erläuterte jüngst Andreas Schroeder, Leiter der Energieanalyse beim Energiemarktforscher ICIS. Allerdings sei das Land produktionsbedingt am Limit.

Nun kündigte Norwegen an, seine Gasproduktion vorerst auf dem höchstmöglichen Niveau zu belassen. Eine deutliche Ausweitung der Gasexporte sei aber nicht möglich, erklärte das norwegische Energieministerium. Das derzeitige erhöhte Exportniveau könne durch den Aufschub einiger Wartungsarbeiten und andere Anpassungen aber länger gehalten werden. Neben dem Oseberg-Feld könne auch der Ausstoß im Heidrun-Feld in diesem Jahr um 0,4 bcm hochgefahren werden, teilte Equinor mit. Darüber hinaus könne mit dem Troll-Feld auch die größte Gasquelle in der Nordsee noch mehr fördern.

Habeck zu Besuch in Oslo

Um die Partnerschaft mit Norwegen zu stärken und damit die Unabhängigkeit von russischen Gasimporten voranzutreiben, reiste Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck heute zu Gesprächen in die norwegische Hauptstadt Oslo. "Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat mehr als deutlich gemacht, dass wir von russischen Energieimporten unabhängig werden müssen", erklärte der Grünen-Politiker.

Der Besuch sei der Auftakt zu einer Reihe von Auslandsreisen - etwa auch nach Katar - mit dem Ziel, die deutsche Energieversorgung breiter aufzustellen, teilte das Wirtschaftsministerium weiter mit. Nötig seien dafür kurzfristig höhere Importe von verflüssigtem Erdgas (LNG) sowie eine engere Kooperation beim Ausbau von Wasserstoff- und Klimaschutztechnologien. Das skandinavische Land könnte eine tragende Rolle bei der künftigen Versorgung Deutschlands mit Wasserstoff spielen.

Auch der beschleunigte Ausbau der erneuerbaren Energien und deutlich mehr Energieeffizienz seien unverzichtbar, so Habeck. Dies sei das "A und O für eine günstige, unabhängige und sichere Energieversorgung der Zukunft". In Oslo trifft Habeck neben Unternehmensvertretern auch den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Store.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 16. März 2022 um 15:13 Uhr.