Tankschiff "Artic Voyager" am LNG Terminal Rotterdam | picture alliance / dpa

Flüssiges Erdgas LNG Eine Alternative zu russischem Gas?

Stand: 10.02.2022 12:20 Uhr

Gerade im Winter ist Erdgas ein wichtiger Rohstoff. In der Ukraine-Krise könnte Russland seine Lieferungen daher als Druckmittel einsetzen. Ist Flüssiggas eine Alternative, um die Abhängigkeit von Russland zu reduzieren?

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Erdgas ist in vielen Industrieländern einer der wichtigsten fossilen Brennstoffe - als Wärmelieferant, für die Stromerzeugung oder teilweise auch als Treibstoff. In Deutschland wurden 2020 rund 86,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht. Besonders hoch ist der Verbrauch im Winter, denn dann wird viel geheizt.

Lilli Hiltscher

In Deutschland wird der überwiegende Anteil des Erdgases über Pipelines aus Russland, Norwegen und den Niederlanden importiert. Russland ist für Deutschland der wichtigste Energielieferant: Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums bezieht Deutschland mehr als 50 Prozent seiner Erdgasimporte von dort.

Tankschiff "Artic Voyager" am LNG Terminal Rotterdam | picture alliance / dpa
Was ist LNG?

LNG (Liquefied Natural Gas) ist die Bezeichnung für Flüssigerdgas. Um LNG zu erhalten, wird Erdgas von Schwefel, Stickstoff und Kohlendioxid gereinigt und auf Temperaturen von bis zu -162°C abgekühlt. Dadurch wird Erdgas verflüssigt. Dieser Prozess verringert das Volumen um das 600-fache, wodurch sehr große Mengen des verflüssigten Energieträgers gelagert und transportiert werden können.

37 LNG-Terminals in ganz Europa

Doch Pipelines sind nicht die einzige Möglichkeit, wie das Gas nach Deutschland und Europa kommen kann - ein anderer Weg sind Transportschiffe, die Gas in flüssiger Form, also als LNG (Liquified Natural Gas), nach Europa bringen. In LNG-Terminals wird das flüssige Gas aus den Transportschiffen abgepumpt. Anschließend kann es in flüssigem Zustand als Treibstoff für Schiffe dienen, wobei LNG den Vorteil geringer CO2-Emissionen hat. Die Alternative ist, dass es durch Erwärmung wieder gasförmig und in das Gasnetz eingespeist wird.

In ganz Europa gibt es nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) derzeit 37 LNG-Terminals. "In Europa gibt es relativ große LNG-Importkapazitäten, über die etwa 40 Prozent des europäischen Gasbedarfs gedeckt werden", erläutert der unabhängige Energieexperte Hans-Wilhelm Schiffer auf Anfrage von tagesschau.de. 26 dieser Terminals stehen in Mitgliedsstaaten der EU. Hier deckt LNG nach Angaben der EU-Kommission immerhin rund 25 Prozent des Bedarfs.

"Durch neue Fördermethoden wie Fracking und die weltweite Erschließung neuer Gasvorkommen hat LNG eine enorme Dynamik entwickelt und deckte 2019 bereits 19 Prozent des Erdgasbedarfs der EU - und somit fast doppelt so viel wie noch vor wenigen Jahren", heißt es im KfW Research "Bedeutung der EU-Erdgasimporte für das Erreichen der Klimaziele" aus dem vergangenen Jahr. Seitdem hat das Flüssiggas noch einmal an Bedeutung gewonnen, nicht zuletzt durch den Ukraine-Konflikt und die leeren Gasspeicher in Deutschland. Denn die Gefahr droht, dass Russland Erdgas als politisches Druckmittel einsetzen könnte.

Förderländer USA, Australien und Katar

Gefördert wird das Erdgas, das dann als LNG in die Welt geschickt wird, vor allem in den USA, Australien und Katar: "Eine LNG-Exportinfrastruktur wird insbesondere in den USA massiv ausgebaut, die hierdurch bis 2024 zum größten LNG-Exporteur der Welt aufsteigen könnten", schreibt die KfW in ihrem Bericht. "Insbesondere dort sind viele Produzenten in der Lage, ihre Angebotsmenge kurzfristig auszuweiten, um auf Nachfrageschwankungen zu reagieren", erklärt der BDEW auf Anfrage von tagesschau.de. Dazu gehört auch, dass die LNG-Tanker relativ flexibel eingesetzt werden können, um das Flüssiggas dorthin zu bringen, wo es gerade benötigt wird.

Wie etwa in die EU: "Die Auslastung der LNG-Terminals in Nordwesteuropa ist seit Dezember deutlich gestiegen", berichtet Energieexperte Schiffer. Schuld daran seien die hohen Gaspreise in Europa, die mittlerweile deutlich über den Preisen für LNG-Lieferungen liegen. Denn bisher war LNG durch den aufwändigen Transport immer teurer als Gas, das durch Pipelines nach Europa kommt.

Laut Schiffer und Bundeswirtschaftsministerium kann sogar noch mehr LNG nach Europa transportiert werden, auch wenn die LNG-Terminals ungewöhnlich ausgelastet sind. "Die Auslastung der LNG-Terminals in ganz Europa beträgt aktuell 71 Prozent. Das ist ein sehr hoher Anteil, den wir so in der Vergangenheit nicht gesehen haben", so ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums in einer Pressekonferenz.

Deutschland hat kein LNG-Terminal

Obwohl Deutschland im EU-Vergleich den höchsten Erdgasverbrauch hat, gibt es auf dem Gebiet der Bundesrepublik allerdings bis heute kein einziges LNG-Terminal. Ein direkter Import des Flüssiggases ist nicht möglich. Deutsche Energieversorger, die LNG nutzen wollen, müssen das Flüssiggas in Terminals in Zeebrügge (Belgien), Dünkirchen (Frankreich) und Gate (Niederlande) anliefern und erwärmen lassen.

Zwar gibt es seit Jahren Pläne, LNG-Terminals auch in Deutschland zu bauen - konkret geht es um Anlagen in Brunsbüttel und in Stade. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz unterstützt die Vorhaben: "Er vertritt auf jeden Fall die Position, dass auch die Bundesrepublik Deutschland einen oder mehrere LNG-Terminals haben sollte", ließ der Kanzler Anfang Februar von seinem Regierungssprecher mitteilen. Politische Regelungen aber gibt es bis heute nicht. "Deutschland hätte vor über zehn Jahren besser einen Flüssiggasterminal gebaut als eine direkte Pipeline nach Russland", monierte jüngst DIW-Energie-Expertin Claudia Kemfert mit Blick auf die aktuellen Engpässe im Gespräch mit tagesschau.de.

"Deutschland ist nicht wettbewerbsfähig"

Die Hanseatic Energy Hub GmbH, die als Gesellschafter den Gasinfrastrukturbetreiber Fluxys (Belgien), die Partners Group (Schweiz) und die Buss-Gruppe aus Hamburg hat, will bis 2026 ein LNG-Terminal in Stade bauen. Nach Angaben des Unternehmens könnten durch das Terminal bis zu zehn Prozent des deutschen Gasbedarfs gedeckt werden.

Allerdings sieht sich das Unternehmen in Deutschland mit einigen Herausforderungen konfrontiert: "Deutschland hat trotz stark abnehmender europäischer Förderung seine Quellen nicht weiter diversifiziert und keinen eigenen Zugang zum weltweiten Gasmarkt, der in den letzten Jahrzehnten entstanden ist", teilte eine Sprecherin auf Anfrage von tagesschau.de mit. Während Nachbarländer ihre Infrastruktur für den LNG-Import seit Jahren ausgebaut hätten, habe Deutschland nur auf den Import per Pipeline gesetzt: "Derzeit ist Deutschland als Standort für ein Importterminal nicht wettbewerbsfähig. Es fehlt ein Regelwerk, das Investoren Sicherheit gibt, in die dringend benötigten Importterminals zu investieren."

Doch selbst wenn die Politik nun ein entsprechendes Regelwerk vorlegt, sind die Terminals in Stade und Brunsbüttel erst in einigen Jahren einsatzbereit. Damit ist auch klar, dass LNG einen Importstopp von russischem Erdgas nicht kompensieren könnte, so der Energieexperte Schiffer: "Die russischen Lieferungen an Erdgas sind so erheblich, sodass sowohl die Kapazitäten an LNG-Importterminals, als auch die aus anderen Erdgas-Exportstaaten via LNG bereit zu stellenden Erdgasmengen kaum hinreichend wären, um einen Komplettausfall der russischen Lieferungen zu ersetzen." Außerdem spielen laut Schiffer auch die Verfügbarkeit der Gasmenge, die Transportkapazitäten der Schiffe und die Kapazitäten der Anlagen in den Produzentenländern eine Rolle.