Eine Tafelanzeige mit den aktuellen Spritpreisen. | dpa
Hintergrund

Steigende Preise Die Risiken der Stagflation

Stand: 28.10.2021 14:42 Uhr

Vieles deutet darauf hin, dass der deutsche Aufschwung im Herbst abgewürgt wird. Experten warnen vor einer Stagflation, einem Mix aus stagnierender Konjunktur und hoher Inflation. Wie groß sind die Gefahren?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Leergefegte Landstraßen und Autobahnen, auf denen höchstens Radfahrer unterwegs sind - solche Bilder gab es in den 1970er-Jahren. Damals gab es wegen des Ölpreis-Schocks autofreie Sonntage. Weil das Ölkartell die Produktion drosselte, verdoppelte sich der Ölpreis binnen zwei Jahren. Die Folge war ein wirtschaftlicher Stillstand mit zunehmender Arbeitslosigkeit bei stark steigender Inflation.

Kosten für Energie und Material steigen

Zu dieser so genannten Stagflation könnte es in Deutschland erneut kommen - zumindest vorübergehend. Wieder drohen die massiv gestiegenen Energiepreise die Konjunktur abzuwürgen. Mehrere Daten und Indikatoren deuten auf ein Abflauen des deutschen Wirtschaftsaufschwungs im Herbst hin. Der Geschäftsklima-Index des Münchner ifo-Instituts sank zuletzt vier Monate in Folge. Im August brachen die Industrieaufträge um knapp acht Prozent, die Produktion um fünf Prozent ein. Forscher und Bundesregierung senkten ihre Konjunkturprognosen für das Gesamtjahr gerade deutlich.

"Stagflation im vierten Quartal"

Jens-Oliver Niklasch, Ökonom der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), hält die Mischung aus steigenden Preisen und sinkender Produktion für "ein toxisches Gebräu, das schon leicht nach Stagflation riecht". Ähnlich düster äußert sich Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. "Gegenwärtig sprechen die Materialengpässe, eine nachlassende Nachfrage aus China sowie eine neue Corona-Welle dafür, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal kaum noch wachsen wird", prophezeit er.

Gleichzeitig dürften die steigenden Energie- und Materialkosten die Inflation weiter anheizen. Selbst die eher vorsichtige Bundesbank schließt eine Teuerungsrate von fünf Prozent am Jahresende nicht aus. Insofern könne man durchaus von Stagflation im vierten Quartal sprechen, meint Chefvolkswirt Krämer.

Damit wächst auch die Gefahr einer sogenannten Lohn-Preis-Spirale. In den 1970er-Jahren setzten die Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durch, um die hohen Preissteigerungen auszugleichen. Tatsächlich heizten sie die Inflation zusätzlich an.

Lage auf dem Arbeitsmarkt heute ganz anders

Die ersten deutschen Gewerkschaften fordern bereits einen kräftigen "Schluck aus der Pulle". So will die IG Bauen-Agrar-Umwelt 5,3 Prozent mehr Lohn. Zudem steigt der Mindestlohn - eine Anpassung auf 10,45 Euro im kommenden Jahr war sowieso geplant, die voraussichtliche Ampelkoalition will ihn sogar auf zwölf Euro erhöhen.

Sebastian Dullien, Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, sieht bisher keine Anhaltspunkte für eine Lohn-Preis-Spirale. Die Gewerkschaftsforderungen seien nicht höher als 2019, meint er. "Damals stiegen am Ende gesamtwirtschaftlich die Löhne um knapp drei Prozent." Anders als in den 1970er-Jahren sieht es derzeit nicht nach einer deutlich steigenden Arbeitslosigkeit aus. Im Gegenteil: Viele Stellen können derzeit nicht besetzt werden wegen des Fachkräftemangels. Und: Die Lage am Arbeitsmarkt hat sich zuletzt eher verbessert, sagen Ökonomen.

Hoffnung auf Boom im kommenden Jahr

Mehrere Experten halten den historischen Vergleich deswegen für abwegig. "Die gegenwärtige Situation ist bei weitem nicht mit der der 1970er-Jahre vergleichbar", sagt ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. So seien sowohl Industrie als auch Verbraucher mittlerweile viel weniger abhängig von Energie als vor 50 Jahren. Auch die US-Großbank JP Morgan beruhigt junge Anleger in einer Studie: "Das ist nicht die Stagflation, die eure Eltern erlebt haben."

Im kommenden Jahr dürften die stagflationären Tendenzen wieder abnehmen, glauben die meisten Ökonomen. Während der Wirtschaftsaufschwung voraussichtlich wieder an Fahrt aufnimmt, wird die Inflation wahrscheinlich wieder zurückgehen. Viele Experten rechnen auch mit weniger Engpässen bei Halbleitern und anderen wichtigen Vorprodukten. "Die leergefegten Lager der Unternehmen und die liegengebliebenen Aufträge sprechen für ein kräftiges Anziehen der Industrieproduktion im kommenden Jahr", sagt Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

Notenbanken spielen wichtige Rolle

Ob es tatsächlich zu einer länger anhaltenden Stagflation kommt, hängt auch von den Zentralbanken ab. In den 1970er-Jahren schaffte es die US-Notenbank Federal Reserve nicht, die Inflation zu bändigen. Im Kampf gegen Stagflation stecken Notenbanken im Dilemma: Bei einer lockeren Geldpolitik mit Niedigzinsen und umfangreichen Anleihekäufen steigt womöglich die Inflation. Straffen die Zentralbanken die Geldpolitik mit höheren Zinsen, würgen sie die Konjunktur womöglich ab.

Manche Experten warnen vor einer "grünen Stagflation" im Zuge des Umstiegs auf klimafreundliche Produktion und CO2-Neutralität. Konjunkturprogramme für den Umbau der Industrie, glaubt etwa der Ökonom Bert Rürup, ein ehemaliger "Wirtschaftsweiser", könnten die Inflation antreiben. Gleichzeitig drohe ab Mitte des Jahrzehnts eine Stagnation der Wirtschaft aus demographischen Gründen. "In zwei Jahren dürfte der Zenit bei der Beschäftigung überschritten werden", so Rürup. Ab 2026 werden jährlich etwa 130.000 Menschen in Deutschland weniger im erwerbsfähigen Alter sein.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 08. Oktober 2021 um 17:05 Uhr.