Silhouetten von Menschen vor einem Schriftzug der damaligen KarstadtQuelle AG | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Ermittlung gegen Manager Cum-Ex-Geschäfte mit Karstadt-Renten

Stand: 17.01.2019 05:21 Uhr

Das Pensionsvermögen Tausender Karstadt-Mitarbeiter soll jahrelang in Cum-Ex-Geschäfte geflossen sein. Das ergeben Recherchen von "Die Zeit" und NDR. Gegen Manager wird unter anderem wegen Untreue ermittelt.

Von Jennifer Lange, NDR

Helga Reinke ist mit Karstadt groß geworden, mit den damals mondänen Kaufhäusern, in denen es fast alles gab. Schon ihre Mutter arbeitete bei Karstadt. Sie selbst fing 1983 als Kassiererin in der Elektroabteilung an. Ein paar Jahre später wurde sie zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt. "Ja, ich habe mich da pudelwohl gefühlt", erzählt sie.

18 Jahre arbeite sie für das Unternehmen. Inzwischen ist sie im Ruhestand. Jeden Monat legte Karstadt für sie ein paar Euro als Betriebsrente zurück. Sie dachte immer, ihr Geld sei sicher. "Dass da Geld einfach genommen wird und dass damit spekuliert wird", habe keiner in der Belegschaft gewusst.

Vorwürfe gegen Manager Mix

Das Geld der Karstadt-Rentner soll nach Recherchen der Wochenzeitung "Die Zeit" und dem NDR Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zufolge unter anderem der Spitzen-Manager Ulrich Mix veruntreut haben. Er ist bei der Deutschen Pensions Group als Geschäftsführer für die Verwaltung der Renten zuständig. Die Pensions Group war lange Teil des KarstadtQuelle-Konzerns. Mix ist außerdem im Vorstand des KarstadtQuelle-Mitarbeitertrusts. In diesen Fonds hatte Karstadt in Zeiten der Krise die Pensionsverpflichtungen gegenüber seinen Mitarbeitern ausgelagert.

In den Jahren 2009 bis 2011 soll der Manager 150 Millionen Euro-schwere Cum-Ex-Deals eingefädelt haben. Dabei werden in kurzer Zeit milliardenschwere Aktienpakete hin- und hergeschoben. So lange bis kaum noch nachzuvollziehen ist, wem die Aktien eigentlich gehören. Die Deals haben allein das Ziel, sich vom Staat Steuern erstatten zu lassen, die zuvor nie bezahlt wurden.

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So funktionierten die "Cum-Ex"-Geschäfte

Grafik: Cum-Ex-Geschäft 1 von 6

Investor A ist Anteilseigner eines Großkonzerns. Er besitzt Aktien im Wert von 15 Millionen Euro.

Geschäfte 2011 aufgeflogen

In den ersten Jahren soll der Manager mit seinen Investments gute Gewinne gemacht und rund vier Millionen Euro verdeckte Provisionen erhalten haben. 2011 flog das Geschäft auf. 45 Millionen Euro waren futsch.

Seitdem haben mehrere Zeugen ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt gegen den Manager - wegen Untreue, Bestechlichkeit, Geldwäsche und Steuerhinterziehung. Die Ermittler vermuten, dass Mix 2009 richtig groß ins Geschäft einstieg. Also genau in jenem Jahr, in dem der mittlerweile in Arcandor umbenannte Konzern in die Pleite schlitterte. Zuvor hatten die Mitarbeiter demonstriert, auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld verzichtet, viel getan, um ihre Jobs doch noch irgendwie zu retten.

Helga Reinke ist enttäuscht. "Das ist eine große Sauerei", sagt sie. "Ich finde das unmöglich, dass in den Häusern gespart worden ist ohne Ende. Und da wird einfach das Geld, das eigentlich Mitarbeitern gehört, genommen und in solche Geschäfte investiert, wo man ja eigentlich gar nicht wusste, kriege ich da einen Gewinn raus oder kriege ich keinen. Und diese Firmenrenten waren für manchen Mitarbeiter existenziell."

Schaden auf mehrere Schultern verteilt

Sie selbst hat sich ihre Betriebsrente 2009 auf einen Schlag auszahlen lassen. 13.000 Euro. Weg sind die Renten der Karstadt-Mitarbeiter nicht. Sie sind über mehrere Wege abgesichert. Heute garantiert der Pensionssicherungsverein die Zahlungen. So konnte der Schaden auf vielen Schultern verteilt werden.

Ulrich Mix will sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Er verwaltet bis heute die Betriebsrenten Tausender Karstadt Mitarbeiter. Und hat für diese Arbeit in den vergangenen Jahren Millionenbeträge erhalten.

"Cum-Ex-Files"

Unter dem Namen "Cum-Ex-Files" haben sich unter Leitung des Recherchezentrums "Correctiv" 19 Medien aus zwölf Ländern zusammengetan, um das ganze Ausmaß des Steuerraubs zu recherchieren. Dazu gehören neben dem ARD-Magazin Panorama, der "Zeit", "Zeit Online" und NDR Info auch die Nachrichtenagentur Reuters, "Le Monde" aus Frankreich, "La Repubblica" aus Italien, "El Confidencial" aus Spanien, "News" und "Addendum" aus Österreich, "Republik" aus der Schweiz, "Politiken" aus Dänemark, "De TIJD" aus Belgien, das Recherchebüro "Follow the Money" aus den Niederlanden, "TT News Agency" aus Schweden sowie das öffentlich-rechtliche Fernsehen DR aus Dänemark, SVT aus Schweden und YLE aus Finnland.
Die Ergebnisse der Recherchen werden auf der Website www.cumex-files.com zusammengeführt. Neben Links zu Veröffentlichungen aller Medienpartner sind dort weitere Hintergründe verfügbar.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Januar 2019 um 07:41 Uhr.

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