Mitarbeiter einer chinesischen Firma tragen einen Mundschutz | Bildquelle: ALEX PLAVEVSKI/EPA-EFE/REX

Trotz Coronavirus China hält an Wachstumszielen fest

Stand: 18.02.2020 16:53 Uhr

International wächst die Sorge vor den wirtschaftlichen Folgen der Virus-Krise in China: EU-Firmen klagen über Probleme, Konjunkturerwartungen sinken. Peking aber lässt sich von seinen Wachstumszielen nicht abbringen.

Die Führung in China will trotz der Krise durch das Coronavirus an ihren konjunkturellen Wachstumszielen in diesem Jahr festhalten. Das Staatsfernsehen zitierte Präsident Xi Jinping mit den Worten, das Ziel könne erreicht werden. Die Wirtschaft bleibe robust, während die Bekämpfung des Coronavirus-Ausbruchs eine entscheidende Phase erreicht habe. Das Land strebt für 2020 ein Wachstum von sechs Prozent an.

Dabei war laut der Nachrichtenagentur Reuters in Peking durchaus über eine Absenkung der Ziele diskutiert worden. Auch die Ratingagentur Moody's erwartet, dass es in den kommenden Monaten zu einem deutlichen Rückgang von Umsätzen und Gewinnen in ganz China kommt - betroffen wären demnach vor allem die Bereiche Verkehr, Konsum, Tourismus und Unterhaltung.

Warnung vor steigender Arbeitslosigkeit

Derweil wächst in dem Land die Angst vor steigender Arbeitslosigkeit. Um den Ausbruch der neuartigen Krankheit einzudämmen, wurden strenge Reise- und Bewegungseinschränkungen erlassen. Zahlreiche Unternehmen sind geschlossen. Die Nachfrage und das Angebot an Waren und Dienstleistungen sind eingeschränkt. Kleine Firmen sehen sich aufgrund ausbleibender Aufträge mit einer Liquiditätskrise konfrontiert. "Es könnte große Entlassungen geben", warnte etwa Wang Jun, Chefökonom der Zhongyuan Bank in Peking. "Ich denke, es ist angemessener, die gegenwärtigen Auswirkungen mit der globalen Finanzkrise zu vergleichen als mit denen von SARS."

Neben den kleinen Herstellern haben laut Wirtschaftswissenschaftlern die Unternehmen des ausufernden Dienstleistungssektors Chinas die Hauptlast der aktuellen Krise zu tragen - Restaurants und Hotels, aber auch Geschäfte, Kinos und Reisebüros. "Die Beschäftigungssituation ist im ersten Quartal in Ordnung, aber wenn das Virus bis Ende März nicht eingedämmt ist, dann werden wir ab dem zweiten Quartal eine große Runde von Entlassungen erleben", sagte Dan Wang, ein Analyst der Economist Intelligence Unit (EIU). Er prognostizierte, dass bis zu 4,5 Millionen Jobs verloren gehen könnten. Der Verlust von Arbeitsplätzen könnte Einkommen und Konsum beeinträchtigen - und dies wiederum würde die Chance auf eine deutliche Erholung der Wirtschaft verringern, sobald der Ausbruch eingedämmt ist, glauben Ökonomen.

Zwar haben einige wegen des Coronavirus geschlossene Fabriken in China wieder den Betrieb aufgenommen. Eigentlich hatte Chinas Premier Li Keqiang schon vor einer Woche dazu aufgerufen, die Arbeit wieder aufzunehmen und die Versorgung mit notwendigen Gütern sicherzustellen. Angesichts von inzwischen mehr als 70.000 Infektionen und fast 1900 Toten durch das Sars-CoV-2 genannte Virus sind die Maßnahmen zur Abschottung im Land aber eher noch verschärft worden.

Probleme bei EU-Firmen

Auch in der internationalen Wirtschaft hinterlässt die Krise Spuren. Mit dem iPhone-Hersteller Apple kappte erstmals ein weltweit führender Großkonzern seine Geschäftsziele wegen der Epidemie in China. In Südkorea kündigte Präsident Moon Jae In Konjunkturhilfen an. Die Wirtschaft des Landes befinde sich in einer Notsituation, sagte er. Singapur legte ein milliardenschweres Hilfsprogramm auf.

EU-Firmen klagen ebenfalls über große Probleme. Die EU-Handelskammer in China bemängelte, dass widersprüchliche Regeln lokaler Stellen es extrem schwierig machten, die Arbeit diese Woche nach den Ferien über das chinesische Neujahrsfest wieder aufzunehmen. "Das Ausmaß der Herausforderungen ist riesig", sagte Kammerpräsident Jörg Wuttke. Lieferketten seien unterbrochen. Auch könnten Produkte nicht verschifft werden, was einen Berg von Papieren erfordere.

"Es ist ein logistischer Alptraum", sagte Wuttke. Waren könnten nicht an den Kunden und auch nicht an den Verbraucher gebracht werden. Auch auf dem Weltmarkt kommt es zu Problemen mit Ersatzteilen aus China. Da es kaum Flugzeuge und Schiffe gebe, könnten Waren nicht verschifft werden. "Sachen aus China herauszubekommen, ist herausfordernd", sagte Wuttke. Da Chinas pharmazeutische Industrie ebenfalls schwer betroffen sei, könnte es weltweit Engpässe bei Antibiotika und anderen Medikamenten geben.

Für viele Firmen sei die Krise ein "Weckruf", sagte Wuttke. Es werde realisiert, dass die Abhängigkeit von China zu groß sei. So werde überlegt, "nicht alle Eier in ein Nest zu legen" und in den nächsten Jahren stärker zu diversifizieren. Ohnehin hätten Unternehmen wegen des Handelskrieges zwischen den USA und China in den vergangenen ein, zwei Jahren schon begonnen, sich auch in anderen Ländern umzuschauen.

Konjunkturerwartungen gesenkt

Die Sorge vor den Auswirkungen der Virus-Krise trübt auch die Konjunkturerwartungen von Finanzexperten. Der Index des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sank im Februar deutlich um 18 Punkte auf einen Wert von 8,7 Punkten. Die Einschätzung der konjunkturellen Lage für Deutschland verschlechterte sich gegenüber dem Vormonat ebenfalls. Die befürchteten negativen Folgen der Coronavirus-Epidemie in China auf den Welthandel hätten zu einem "markanten Rückgang" der Konjunkturerwartungen für Deutschland geführt, erklärte ZEW-Präsident Achim Wambach.

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