VW-Werk China Fushan | Bildquelle: VW China

Corona und die Wirtschaft "Stresstest für die Industrie"

Stand: 28.02.2020 16:05 Uhr

Noch ist es nicht so weit, dass in Deutschland einzelne Unternehmen ihre Produktion einstellen müssen. Dennoch richtet sich die Wirtschaft laut ihrer Verbände auf schwierige Zeiten ein.

Von Iris Marx, tagesschau.de

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier sieht in der Verbreitung des Coronavirus in Deutschland keine Gefahr für die heimische Wirtschaft. Die Wirtschaftsverbände bewerten das anders: Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sieht das sich immer weiter ausbreitende Coronavirus als "Stresstest" für die Wirtschaft. Problematisch sei vor allem die Industrie, die auf Zulieferteile aus China angewiesen ist.

"Wenn dort längere Zeit nicht produziert wird, merken wir das zeitverzögert in Deutschland", erklärt Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Wirtschaftsforschungsinstitut (DIW). Auch "Medikamente aus China brauchen vier bis sechs Wochen mit dem Schiff bis Deutschland", um nur ein Beispiel zu nennen, so Fratzscher.

Reiseverband sieht Verunsicherung bei Kunden

Ähnlich besorgt zeigt sich Volker Treier, der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie und Handelskammertages (DIHK). Er nannte vor allem die Automobilhersteller, der Maschinenbau sowie Chemie- und Elektro-Industrie als möglicherweise besonders stark betroffen.

Aber auch Flugunternehmen, Reiseveranstalter und die Tourismusbranche insgesamt spüren die Folgen des neuartigen Virus. Entsprechend stelle sich die deutsche Reisebranche auf ein schwieriges Jahr ein. Zwar seien die Bundesbürger in Urlaubslaune. "Aber wir stellen eine zunehmende Verunsicherung bei Kunden fest", sagte Norbert Fiebig, Präsident des Branchenverbandes DRV. Gerade bei Trips nach Asien gebe es eine Buchungszurückhaltung. Es bestehe die Hoffnung, dass die Reservierungen einfach nachgeholt werden im Laufe des Jahres.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Laut BDI seien mehr als 5000 deutsche Firmen in China in Beschaffung, Produktion und Absatz bereits stark eingeschränkt. Konkret nachgefragt hat nach eigenen Angaben der Bundesverband mittelständischer Wirtschaft (BVMW) bei über 1000 Unternehmen.

Ein Viertel von ihnen spüre die Auswirkungen bereits. BVMW-Präsident Mario Ohoven sagte dem "Spiegel", dass alleine das Handelsvolumen mit der von Corona besonders betroffenen Lombardei rund 44 Milliarden Euro betragen würde. "Die Auswirkungen des Coronavirus werden das Wachstum in Deutschland in diesem Jahr erheblich dämpfen", befürchtet der Mittelstandspräsident.

Entwarnung bei BMW und VW

Anders sähe das hingegen beim Autobauer BMW aus. Auf Nachfrage von tagesschau.de teilte das Unternehmen mit, dass die Produktion in China seit dem 17. Februar wieder regulär angelaufen sei. Die Versorgungssicherheit der Lieferkette sei nicht beeinträchtigt. Man könne nicht abschätzen, ob es dabei bleibe, aber Stand heute gebe es mit der China-Produktion keine Probleme.

Auch Volkswagen findet langsam den Weg in die Normalität zurück. Nach einiger Zeit im Homeoffice für 3500 Mitarbeiter in Peking gibt es leichte Entwarnung. Zwar gebe es noch Einschränkungen für das Personal aufgrund von Reisebeschränkungen. Und wegen gesperrter Ortschaften sei auch die Lieferung einzelner Teile noch eine Herausforderungen, aber die Produktion liefe wieder. "Mittlerweile sind die meisten Standorte wieder in Betrieb", sagt ein Sprecher von VW in Peking zu tagesschau.de.

VW-Werk China Fushan | Bildquelle: VW China
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Die Temperatur der Mitarbeiter des VW-Werks Fushan wird vor Arbeitsbeginn gemessen.

VDA: Automarkt geschrumpft

Der Verband der Automobilindustrie kann den tatsächlichen Schaden für ihren Industriezweig zum jetzigen Zeitpunkt nicht beziffern. Der Automarkt in China im Januar sei verglichen mit dem Vorjahresmonat zwar um 20 Prozent geschrumpft. Das liege aber auch daran, dass es wegen des Neujahrsfestes in China weniger Verkaufstage gegeben habe, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

Allgemein kümmern sich die Unternehmen grundsätzlich selbständig darum, den eigenen Betrieb am Laufen zu halten. Beim Autobauer BMW werden die Hygiene- und Verhaltensregel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen. Dienstreisen nach China sollen nur in Ausnahmefällen genehmigt werden.

Auch bei VW sind nationale und internationale Dienstreisen zurzeit ausgesetzt. In Peking hat "VW umfassende Vorbeugungsmaßnahmen eingeführt wie regelmäßige Desinfektion des Arbeitsumfelds, Verteilung von Masken oder Temperatur-Screening".

Mehr Investitionen gefordert

DIW-Chef Fratzscher sagt, die Bundesregierung sei jetzt als kluge Risikomanagerin gefragt. Er fordert, die Investitionen zu erhöhen. Das sei ein klares Signal an die Wirtschaft, dass der Staat langfristig etwas tue. Ähnliches fordert auch der BDI. "Neben dem Gesundheitsschutz muss die Politik ab sofort auch das wirtschaftliche Krisenmanagement in den Fokus nehmen", sagte BDI-Chef Joachim Lang. Der DIHK fordert Unternehmen auf, vermehrt auf Heimarbeit und Videokonferenzen zurückzugreifen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 28. Februar 2020 um 15:00 Uhr.

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