Ein Mitarbeiter eines Unternehmens im Bereich Maschinenbau schneidet mit einem Trennschleifer Metallteile. | dpa

Mittelstand in der Pandemie In Sorge um den Standort

Stand: 26.04.2021 12:26 Uhr

Auch wenn das Geschäft trotz Pandemie gut läuft: Familienunternehmer befürchten, dass Deutschland ökonomisch hinter andere Industriestaaten zurückfällt. Nicht nur Digitalisierungslücken bereiten ihnen Kummer.

Von Axel John, SWR  

Nach mehr als einem Jahr Covid-Krise bröckelt vieles, was in Deutschland als selbstverständlich galt. Angesichts der Probleme bei den Impfbestellungen und dem schleppenden Impftempo kämpft die Politik gegen einen Vertrauensverlust an. Die öffentliche Verwaltung wird in der Krise von vielen als ineffizient angesehen. Und auch in der Wirtschaft hat die Pandemie Strukturprobleme zu Tage gefördert. Hinter dem Schein einer eigentlich selbstbewussten Industrienation mehren sich vielerorts die Zweifel.   

Axel John

"Wir sind satt und träge geworden" 

Die Firma gehört zu den Hidden Champions in Deutschland: Tief im Westen von Rheinland-Pfalz führt Bernhard Clemens seinen Familienbetrieb, der Spezialgeräte für Wein- und Obstbau produziert und in die Welt exportiert. Seine Firma hat ihren Sitz im schmucklosen Industriegebiet II in Wittlich. Berlin und die Bundesregierung sind hier sehr weit weg. Das passt zum Gefühl von Clemens gegenüber der Politik. Je länger die Corona-Krise dauert, desto mehr sorgt sich der Unternehmer - um die Zukunft des Standortes.   

Bernd Clemens | Axel John

Aus Sicht des Unternehmers Bernhard Clemens (l.) hat die Corona-Krise viele Grundsatzprobleme offengelegt. Bild: Axel John

"Wir haben uns in den Jahren des Aufschwungs überschätzt. Wir sind satt und träge geworden", sagt Clemens. "Die Pandemie hat die Defizite der Bundesrepublik auch in der Wirtschaft offengelegt. Ich sehe aber keine Verbesserungsvorschläge, sondern nur das Verwalten der Mängel. Und das geht immer weiter." Seine Firma ist ohne Einbußen durch die Krise gekommen. Selbst Kurzarbeit musste er nicht anmelden. Nur einige Mitarbeiter gingen vorsorglich in Quarantäne. Dennoch hat der Mittelständler viele Kritikpunkte. "Was ist mit einem einheitlichen, schnellen Austausch von Informationen zwischen den Gesundheitsämtern? Kann es in einer Notlage so mit dem Föderalismus weitergehen? Warum läuft der Digitalunterricht in den Schulen nicht? Dahinter stecken doch viele Grundsatzprobleme." Die Politik liefere aber auch nach über einem Jahr keine Antworten. Das höre Clemens auch von vielen anderen Unternehmern aus der Region.    

Faxnummer statt E-Mail-Adresse  

Fünf Kilometer weiter geht Jens Pohlmann durch die Betriebshallen seiner Firma ProContur. Pohlmann zeigt auf riesige Fertigungsmaschinen, die Feinblech- und Kunststoffprodukte herstellen. "Nach einer Krise haben wir gemeinsam das Ruder umgeworfen. Nach zehn Prozent Plus im vergangenen Jahr könnten es 2021 sogar 30 Prozent werden. Aber die zunehmenden Standortschwächen treiben mich um. Warum packen Politik und Verwaltung nicht auch endlich an?", fragt der Firmenchef. Die wirtschaftlichen Folgen von Corona seien für ihn ein Weckruf.   

Er habe zunächst volles Verständnis für den ersten Lockdown im Frühjahr vergangenen Jahres gehabt. "Wir haben alles in Eigenregie umgesetzt: Homeoffice, Arbeiten auf Abstand, Schnelltests auf eigene Kosten. Substantielle Hilfen oder einen durchdachten Plan der Politik sehe ich aber bis heute nicht."  

Stattdessen sei er etwa in einem Behördenbrief nach der Zahl der Mitarbeiter im Homeoffice befragt worden. "Da war nicht mal eine E-Mail-Adresse angegeben, aber dafür eine Faxnummer", schimpft Pohlmann. "Wie sollen wir so die Defizite wie mangelnde Digitalisierung, eine verfallende Infrastruktur oder die wachsenden Schwächen im Bildungssystem angehen? Seit einem Jahr wird uns das vor Augen geführt. So werden wir zurückfallen und international den Anschluss verpassen."   

Impffortschritt hilft der Konjunktur

Den Eindrücken aus der Eifel werden durch mehrere internationale Studien untermauert. So kommt das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW zu dem Ergebnis, dass Deutschland als Standort für Familienunternehmer über die Jahre immer weiter nach hinten durchgereicht worden sei. Gegenüber Wettbewerbern aus den USA oder den Niederlanden sei die Bundesrepublik inzwischen deutlich abgeschlagen. Kritisiert werden etwa steigende Stromkosten, hohe Steuern und schlechte Infrastruktur.     

Auch der neuste Wachstumsreport des Internationalen Währungsfonds (IWF) zieht für Deutschland ein enttäuschendes Ergebnis. Dabei erklärt die Bundesregierung immer wieder, die Bundesrepublik komme ökonomisch gut durch die Krise. Nach der IWF-Studie liegt die Bundesrepublik mit einem prognostizierten Wachstum von 3,6 Prozent für dieses Jahr auf den hinteren Rängen. Fast alle anderen Industrienationen kommen auf deutlich höhere Werte. Ein Grund: je besser der Impffortschritt in den betreffenden Ländern, desto besser entwickle sich die Konjunktur.  

"Zukunftsinvestitionen verpasst" 

Mit den Fragen von Standortpolitik und den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie beschäftigt sich der Ökonom Daniel Stelter. Nach seinem Buch "Coronomics" aus dem vergangenen Jahr hat der Wirtschaftsexperte nun "Ein Traum von einem Land" vorgelegt. Darin schlägt Stelter tiefgreifende Reformschritte vor, um aus der Corona-Krise zu kommen.  

Der frühere Unternehmensberater kann die Klagen der beiden Mittelständler aus der Eifel nachvollziehen. "Der Boom der vergangenen Jahre kam unter anderem durch das billige Geld der Europäischen Zentralbank zustande. Deutsche Exporte wurden so auch deutlich günstiger. Der Standort aber wurde immer unattraktiver", analysiert Stelter. Firmen hätten deshalb weniger investiert. Die Produktivität sei stagniert. Auch der Staat habe zu wenig Geld in Straßen, Schulen oder ins Mobilfunknetz gesteckt. "In dieser Zeit wurden Zukunftsinvestitionen verpasst. Auch deshalb haben wir keine durchschlagenden Innovationen mehr. Wir leben heute noch von Industrien aus der Kaiserzeit." 

Gleichzeitig liegen große Herausforderung vor Deutschland. Die so wichtige Autoindustrie steht vor einem Wandel - Ausgang offen. Zudem wird der demographische Wandel die Gesellschaft in den nächsten Jahren verändern. Viele Fachkräfte gehen in Rente und fehlen dann auf dem Arbeitsmarkt. Das dürfte die Wirtschaftsentwicklung weiter bremsen.       

All das seien zusätzliche Belastungen, so Stelter. Und was bedeutet das für die künftige Bundesregierung und auch die Gesellschaft? "Es besteht sehr viel Handlungsbedarf. Nach den sehr teuren Corona-Programmen kommt das böse Erwachen in spätestens zwei Jahren", prognostiziert Stelter. "Ob die Politik bei den dann anstehenden Verteilungskämpfen die Kraft und den Mut aufbringt, die notwendigen Strukturreformen anzugehen, ist aus meiner Sicht fraglich."   

Warten auf den "Wumms"

In Wittlich sitzt Firmenchef Bernhard Clemens inzwischen im Büro seiner Firma. Er telefoniert mit einem Geschäftsfreund in den USA. Nach dem Gespräch legt er entnervt auf und schüttelt mit dem Kopf. "Wir galten bislang überall als Organisationsweltmeister. Ich bin eben schon wieder gefragt worden, ob die Berichterstattung zur Corona-Impfkampagne hierzulande Fake News seien. Ich konnte das leider nicht dementieren. Wir haben bereits an Reputation verloren." Vom angekündigten "Wumms" des Bundesfinanzministers bleibe in der Wirklichkeit der Unternehmenswelt nichts. Dabei habe der Standort doch weiter alle Chancen, so Clemens. "Man hat doch gesehen, wie schnell ein Land aus der Krise umschalten kann - die USA mit Biden. Wann schalten wir endlich um?"