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Corona-Krise Einzelhandel fürchtet Pleite-Welle

Stand: 18.03.2020 16:50 Uhr

Hamsterkäufe sorgen in den Supermärkten derzeit für zusätzlichen Umsatz. Doch viele andere Geschäfte müssen in der Corona-Krise schließen - und bangen um die Existenz.

Von Jörg Marksteiner, WDR

Stefan Genth macht sich keine Illusionen: Sechs bis acht Wochen ohne Kunden - das könne kein Geschäft durchhalten. Der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland (HDE) fürchtet eine Pleitewelle bei den Geschäften, die wegen der Corona-Krise schließen müssen. "Wir haben hier eine Herausforderung, die wir kaum bewältigen können."

Pro Tag fehlt eine Milliarde Umsatz

Die meisten Nonfood-Läden wie Elektromärkte, Textilhändler, Möbel- und Sportgeschäfte und Warenhäuser müssen zwangsweise schließen. Der Schaden ist kaum zu beziffern, dürfte aber gewaltig sein. Der HDE schätzt, dass jeden Tag 1,1 Milliarden Euro Einnahmen ausbleiben. Gleichzeitig laufen die Kosten für Mieten, Gehälter und Versicherungen weiter.

Finanziellen Puffer haben die wenigsten in der hart umkämpften Branche. "Für zahlreiche Unternehmen bedeutet dies höchstwahrscheinlich die Insolvenz", fürchtet Genth. Er fordert, dass Zahlungen ans Finanzamt und an die Sozialversicherungsträger zwei Monate lang gestundet werden, damit die keine Pfändungen einleiten. Die Betriebe bräuchten außerdem Sofortzahlungen und Bürgschaften, heißt es in einem Brief an die Bundeskanzlerin.

Weniger Kunden im Handel, mehr Online-Einkauf

Tatsächlich treffen die angeordneten Filialschließungen den Innenstadt-Handel zu einer ungünstigen Zeit: Die Branche steckt ohnehin mitten im Strukturwandel. Während große Ketten zuletzt von guten Lohnabschlüssen und der gestiegenen Kauflust der Kunden profitierten, sieht es bei Kleinbetrieben schon länger trübe aus. In Nebenzentren und in den Fußgängerzonen von Mittel- und Kleinstädten klagen viele über sinkende Kundenzahlen. Gleichzeitig wandert seit Jahren immer mehr Umsatz ins Netz. Dieser Trend könnte sich durch die Krise verstärken, vermuten Handelsexperten.

Noch mehr kleine Läden verschwinden

Die Prognose des HDE: Von den rund bundesweit 450.000 Geschäften werden innerhalb von fünf Jahren rund 45.000 schließen. Doch das war vor der Corona-Krise. Sie könnte jetzt wie ein Brandbeschleuniger wirken und dafür sorgen, dass noch mehr kleine Shops und Boutiquen aus den Innenstädten verschwinden. Dies würde das Gesicht und die Attraktivität vieler Fußgängerzonen verändern: Denn 54 Prozent aller Läden werden von Kleinunternehmen betrieben.

Dazu kommt: Große Handelskonzerne haben in der Regel gut ausgestattete Onlineshops, die zumindest einen Teil der Einnahmeausfälle der stationären Läden abfedern können. Bei vielen kleinen Fachgeschäften, inhabergeführten Modeläden oder Familienbetrieben ist das häufig anders. Zwei Drittel der Läden verzichtet laut HDE noch immer darauf, über die eigene Internetseite oder Plattformen wie Amazon und eBay zu verkaufen. Ihr Umsatz sinkt durch die Schließung der Läden auf null.

Onlinehandel wird profitieren

Auch der Onlinehandel spürt eine wohl krisenbedingte Kaufzurückhaltung der Kunden. Um bis zu 30 Prozent sind die Umsätze teilweise gesunken, heißt es in der Branche. Dennoch dürfte der Internethandel am Ende zu den Profiteuren der Krise gehören.

Für die Geschäfte fatal: Ausgerechnet in den Produktgruppen Mode, Spielwaren und Elektronik ist der Anteil der Onlineshops mit bis zu 25 Prozent schon jetzt am höchsten. Genau das sind die Geschäfte, die jetzt ihre Filialen schließen müssen. Die Onlineshops nicht. "Amazon wird einer der Kerngewinner sein", heißt es beim Kölner Institut für Handelsforschung.

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Die Supermärkte profitieren von der Corona-Krise, viele Menschen machen Hamsterkäufe.

Supermärkte boomen

Zusatzeinnahmen verbuchen derzeit die rund 30.000 Lebensmittelgeschäfte im Land. Sie bleiben weiterhin geöffnet. "Unsere Märkte sind gut versorgt und werden das auch bleiben", sagt Rewe-Chef Lionel Souque. Die Frequenz der Belieferung aus den Lagern habe man bereits erhöht.

Leere Regale seien vor allem ein logistisches Problem, heißt es bei den Lebensmittelmultis: Vieles wird schneller verkauft, als wieder eingeräumt. "Uns würde es helfen, wenn nicht alle Kunden am Freitagnachmittag und am Samstag einkaufen", sagt Serra Schlesinger von Aldi Nord. Wird die Nachfrage über die Woche verteilt, sinke die Gefahr von leeren Regalen.

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