Eine Arbeiterin inspiziert die Mikromotoren für Handys in einer high-tech-Fabrik. (Archivbild) | picture alliance/dpa

Welthandel Chinas Aufstieg zum Hightech-Land

Stand: 11.12.2021 08:36 Uhr

Vor 20 Jahren trat China der Welthandelsorganisation bei. Der Westen verband damit die Hoffnung, dass Raubkopien verschwinden und die Volksrepublik Handelsschranken abbaut. Was ist daraus geworden?

Astrid Freyeisen, ARD-Studio Shanghai, z. Zt. München

Es ist der 11. Dezember 2001 auf dem WTO-Gipfel in Doha. Der Sitzungspräsident spricht die alles entscheidenden Sätze: Die Volksrepublik China ist in die Welthandelsorganisation aufgenommen. Handelsminister Shi Guangsheng bedankt sich im Namen seiner Regierung: Der Eintritt der Volksrepublik in die Welthandelsorganisation nütze China, nütze aber auch der ganzen Welt.

Astrid Freyeisen

"Europa verlor Vorbildfunktion"

Was ist aus dieser Hoffnung geworden? Betrachtet man die nackten Zahlen, hat gerade China von 20 Jahren WTO enorm profitiert: Alle sieben Jahre verdoppelte sich das Bruttoinlandsprodukt, seit 2009 ist die Volksrepublik Exportweltmeister und seit 2010 zweitgrößte Volkswirtschaft.

Jörg Wuttke, Präsident der europäischen Handelskammer in Peking, sagt: Auch die westlichen Nationen profitieren, weil sie in China gute Geschäfte machen und mit China gewachsen sind. "Die ersten sieben, acht Jahre, nachdem China beigetreten ist, waren sehr, sehr gut", so Wuttke. "China hat sich geöffnet." Doch dann der Bruch: "Man hat den Kollaps des internationalen Finanzsystems 2008, 2009 gesehen, und damit verlor Europa seine Vorbildfunktion."

Chinas Staatswirtschaft pumpte Riesensummen in den eigenen Markt und kam so schneller aus der Krise. Gleichzeitig begannen die Chinesen nachzurechnen. So sagte der Direktor des Shanghaier WTO-Zentrums Feng Jun in einem ARD-Interview aus dem Jahr 2011: "Nehmen wir zum Beispiel ein finnisches Mobiltelefon. Der chinesische Anteil an der Wertschöpfung erreicht nicht einmal zehn Prozent des Verkaufspreises. In Europa dagegen bleibt die Hälfte hängen. Leider zeigen die Statistiken so etwas nie. Die meisten Leute denken doch, dass der Ort des Exports am meisten profitiert."

Chinesische Löhne stark gestiegen

China galt lange als Werkbank, wo man billig produzieren konnte - und sieht sich bis heute als Entwicklungsland. Doch die Löhne sind in Fabriken, Büros und auf Baustellen enorm gestiegen. China ist heute ein Hightech-Land mit Digitalkonzernen, von denen einiger größer sind als die aus USA.

Hat China seine Verpflichtungen gegenüber der WTO eingehalten? Seit 2001 kam es zu fast 50 Klagen vor der WTO gegen China. Es ging um Raubkopien, es ging um Dumpingpreise durch staatlich gestützte Produkte.

Bei den Raubkopien habe sich die Situation wesentlich verbessert, sagt Handelskammer-Präsident Wuttke. Dennoch sieht er sehr hohe Hürden im China-Geschäft: "Sicherlich war das auch für uns deprimierend zu sehen, dass wir in vielen Bereichen erst dann an den Markt herangelassen worden sind, nachdem der Markt sich soweit entwickelt hat, dass wir keine Chance mehr haben. Jetzt stellt man fest, nach 20 Jahren, dass der Anteil europäischer Banken in China satte 0,2 Prozent beträgt, bei Versicherungen sind es glaube ich zwei Prozent." China habe globale Champions aufgestellt - bei Windturbinen, in der Solarbranche, bei Zügen, so Wuttke. China habe westliche Technologie abgesaugt und verkaufe jetzt "unsere Züge mit anderem Anzug nach Saudi-Arabien oder nach Afrika".

Staatskonzerne als globale Champions

Seine nationalen Champions will Peking schon 2025 global an der Spitze sehen. Die meisten von ihnen sind Staatskonzerne mit schier unerschöpflichen Geldquellen. Der Bundesverband der deutschen Industrie BDI sieht seine Hoffnung auf freies unternehmerisches Handeln in China weitestgehend enttäuscht. Und obwohl Handelskammer-Präsident Wuttke glaubt, dass die Volksrepublik ihre westlichen Partner weiterhin braucht, sieht er massive Probleme: "Ob mir jemand das Shampoo-Rezept für das dickere chinesische Haar klaut, ist eine Sache. Aber wenn ich ein Produkt herstelle, das die Firma für die nächsten 30 Jahre tragen soll, da will ich garantiert nicht, dass die chinesische Regierung reinguckt. Also von daher: Wir wollen mehr Grundlagenforschung in China machen. Aber die Sicherheitsgesetz-Lage ist de facto so, dass das immer schwieriger wird."

Wuttke fordert Unterstützung von der Politik auf europäischer Ebene: "Ich glaube, dass sie uns vorgemacht haben, dass Industriepolitik eben doch wichtig ist und man nicht alles den Märkten überlassen kann." Handel durch Wandel sei die Losung gewesen. "Jetzt muss man feststellen, dass in der Tat China uns verwandelt. Das haben wir uns eher anders vorgestellt: dass wir China beeinflussen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. Dezember 2021 um 17:16 Uhr.