Anlagen des Chemiekonzerns BASF in Ludwigshafen | dpa

Umsatz steigt Chemiebranche berappelt sich

Stand: 09.06.2021 15:54 Uhr

Der drittgrößte deutsche Industriezweig hat wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Nach Zuwächsen im ersten Quartal hob die Chemiebranche ihre Jahresprognose an. Vor allem das Pharmageschäft läuft besser als erwartet.

Trotz gestiegener Rohstoffpreise und Lieferschwierigkeiten hat die deutsche Chemieindustrie in den ersten drei Monaten des Jahres ihren Wachstumskurs fortgesetzt. Wie der Verband der Chemischen Industrie (VCI) mitteilte, steigerte die Branche ihren Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 1,1 Prozent auf 51,3 Milliarden Euro. Die Produktion erhöhte sich um 0,8 Prozent. Gegenüber dem vierten Quartal 2020 lag das Umsatzwachstum sogar bei 3,6 Prozent.

Wieder über dem Vorkrisenniveau

Mit dem anhaltenden Aufwärtstrend hat die drittgrößte deutsche Industriebranche - nach den Auto- und Maschinenbauern - die Corona-Delle bereits wieder ausgeglichen. Produktion und Umsatz liegen nun wieder über dem Niveau von vor der Krise.

Vor allem die Exporte in die EU-Länder zogen an. Hinzu kam die weiter steigende Nachfrage aus Asien. Auch im deutschen Heimatmarkt konnte die Chemieindustrie zulegen - dank höherer Preise.

"Hoffnung auf ein gutes Chemiejahr"

VCI-Präsident Christian Kullmann, der auch Chef des Chemiekonzerns Evonik ist, zeigte sich erfreut über die Entwicklung. "Die ersten Monate machen Hoffnung auf ein gutes Chemiejahr", sagte er. "Die Nachfrage nach Chemikalien und Pharmazeutika nimmt zu."

Der Branchenverband blickt jetzt noch optimistischer auf das Gesamtjahr. Für 2021 prophezeit der VCI ein Umsatzwachstum von acht Prozent und eine Produktionssteigerung von 4,5 Prozent. Bisher waren beim Umsatz ein Plus von fünf Prozent und bei der Produktion ein Zuwachs von drei Prozent in Aussicht gestellt worden.  

VCI-Präsident Christian Kullmann | picture alliance/dpa

"Die Nachfrage nach Chemikalien und Pharmazeutika nimmt zu." - VCI-Präsident Christian Kullmann Bild: picture alliance/dpa

Preissteigerungen und Corona-Vakzine als Treiber

Maßgeblich dazu beitragen sollen kräftige Preissteigerungen bei den hergestellten Chemie- und Pharmaprodukten. Der Verband rechnet mit voraussichtlich 3,5 Prozent höheren Preisen im Gesamtjahr.

Daneben profitiert die Chemiebranche auch vom Corona-Impfstoffboom. Es gibt zahlreiche Zulieferer für die Vakzine von BioNTech, Moderna & Co, unter anderem Evonik und Wacker Chemie. Sie treten als Technologielieferant oder als Auftragsfertiger auf.

Sorge vor Lieferengpässen

Einzig Lieferengpässe bei Materialien und Vorprodukten trüben die gute Stimmung der Chemiebranche. "Sie beeinträchtigen mittlerweile bei jedem zweiten Unternehmen die Betriebsabläufe", warnte VCI-Präsident Kullmann. Die Lage dürfte sich aber im Laufe des Jahres wieder entspannen.

Im März hatte die Blockade des Suezkanals die Lieferketten aus Asien in der Chemieindustrie unterbrochen. Rund 16 Prozent der Chemieimporte und 18 Prozent der -Exporte nehmen diese Route.

Riesiger Ökostrombedarf für Klimaneutralität

Zudem machen die verschärften Klimaschutzziele der Branche schwer zu schaffen. "Der Weg dahin bleibt im Nebel", meinte kürzlich Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des VCI. "Unsere Branche benötigt für das neue Ziel mehr Strom als Deutschland derzeit insgesamt verbraucht - und zwar als Grünstrom." Wenn die Industrie keine wettbewerbsfähigen Preise für Strom aus erneuerbaren Energien bekomme, werde sie die Energiewende nicht schaffen.

Im Frühjahr 2020 hatte der Verband eine Studie vorgelegt, in der er eine Klimaneutralität bis 2050 für technisch machbar hält. Dafür seien allerdings enorme zusätzliche Mengen an Ökostrom nötig. Bis Mitte der 2030er-Jahre werde sich der Strombedarf der Chemieindustrie mehr als verzehnfachen. Zudem müsste der Strompreis auf vier Cent je Kilowattstunde sinken, forderte der VCI. Derzeit zahlt die Industrie zwischen acht und zehn Cent pro Kilowattstunde.

BASF prescht voran

Die von den Grünen in ihrem Wahlprogramm geforderte nochmalige Verschärfung der Klimaschutzziele und die raschere Erhöhung der CO2-Preise hält VCI-Präsident Kullmann für "unverantwortlich". Wer die Industrie fessele, lege die Axt an ihre Transformation, warnte er bei der Jahrestagung Chemie des "Handelsblatt". Gute Politik setze auf Anreize und nicht auf Verbote.

Zu den ersten Chemiekonzernen, die sich auf ein festes Datum zur Reduzierung des Ausstoßes von Treibhausgasen auf null verpflichtet haben, zählt BASF. Die Ludwigshafener wollen bis 2050 klimaneutral werden. Helfen soll dabei unter anderem ein riesiger Windpark in der Nordsee, den BASF gemeinsam mit RWE plant. Die Anlage mit einer Kapazität von zwei Gigawatt soll ab 2030 den Chemiestandort Ludwigshafen mit grünem Strom versorgen.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 09. Juni 2021 um 19:40 Uhr.