Tankstelle

Preisanstieg zu Pfingsten Wie teuer wird Sprit auf Dauer?

Stand: 21.05.2021 16:14 Uhr

Vor langen Wochenenden ziehen die Preise an den Tankstellen meist deutlich an. Doch schon bald könnten noch ganz andere Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.

Von Mark Ehren, tagesschau.de

Es ist fast schon ein Ritual vor Ostern, Weihnachten oder Pfingsten: Deutet sich an, dass viele Autofahrer wieder ihren Tank füllen müssen, steigen die Preise an den Tankstellen. Angeführt von Markentankstellen ziehen dann häufig auch die unabhängigen Anbieter mit. Und kaum haben die Autofahrer vollgetankt, dreht der Markt: Richtung Abend geben die Preise dann häufig stark nach. Zwischen Höchst- und Tiefstpreis können innerhalb eines Tages durchaus 15 bis 20 Cent je Liter liegen. Wohl dem, der die Preisentwicklungen zum Beispiel mit Apps im Blick hat, die auf den Daten der Markttransparenzstelle für Kraftstoffe beim Bundeskartellamt beruhen.

Wie sich der Benzinpreis an der Zapfsäule entwickelt, hängt auch von makroökonomischen Faktoren ab, allen voran dem Verhältnis zwischen Euro und Dollar. Rohöl wird in US-Dollar gehandelt. Verliert der - wie in den vergangenen Tagen - an Wert, entlastet das den Preis, den die Autofahrer hierzulande in Euro zu zahlen haben.

Ölmärkte haben Boom vorweggenommen

Doch zuallererst wird der wahrscheinlich immer noch wichtigste Rohstoff der Welt durch Angebot und Nachfrage beeinflusst. In den vergangenen Wochen und Monaten hat die Aussicht auf eine starke Erholung der Weltwirtschaft die Preise getrieben. Einen Vorgeschmack gab bereits die chinesische Wirtschaft. Die legte im ersten Quartal um satte 18,3 Prozent zu - der größte Zuwachs seit Beginn der Erhebungen von drei Jahrzehnten. Auch wenn der Anstieg durch das extrem schwache Vorjahresquartal mit ermöglicht wurde, zeigt sich, was in anderen wirtschaftsstarken Region wie Europa und Nordamerika schon bald von der Tendenz her möglich sein könnte - auch weil beispielsweise die Regierung von US-Präsident Joe Biden mit rekordverdächtig großen Konjunkturprogrammen die weltgrößte Volkswirtschaft ankurbeln will.

Die Preise sind von 40 Dollar für die US-Ölsorte WTI kurz nach dem Beginn der Pandemie innerhalb eines Jahres in Richtung 70 Dollar geklettert. Die Märkte wetten darauf, dass sich beispielsweise der Flugverkehr schon bald wieder normalisiert.

Das Angebot könnte größer sein

Doch der Anstieg der Ölpreise wird nicht nur durch die Nachfrage getrieben. Auch die Entwicklung des Angebots hat dazu beigetragen. Noch immer fördert die OPEC nicht mit ihrer vollen Kapazität. So schätzt die US-Energieagentur EIA die freien Förderkapazitäten des Öl-Kartells für das zweite Quartal auf rund siebeneinhalb Millionen Barrel pro Tag - und damit auf rund sieben Prozent der weltweiten Förderung.

Genug Luft bei der Produktion wäre also vorhanden. Über kurz oder lang könnten damit die Begehrlichkeiten bei einzelnen OPEC-Staaten zunehmen, das Angebot auszuweiten. Länder wie Saudi-Arabien finanzieren einen Großteil ihres Haushalts durch die Einnahmen aus dem Verkauf des Rohöls.

Fracking wird wieder wichtig

Doch von anderer Seite dürfte ein höherer Ölpreis zu mehr Angebot führen. Für die USA rechnet die Internationale Energieagentur (IEA) damit, dass die Ölförderung durch das sogenannte Fracking deutlich zunehmen wird. Bei dieser Methode werden Rohöl oder Erdgas mit Hilfe von Druck und Chemikalien aus Gesteinsschichten gepresst.

Diese Art der Förderung gilt als vergleichsweise teuer. Experten gehen davon aus, dass die Gewinnschwelle für die zahlreichen US-Frackingfirmen im Schnitt bei etwa 50 Dollar je Barrel liegt - und damit deutlich unter dem derzeitigen Niveau. Es wäre also nicht überraschend, wenn die Förderung aus dem Bereich wieder ansteigt. Damit würde der Einfluss der gebeutelten Branche auf die Ölpreise wieder zunehmen, nachdem es hier im Corona-Jahr 2020 Insolvenzen gleich im Dutzend gegeben hatte.

Kein Superzyklus beim Öl

Es spricht also viel dafür, dass die Ölpreise nicht durch die Decke gehen werden, selbst wenn die Weltwirtschaft sich stark erholt. Die Experten der IEA gehen auch nicht von einer Zeitenwende am Rohölmarkt mit drastisch steigenden Preisen aus. Die verfügbaren Daten und Analysen deuteten nicht auf einen neuen Superzyklus hin, hieß es in diesem Frühjahr von Seiten des Interessenverbands führender Industriestaaten. Es könne genug Rohöl gefördert werden, um den globalen Ölmarkt ausreichend zu versorgen.

Die IEA widerspricht damit einer Reihe von Analysten, die jüngst langfristig deutlich höhere Ölpreise vorhergesagt hatten. Für Die Halter von Autos mit Verbrennermotor mögen das gute Nachrichten sein. Doch künftig dürften die Preise an den Tankstellen nicht mehr nur von der Entwicklung bei den Ölpreisen abhängen.

CO2-Steuer gewinnt an Einfluss

Bereits zu Jahresbeginn führten die von 16 auf 19 Prozent erhöhte Mehrwertsteuer sowie die neu eingeführte CO2-Steuer zu einem Preissprung an den Zapfsäulen. Durch die CO2-Steuer sollten Autofahrer in den kommenden Jahren mit weiteren Preissprüngen rechnen: Nachdem das Bundesverfassungsgericht das Klimaschutzgesetz für teilweise verfassungswidrig erklärt hat, soll Deutschland nun bereits im Jahr 2045 klimaneutral werden - früher als bisher geplant. Von 25 Euro pro Tonne zu Beginn des Jahres 2021 soll eine Tonne im Jahr 2025 bereits 55 Euro kosten.

Neben Benzin und Diesel wird der CO2-Preis auch bei Erdgas und Flüssiggas fällig. Steigt der CO2-Preis um fünf Euro je Tonne, verteuert sich Benzin um brutto 1,4 Cent und Diesel um 1,6 Cent je Liter. Bis zum Jahr 2025 wird Benzin damit um 8,4 Cent je Liter und Diesel um 9,6 Cent je Liter teurer werden - unabhängig von der eigentlichen Entwicklung der Ölpreise.

Und: Sollten sich die politischen Entscheidungsträger auf Bundesebene künftig noch ambitioniertere Ziele setzen, scheint eine höhere CO2-Steuer nicht ausgeschlossen. An den Tankstellen würde sich das mit Sicherheit bemerkbar machen, selbst wenn die Ölpreise fallen. Gleichzeitig würde es wohl wie ein zusätzliches Förderprogramm für die Elektromobilität wirken.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 12. Mai 2021 um 11:20 Uhr.