Mitarbeiter bauen im Karosseriebau im VW Werk Türen, Kotflügel und Motorhauben an Volkswagen an (Archivbild).

Video-Schalte mit Merkel Kommt die Kaufprämie für die Autoindustrie?

Stand: 05.05.2020 08:11 Uhr

Wenn heute die Kanzlerin per Telefon mit Vertretern der Automobilindustrie spricht, geht es um viel Steuergeld und um politische Signale. Die Konzerne wollen Prämien, auch für Benziner und Diesel, um viele Autokäufer zu mobilisieren.

Von Kristina Böker, SWR

In Stuttgart-Untertürkheim laufen die Bänder wieder, im Werk am Daimler-Stammsitz haben sie vor zwei Wochen die Produktion wieder hochgefahren. Nach vier Wochen Stillstand werden hier jetzt wieder Motoren gebaut. Aber Normalität sieht anders aus: Zwei- statt Drei-Schicht-Betrieb, Arbeiten mit Abstand. Maskenpflicht. Die Zukunft ist ungewiss.

Und so hat auch der Daimler-Vorstandsvorsitzende Ola Källenius bei der Vorstellung der jüngsten Quartalszahlen in den Chor seiner Konzernchef-Kollegen eingestimmt: "Wir sind ganz klar für eine Kaufprämie". Heute schauen nicht nur seine 19.000 Mitarbeiter aus Untertürkheim gespannt nach Berlin.

Schützenhilfe aus den Autoländern

Am Tag vor dem Gipfel hatten sich die "Autoländer" Niedersachsen, Baden-Württemberg und Bayern für Prämien stark gemacht. Ihre drei Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD), Winfried Kretschmann (Grüne) und Markus Söder (CSU) preschten mit einem Konzept vor, das Förderungen auch für moderne Benziner und Diesel vorsieht. Die politisch-ökonomische Diskussion über diesen und andere Vorschläge läuft mittlerweile auf Hochtouren.

Wissenschaftler vor einem Déjà-vu

Der Automobilexperte Stefan Reindl vom Nürtinger Institut für Automobilwirtschaft rechnet gegenüber tagesschau.de ohne Prämie mit Entlassungen in der Autobranche. "Wir brauchen ein Instrument, das schnell wirksam ist und wird", sagt er. Durch eine gezielte Nachfragestimulierung würden Zulieferer, eine Reihe von Dienstleistern sowie Händler und Werkstätten gefördert. "Das heißt, durch die Zuwendungen werden verschiedene Wertschöpfungsstufen und deren Akteure gezielt unterstützt."

Es existierten nur wenige Branchen, die solche komplexen und vernetzten Strukturen aufweisen und die in der Lage sind, solche gesamtwirtschaftlichen Effekte zu initiieren. "Insgesamt hängen rund 1,8 Millionen Arbeitsplätze direkt an der Automobilwirtschaft", warnt Reindl. Doch trotz dieses Effekts warnen diverse Wissenschaftler vor einem Déjà-vu. Die Abwrackprämie in der Finanzkrise 2009 taugt aus Sicht der Kritiker nicht für ein Comeback.

Strohfeuer Abwrackprämie

Die Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat die Wirkungen damals untersucht: "Die Bilanz der Abwrackprämie von 2009 war verheerend: Sie war mit fünf Milliarden Euro enorm teuer. Sie führte zu Vorzieh- und Mitnahme-Effekten und nicht zu der konjunkturell gewünschten Wirkung. Die Preisstrukturen wurden dauerhaft beschädigt".

Diese Effekte hätten der Branche mittelfristig nicht geholfen, so Kemfert gegenüber tagesschau.de. Zumal die Zahl der Neuwagen-Verkäufe in den Folgejahren wieder abstürzte. Zu den Gewinnern der damaligen Prämie gehörten zudem ausländische Kleinwagen-Hersteller. Internationale Wirkungen sieht Automobilexperte Reindl aber positiv: "Eine Prämie für Neufahrzeuge in Deutschland beinhaltet gewissermaßen einen Solidaritätspakt. Denn auch Zulieferer im Ausland würden profitieren, beispielsweise in Norditalien und in Spanien, dort sitzen unter anderem bedeutende Zulieferer".

Reindl plädiert für eine gestaffelte Prämie: die höchste Prämie für Elektroautos, dann Hybridfahrzeuge, zuletzt Verbrenner. "Mit dieser Systematik könnte man zumindest die Umweltproblematik ein wenig steuern. Zudem würde man die Transformation zu emissionsfreien und -armen Fahrzeugen nicht aus den Augen verlieren."

Streit um die Zukunft der Automobilindustrie

Corona hat die Autobauer kalt erwischt, mitten im ohnehin schon schwierigen und spät begonnenen Umbau hin zur Elektromobilität. Diese Transformation ist es, um die sich vieles im aktuellen Prämien-Streit dreht. Denn wenn die Kunden nun dank Prämie in erster Linie  Diesel-Fahrzeuge und Benziner kaufen, gibt das dem geplanten Umbau keinen Schub.

Ökonomin Kemfert plädiert deshalb für eine andere Art der Prämie: "Der deutschen Autobranche ist mit einer Kaufprämie nicht geholfen, sie müssen ohnehin umsteuern hin zu klimaschonender Mobilität und Mobilitätsdienstleitungen." Statt einer Abwrackprämie bräuchte Deutschland eine Mobilitätsprämie, etwa für den Kauf einer Bahncard, eines Fahrrads oder einer ÖPNV-Jahreskarte. "Dies würde sowohl der gesamten Gesellschaft, als auch der Wirtschaft und obendrein der Umwelt helfen – und das wäre nicht nur billiger, sondern auch sozial gerecht", sagt Kemfert.

Sinn oder Unsinn? Die Auswirkungen einer Auto-Kauf-Prämie sind komplex. Eine Blitz-Entscheidung im Kanzleramt ist eher unwahrscheinlich. Und so werden die Autobauer in Untertürkheim und anderswo in Deutschland noch auf eine Entscheidung zur Prämie warten müssen. Mit der Konsequenz, dass auch potenzielle Autokäufer erstmal abwarten.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 05. Mai 2020 um 12:00 Uhr.

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