Auf dem Rathaushof in Bernburg, Sachsen-Anhalt, treffen aus der Ukraine Geflüchtete auf Infostände von Firmen, die Arbeitskräfte suchen. | dpa

Studie zur Integration Flüchtlinge machen Firmen kreativer

Stand: 17.05.2022 15:47 Uhr

Deutsche Unternehmen haben erkannt, wie sehr sie von einer Anstellung geflüchteter Menschen profitieren können. Eine neue Studie zeigt, was die Betriebe dabei am meisten schätzen.

Von Anja Dobrodinsky, rbb

Hunderttausende Ukrainer sind in den letzten Wochen nach Deutschland gekommen. Viele Menschen fühlen sich an die Zeit ab 2015 erinnert. Damals flüchteten Millionen Menschen vor allem aus Syrien. Viele von denen, die in Deutschland blieben, haben inzwischen Arbeit. Und längst haben Unternehmen auch die Geflüchteten als wirtschaftliches Potenzial erkannt. Eine Studie hat nun 100 Firmen zu ihren Erfahrungen befragt.

Gut ein Drittel der Geflüchteten aus den Jahren 2015 bis 2020 haben inzwischen eine sozialversicherungspflichtige Arbeit, sagt die Statistik. Darunter sind deutlich mehr Männer als Frauen. Gleichzeitig erlebt die deutsche Wirtschaft seit Jahren einen großen Mangel an Fachkräften, erklärt Andreas Wolter, Deutschland-Chef der Stiftung Tent Partnership for Refugees, die die Studie in Auftrag gegeben hat.

Zehntausende unbesetzte Ausbildungsplätze

"Pro Jahr werden vierzig- bis fünfzigtausend Ausbildungsplätze in Deutschland nicht besetzt", sagt Wolter. "Und das ist natürlich ein gigantisches Problem für uns als Volkswirtschaft und als Gesellschaft."

Die Integration von Geflüchteten in deutsche Firmen fing als humanitäre Hilfe an. Inzwischen treiben die Unternehmen das aus ureigenstem Interesse weiter. Wie Integration gelungen ist, welche Vorteile sie hat und was Firmen empfehlen, die Geflüchtete eingestellt haben, das hat das Marktforschungsunternehmen DIW Econ untersucht.

Das Ergebnis: Zwei von drei befragten Firmen bewerten die Zusammenarbeit mit den geflüchteten Beschäftigten als gut. Neun von zehn wollen im kommenden Jahr weitere einstellen. Rund 80 Prozent berichten, dass ihre Attraktivität als Arbeitgeber gestiegen ist. Und ebenso viele geben an, dass ihre Mitarbeitenden zufriedener sind, kulturelle Unterschiede besser verstehen und sich mehr engagieren.

Belegschaft sollte eingebunden sein

"Sie berichten von höherer Kreativität, die durch die Geflüchteten in den Betrieben Einzug hält", sagt Studienautor Alexander Kritikos die Ergebnisse zusammen. "Sie berichten von höherer Produktivität, weil eben Geflüchtete unter Umständen auch versuchen, spezifische Probleme ganz anders zu lösen, sozusagen versuchen, gegebene Strukturen auch ein bisschen aufzubrechen."

Eine große Firma, die in den vergangenen Jahren mehrere Hundert Geflüchtete eingestellt hat, ist das Dienstleistungsunternehmen Gegenbauer. Heike Streubel ist dort Integrationsbeauftragte und empfiehlt allen Betrieben, die auch darüber nachdenken, unbedingt die Stammbelegschaft in den Prozess einzubinden. Gegenbauer tat dies mit sogenannten "Diversity"-Tagen. "Es wurden dort unterschiedliche Essen angeboten aus den verschiedenen Nationen, und die Mitarbeiter konnten von Stand zu Stand gehen und sich austauschen. Essen ist immer eine Sache, die verbindet", sagt Streubel.

Bedeutung der Sprache

Hossein Khavari ist 26 Jahre alt und kam aus dem Iran nach Deutschland. Vor Kurzem hat er bei Gegenbauer eine dreijährige Ausbildung zum Gebäudereiniger abgeschlossen. Er empfiehlt anderen Geflüchteten, so schnell wie möglich gut Deutsch zu lernen und kontaktfreudig zu sein. "Fast ein Jahr lang war es bei mir sehr, sehr schwer, wegen der Schule, wegen der Arbeit, weil ich zum Beispiel ganz früh arbeiten gehen musste", erzählt Khavari. "Aber nach dem einen Jahr hab ich meine Lehrerin besser kennengelernt, meinen Ausbilder gut kennengelernt. Und danach ist es bei mir leicht gegangen."

Die 100 befragten deutschen Firmen beschäftigten Ende 2021 insgesamt knapp 4200 Geflüchtete, 2700 davon sozialversicherungspflichtig.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 17. Mai 2022 um 12:00 Uhr.