Air Force One | dpa

Abschreibung von 766 Millionen Dollar Boeings Ärger mit der "Air Force One"

Stand: 27.10.2022 10:27 Uhr

Der Auftrag gilt als Prestigeprojekt: Boeing baut die Air Force One. Doch der Festpreis, den der frühere US-Präsident Trump ausgehandelt hat, entwickelt sich immer mehr zu einem finanziellen Desaster für den Flugzeughersteller.

Beim amerikanischen Traditionskonzern und Flugzeughersteller Boeing reißen die schlechten Nachrichten einfach nicht ab. Probleme bereitet dem Unternehmen dabei auch ein eigentliches Prestigeprojekt - der Neubau zweier Flugzeuge für den US-Präsidenten und seinen Stellvertreter. Doch für den Bau der Flugzeuge, die unter den Namen "Air Force One" und der "Air Force Two" bekannt sind, muss der Flugzeugbauer Boeing auch in diesem Jahr 766 Millionen Dollar abschreiben. Bereits im vergangenen Jahr verbuchte der US-Konzern Verluste in Höhe von 1,1 Milliarden Dollar. Weitere Abschreibungen seien zudem nicht auszuschließen.

Hintergrund der finanziellen Misere des Herstellers ist der frühere US-Präsident Donald Trump. Kurz nach dessen Amtsantritt 2016 beschwerte er sich auf Twitter über die hohen Kosten des Neubaus und schrieb auf dem Kurznachrichtendienst: "Bestellung stornieren!" Trump hatte die Regierung aufgefordert, den Kauf zu stornieren, da er "lächerlich" und zu teuer sei. Auf Trumps Druck hin hatte sich der frühere Boeing-Chef Dennis Muilenburg dann auf einen Festpreis von 4,3 Milliarden Dollar für den Bau mit Trump geeinigt.

"Die Kritiker hatten Recht"

Boeings neuer Chef Dave Calhoun muss die alte Vereinbarung nun ausbaden. In einem Interview mit dem amerikanischen Sender CNBC tat er seinen Unmut kund - und trat dabei seinem Vorgänger nach: Der Kaufpreis von 4,3 Milliarden Dollar sei zu niedrig gewesen. Der größte Fehler Muilenburgs sei die Festpreis-Vereinbarung gewesen. "Die Kritiker hatten recht", sagte Firmenchef Calhoun.

Die Verluste bei der Air Force One sind laut Unternehmen unter anderem auf höhere Kosten für bestimmte technische Anforderungen und Zulieferer sowie auf Zeitverzug zurückzuführen. Im Juni erklärte der amerikanische Rechnungshof, dass das Programm weitere Verzögerungen aufgrund eines angespannten Arbeitsmarktes für Mechaniker riskiere und dass die Zahl der Sicherheitsüberprüfungen niedriger als erwartet ausfalle.

Drei Jahre hinter Zeitplan

Schon jetzt liegt der Bau der beiden Maschinen wegen technischer Probleme drei Jahre hinter dem Zeitplan. Sie sollen 2026 und 2027 ausgeliefert werden. Die Flieger basieren auf dem Modell 747-8 "Jumbojet", werden aber umfassend modifiziert. So werden unter anderem hochmoderne Selbstverteidigungs- und Kommunikationssysteme eingebaut. Die Flugzeuge sind darauf ausgelegt, selbst in einem Atomkrieg einsatzfähig zu bleiben.

Im Juni noch hatte US-Präsident Joe Biden die Entwürfe seines Vorgängers für die neue Air Force One aus Kosten- und Zeitgründen verworfen. Trump hatte 2018 angeordnet, dass die neuen Jumbo-Jets nicht mehr hellblau und weiß gestaltet werden, sondern in dunkelblau mit einem dunkelroten Streifen. Aus Regierungskreisen verlautete, genau diese Farbgebung sei aber ein Problem. Das Magazin "Politico" berichtete, die Luftwaffe sei zu dem Schluss gekommen, dass der dunkle Blauton für den Unterboden und die Triebwerke zu Problemen mit der Hitzeentwicklung führen würde. Um die Farbe dennoch nutzen zu können, wären kostspielige und zeitintensive Umbauten nötig.

Kriselndes Rüstungsgeschäft

Insgesamt muss die kriselnde Rüstungssparte von Boeing, bei der auch das "Air Force One"-Programm angesiedelt ist, 2,8 Milliarden Dollar abschreiben. Insidern zufolge soll Steve Parker als neuer für das Tagesgeschäft zuständiger Chef diesen Geschäftsbereich wieder auf Vordermann bringen.

Der US-Flugzeughersteller Boeing hat wegen der Probleme im Rüstungsgeschäft im dritten Quartal überraschend einen weiteren Milliardenverlust eingefahren. Vor allem gestiegene Kosten und technische Probleme beim Tankflugzeug für die US-Luftwaffe, dem Präsidentenflugzeug, einer Tarnkappendrohne und einem Schulflugzeug führten zu einem Quartalsverlust von 3,3 Milliarden US-Dollar, wie Boeing gestern in Arlington mitteilte. Ein Jahr zuvor hatte sich der Fehlbetrag auf lediglich 132 Millionen Dollar belaufen.

Auch das Geschäft mit Passagier- und Frachtflugzeugen für die kommerzielle Luftfahrt blieb nun in der Verlustzone, obwohl der Umsatz der Sparte dank deutlich gestiegener Auslieferungszahlen um 40 Prozent stieg. Konzernweit legte der Umsatz nur um vier Prozent auf knapp 16 Milliarden Dollar zu. Grund war die Rüstungs- und Raumfahrtsparte, deren Erlöse um ein Fünftel auf 5,3 Milliarden Dollar einbrachen.

Insgesamt verfehlte Boeing damit klar die durchschnittlichen Erwartungen von Branchenexperten. In den vergangenen Jahren hatte Boeing vor allem wegen Problemen mit seinen Passagierflugzeugen immer wieder Verluste in Milliardenhöhe erlitten. Der europäische Konkurrent Airbus hatte dem einstigen Weltmarktführer bereits 2019 die Position als weltgrößter Flugzeugbauer abgejagt. An der Börse gaben die Titel des US-Flugzeugbauers seit Anfang des Jahres um 28 Prozent nach.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Oktober 2022 um 17:00 Uhr.