Emmanuel Macron legt Olaf Scholz eine Hand auf den Rücken, während sie an Wachen vorbei in den Elysée-Palast gehen.  | EPA
Kommentar

Scholz und Macron Unverständnis auf beiden Seiten

Stand: 26.10.2022 19:41 Uhr

Ungünstige Ausgangsbedingungen, kleine Machtspielchen: Die deutsch-französischen Beziehungen sind auch nach Kanzler Scholz' Besuch in Paris nicht wieder völlig in Ordnung. Es fehlt an gegenseitigem Verständnis - die Probleme liegen tiefer.

Ein Kommentar von Sabine Wachs, ARD-Studio Paris

Gute fünf Minuten stand die schwarze Kanzler-Limousine vor dem Tor des Elysée-Palastes, bevor sie in den herrschaftlichen Innenhof einfahren konnte. Scholz war auf die Minute pünktlich. Aber Gastgeber Macron ließ ihn warten. Dieses kleine Machtspielchen von französischer Seite ist nur ein weiterer Ausdruck des unschönen Kindergartens, der sich gerade im deutsch-französischen Verhältnis abspielt.

Sabine Wachs ARD-Studio Paris

Unsolidarisches Deutschland

Ja, es stimmt: Deutschland verhält sich aus Sicht der Franzosen im Moment alles anderes als solidarisch. Die Absage an den von Frankreich so dringend gewollten europäischen Gaspreisdeckel. Der deutsche Doppelwumms, der vorab nicht, wie früher üblich, an die französischen Partner kommuniziert wurde. Der deutsche Alleingang beim europäischen Luftabwehrsystem - ein Affront jagt den nächsten.

Macron reicht es, und deshalb teilt der französische Präsident mächtig aus, auch wenn die Punkte, bei denen es ganz offiziell hakt, längst keine neuen sind. Das Problem, das Frankreich mit seinem wichtigsten Partner hat, ist ein anderes: Deutschland ist gerade dabei, sich neu zu orientieren. Innerhalb und auch außerhalb der EU.

Verständnisloses Frankreich

Die geographische Nähe zur Ukraine und zu Russland schürt Ängste, Berlin rüstet militärisch auf und die deutsche Industrie, die deutsche Wirtschaft sind von der aktuellen Energiekrise und den Sanktionen gegen Russland wesentlich stärker betroffen als die Wirtschaft und Industrie Frankreichs. Nur, Frankreich hat wenig Verständnis für diese deutschen Sorgen.

Also wendet sich Berlin anderen Partnern zu, denen es ähnlich geht. Anders ausgedrückt: Die beste Freundin sucht sich neue Freunde. Das tut weh, das kratzt am Ego. Und ein französischer Präsident mit angekratztem Ego ist kein guter Gesprächspartner. Zumal Macron gerade nicht nur von Deutschland, sondern auch innenpolitisch ziemlich viel auf den Deckel kriegt. Die Ausgangslage - ein dünnhäutiger Macron und ein besorgter Scholz - ist für gute Zusammenarbeit alles andere als optimal.

Es ruckelt weiter

Und trotzdem: Niemandem, außer dem russischen Präsidenten Putin, ist geholfen, wenn sich Frankreich und Deutschland in der derzeitigen Situation öffentlich zoffen. Knirschen kann es ja, aber bitte hinter den Kulissen. 

Offenbar haben es Macron und Scholz bei schönstem Wetter in Paris auf der Terrasse des Elysée-Palastes dann doch geschafft, sich ansatzweise zusammenzuraufen. Der deutsch-französische Motor Europas, er läuft, er ruckelt nur ein bisschen.

Es gibt nämlich Einigkeit in den großen und drängenden Fragen, heißt es aus deutschen Regierungskreisen. Diese Aussage ist wenig überraschend. Und sie ist wenig konkret, um die Lage des deutsch-französischen Verhältnisses zu beschreiben. Konkreter ist da schon das neue Datum, das für den kurzfristig abgesagten deutsch-französischen Ministerrat genannt wurde - nämlich gar keins.

 

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