Plakat an einem Gebäude mit der Aufschrift "Bundeswehr - Wir. Dienen. Deutschland. | picture alliance / dpa

Neuer Freiwilligendienst Ein bisschen helfen, ein bisschen kämpfen

Stand: 06.04.2021 02:43 Uhr

Heute treten die ersten Rekrutinnen und Rekruten den neuen "Freiwilligendienst im Heimatschutz" bei der Bundeswehr an. Doch die von der Verteidigungsministerin vorangetriebene Initiative ist umstritten.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

"Freiwilliger Wehrdienst im Heimatschutz" - das mag ein wenig so klingen, als würde die Bundeswehr ab sofort "bewaffnete Sozialarbeiter" ausbilden. Jedenfalls sendete die Truppe vorab durchaus die Botschaft aus, dass sie von ihrem künftigen Personal eine Mischung aus Kampf- und Hilfsbereitschaft erwartet: So pirschen in einem Werbevideo der Bundeswehr Rekrutinnen und Rekruten mit Sturmgewehr im Anschlag durch Sträucher und sind im nächsten Moment zu sehen, wie sie Corona-Rachenabstriche nehmen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

"Heimat ist ein Lebensgefühl, mit dem man Miteinander und Zusammenhalt verbindet. Wie wichtig Heimat ist, haben wir in der Corona-Pandemie besonders gespürt", befand Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, als sie das Projekt "Dein Jahr für Deutschland" im Sommer vorstellte.

Die angestrebte Mischung von "Kämpfen und Helfen" findet jedenfalls durchaus Widerhall: Von rund 9000 Interessierten für die in diesem Jahr zu vergebenden 1000 Plätze spricht das Verteidigungsministerium. 20 Prozent davon seien Frauen.  

Dreimonatige Grundausbildung

Die "Neuen", die nun an insgesamt 13 Standorten ihren Dienst beginnen, bekommen zunächst eine dreimonatige militärische Grundausbildung, wie sie andere Soldatinnen und Soldaten auch erhalten. "Nach dem ersten Quartal gehen sie dann in eine Spezialgrundausbildung", erläutert der als Kommandeur der Streitkräftebasis für die Koordination zuständige Generalleutnant Martin Schelleis auf Nachfrage des ARD-Hauptstadtstudios.

In diesen vier Monaten der Spezialausbildung lernen die Frauen und Männer vor allem "Objektschutz". Das heißt: Das Sichern von bedeutenden Gebäuden, von Lagerstätten, von Brücken. Von einer Art "Wehrdienst light" sprechen nicht wenige mit Blick auf den Freiwilligendienst.

Abenteuer ja - aber nicht zuviel

"Für diese Form des Dienstes ist eine Verwendung im Ausland ausgeschlossen", erklärt der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Tauber. Und nennt damit einen der Hauptgründe, warum sich viele gegen den "normalen" Wehrdienst - der seit Aussetzung der Wehrpflicht vor genau zehn Jahren ebenfalls freiwillig ist - und für das "Jahr für Deutschland" entscheiden. Getreu dem Motto: Abenteuer ja - aber auch nicht zu viel.

Jedenfalls beginnt für die Rekruten nach den sieben Ausbildungsmonaten erst dann jene Zeit, die dann wirklich dem "Heimatschutz" gewidmet ist: Heimatnah sollen sie in über sechs Jahre gestreckt dann noch insgesamt fünf Monate Dienst ableisten. Der kann in der Hilfe bei Schnee- oder Flutkatastrophen oder auch der Pandemiebekämpfung bestehen.

Kritik von Wohlfahrtsverbänden

Deutliche Kritik am Freiwilligendienst kommt von den Wohlfahrtsverbänden: "Die Bundeswehr sollte es als das bezeichnen, was es ist: Es ist eine Art Schnupperkurs für die Bundeswehr. Freiwilligendienste sind das Vorrecht der Zivilgesellschaft, nicht des Staates", sagt Caritas-Präsident Peter Neher im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio. Er pocht stattdessen darauf, die bereits bestehenden Freiwilligendienste wie das Soziale Jahr, das Ökologische Jahr und den Bundesfreiwilligendienst zu stärken. Einen - noch dazu deutlich besser bezahlten - neuen zu schaffen, sei "blinder Aktionismus", findet Neher,

Es gibt weitere Kritikpunkte: Dass junge Menschen schon als 17-Jährige für den Dienst an der Waffe angeworben werden, beklagen die einen. Andere finden schon den Begriff "Heimatschutz" heikel, weil dieser eindeutig von der extremen Rechten belegt sei.

Vorteile für die Bundeswehr

Für die Bundeswehr jedoch scheint das neue "Jahr für Deutschland" nur Vorteile zu bieten: Sie schafft sich somit ein zusätzliches Reservoir an Reservisten. Und müsste für eine mögliche nächste Pandemie nicht Teile der aktiven Truppe abstellen, die an anderer Stelle fehlen: Wird doch bereits beklagt, dass unter dem massiven Einsatz "an der Heimatfront" bei der Corona-Bekämpfung der Kernauftrag der Bundeswehr leide.

Einig sind sich Wohlfahrtsverbände und Bundeswehr darin, dass die Erfahrung, etwas für die Gesellschaft zu tun, gerade für junge Leute sehr wertvoll sein kann. Vom "Kitt, der unsere Gesellschaft in schwierigen Zeiten zusammenhält", spricht die Verteidigungsministerin mit Blick auf die Dienste, mit denen man sich ehrenamtlich engagieren kann. Nur ob das bei den Streitkräften sein muss, darüber scheiden sich die Geister.     

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 06. April 2021 um 08:10 Uhr.