Frank-Walter Steinmeier | dpa

Steinmeier zu Kolonialzeit "Wir haben blinde Flecken"

Stand: 22.09.2021 14:36 Uhr

"Wir haben blinde Flecken": Bundespräsident Steinmeier hat dazu aufgerufen, sich mit der deutschen Kolonialgeschichte auseinanderzusetzen. Auch Deutsche hätten als Kolonialherren Menschen unterdrückt und umgebracht.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat eine stärkere Auseinandersetzung mit dem deutschem Kolonialismus angemahnt. "Wenn es um die Kolonialzeit geht, haben wir sonst so geschichtsbewussten Deutschen allzu viele Leerstellen", sagte Steinmeier beim Festakt zur Eröffnung der Ausstellungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Berlin. "Wir haben blinde Flecken in unserer Erinnerung und unserer Selbstwahrnehmung", kritisierte Steinmeier.

Die beiden Museen befinden sich im neu eröffneten Humboldt Forum, das im zum Teil wiederaufgebauten Berliner Schloss entstanden ist. An den dort untergebrachten Ausstellungen entzündete sich auch eine Debatte um Raubkunst und die deutsche Kolonialgeschichte.

Kolonialzeit gänzlich vergessen

Mit Blick auf diese Debatte mahnte Steinmeier, das wiedererstandene Schloss müsse "auch Erinnerung und Mahnung sein: an Militarismus und Nationalismus und an den deutschen Kolonialismus". Im "kollektiven Gedächtnis" sei die deutsche Kolonialzeit lange Zeit "entweder glorifiziert worden - oder aber noch häufiger gänzlich vergessen", kritisierte Steinmeier. Doch das Unrecht, das Deutsche in der Kolonialzeit begangen hätten, gehe "uns als ganze Gesellschaft etwas an". Denn in Deutschland gebe es auch in der Gegenwart "Rassismus, Diskriminierung, Herabsetzung von vermeintlich Fremden - bis hin zu tätlichen Angriffen und furchtbaren Gewalttaten".

Land mit Migrationshintergrund

Menschen aus allen Teilen der Welt seien jedoch "Teil unserer nationalen Identität, Teil einer aktiven Bürgerschaft, die in Debatten eingreift. Sie sind nicht Menschen mit Migrationshintergrund - wir sind ein Land mit Migrationshintergrund."

Er bleibe überzeugt, die "tieferen Wurzeln des Alltagsrassismus werden wir nur dann verstehen und überwinden können, wenn wir die blinden Flecken unserer Erinnerung ausleuchten, wenn wir uns viel mehr als bislang mit unserer kolonialen Geschichte auseinandersetzen", sagte Steinmeier.

Völkermord im heutigen Namibia

Der Bundespräsident verwies in diesem Zusammenhang auch auf das Versöhnungsabkommen mit Namibia. "Dort, im einstigen Deutsch-Südwestafrika, verübten deutsche sogenannte Schutztruppen zu Beginn des 20. Jahrhunderts den ersten Völkermord dieses so blutigen Jahrhunderts", sagte Steinmeier. Er hoffe, dass die Verhandlungen über ein Versöhnungsabkommen bald zu einem einvernehmlichen Abschluss kämen. 

Ende Mai war bekannt geworden, dass Deutschland die Verbrechen deutscher Kolonialtruppen an den Volksgruppen der Herero und Nama im heutigen Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell als Völkermord anerkennen und die Nachkommen der Opfer um Entschuldigung bitten wird. In dem Versöhnungsabkommen vorgesehen sind außerdem deutsche Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro. Das Geld soll vor allem in den Siedlungsgebieten der Herero und Nama eingesetzt werden. Der Einigung zwischen Berlin und Windhoek waren mehr als fünfjährige Verhandlungen vorausgegangen.

Kritik vom Sprecher Tansanias

Die Initiative Berlin Postkolonial kritisierte, das Humboldt Forum zeige Kulturschätze aus Regionen der Welt, "in denen koloniale Fremdherrschaften den Zugriff auf diese erst ermöglicht haben". Der tansanische Sprecher des Vereins, Mnyaka Sururu Mboro, sagte: "Es ist frustrierend, unsere entwendeten Kulturschätze in Deutschland und anderen Ländern des Westens zu wissen. Aber es ist eine unerhörte Provokation und Demütigung, dass sie nun ohne unsere Einwilligung im rekonstruierten Palast der preußischen Könige ausgestellt werden."