Jens Spahn und Lothar Wieler | dpa

Stagnierende Neuinfektionszahlen Ende des rückläufigen Trends?

Stand: 19.02.2021 13:44 Uhr

Seit einigen Tagen sinkt die Zahl der Neuinfektionen nur noch leicht. RKI-Chef Wieler warnt daher vor einem Wendepunkt, ab dem die Zahlen wieder steigen könnten. Grund seien die Virus-Mutanten. Er warb auch für Vertrauen in Impfungen.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, hat erklärt, die Corona-Infektionszahlen stagnierten auf einem Niveau, das "immer noch zu hoch" sei. "Wir stehen möglicherweise erneut an einem Wendepunkt. Der rückläufige Trend der letzten Wochen setzt sich offenbar nicht mehr fort", sagte er bei einer Pressekonferenz. Die Sieben-Tage-Inzidenz sinke nur noch minimal, in einigen Regionen wie Thüringen steige sie sogar wieder.

Grund dafür sei, dass sich die zunächst in Großbritannien entdeckte Virus-Mutante massiv ausbreite. Ihr Anteil an den Infektionen steige rasant. Er liege jetzt schon bei knapp einem Viertel und werde sich weiter ausbreiten. Das mache die Bekämpfung der Pandemie noch schwieriger.

Mehr junge Infizierte erwartet

Deshalb erwarte er in den kommenden Wochen mehr Ausbrüche, auch unter jüngeren Menschen. "Es werden auch mehr junge Erwachsene, Jugendliche und auch Kinder erkranken." Jede unbedachte Lockerung beschleunige die Ausbreitung des Virus und werfe Deutschland in der Pandemie-Bekämpfung zurück. "Dann stehen wir in ein paar Wochen genau wieder an dem Punkt, wo wir Weihnachten waren."

"Impfungen annehmen"

Ein Ausweg seien Impfungen, die nach jetzigem Wissensstand gegen die Mutanten helfen würden. "Wer eine Impfung angeboten kriegt, sollte sie auch annehmen", erklärte der Mediziner. Alle Impfstoffe - auch der von AstraZeneca - seien sicher und wirksam.

Dennoch sei es wichtig, weiterhin die Hygieneregeln zu befolgen. Er appellierte erneut an die Bundesbürger, Kontakte auf das Nötigste einschränken, sich möglichst draußen zu treffen, und Masken über Mund und Nase zu tragen - "auch im Büro, im Auto und in öffentlichen Verkehrsmitteln". Auch von Reisen riet Wieler ab, es sei gefährlich, das Virus in ein anderes Land zu schleppen oder es von dort mit nach Deutschland zu bringen.

"Das Virus gibt nicht auf"

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mahnte erneut zu Vorsicht. "Das Virus gibt nicht einfach auf", sagte er. Das Bedürfnis nach einem Ende des Lockdowns sei greifbar. Bei Öffnungen sei geboten, behutsam und vorsichtig vorzugehen, um das Erreichte nicht zu gefährden.

Das gelte insbesondere angesichts der Öffnungen von Grundschulen und Kitas in der kommenden Woche. Spahn warnte vor Erwartungen an automatische Folgeschritte. Der Beginn von Schulen und Kitas löse "Mobilität in sehr großem Umfang" aus. Dann seien jeden Tag viele Millionen Kinder auf dem Weg, dazu Eltern, Lehrkräfte und Erzieherinnen. Daher sei es wichtig zu schauen, wie sich dies nach einer Woche oder zehn Tagen im Infektionsgeschehen niederschlage.

So gern man beim Weg aus dem Corona-Lockdown ein Vorgehen nach dem Motto "Schritt eins, eine Woche später Schritt zwei" hätte, sei dies aber nicht möglich, machte Spahn deutlich. "Der Automatismus geht nicht. Wir müssen schauen, was Schritt eins mit sich bringt, ob wir es weiterhin unter Kontrolle behalten oder ob wir dann lieber mit Schritt zwei warten."

Mehr Tempo bei Impfungen

Spahn wies zugleich darauf hin, dass Impfungen weiter stark an Fahrt aufnehmen sollen. Bislang seien fünf Millionen Impfungen verabreicht, bis Ende nächster Woche würden noch einmal die gleiche Zahl an Impfdosen ausgeliefert sein. Bundesweit seien als Spitzenwert bereits 150.000 Impfungen an einem Tag verabreicht worden. Diese Zahl werde man in den nächsten Wochen verdoppeln müssen, um alle verfügbaren Impfdosen verimpfen zu können.

Inzwischen seien 740.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen mit einer ersten Dosis geimpft worden, fast 500.000 auch bereits mit der zweiten.

Selbsttests ab März

Bei den Schnelltests, die ab 1. März kostenlos zur Verfügung stehen sollen, könnte es Spahn zufolge in den ersten Tagen zu Engpässen kommen, da diese von geschultem Personal in Testzentren durchgeführt werden. Es werde "auch Schlangen geben", sagte der Gesundheitsminister.

Er verwies darauf, dass im Laufe des kommenden Monats auch die Schnelltests zur Selbstanwendung zugelassen werden, die er nach bisherigen Planungen für eine Eigenbeteiligung von einem Euro abgeben will. Die Testkapazitäten seien mittlerweile ausreichend, um dieses Angebot machen zu können. Das sei Ende vergangenen Jahres noch nicht der Fall gewesen.

Inzidenz sinkt kaum

Die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen liegt nun bundesweit bei 56,8 - und damit geringfügig niedriger als am Vortag (57,1). Schon in den Tagen zuvor hatte es keinen deutlichen Rückgang dieser Sieben-Tage-Inzidenz mehr gegeben. Bund und Länder streben ein Niveau von weniger als 50 an, weitergehende Öffnungsschritte sollen bei weniger als 35 möglich sein.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 19. Februar 2021 um 12:00 Uhr.

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