Hochhaussiedlung in Neukölln | Bildquelle: picture-alliance/ dpa

Studie zu sozialer Ungleichheit Hier arm, dort reich

Stand: 23.05.2018 17:20 Uhr

In Deutschland leben Arme und Reiche immer seltener Tür an Tür. Die soziale Spaltung in den Städten nimmt zu, wie eine neue Studie belegt.

Von Fabienne Hurst, WDR

"Ich möchte Ärztin werden", sagt die kleine Journelle, zehn Jahre alt, "weil ich es liebe, Menschen zu helfen." Sie lebt am Ende der Sonnenallee in Berlin-Neukölln, in der weißen Siedlung. Hier  bekommen zwei Drittel der Einwohner Hilfe vom Staat. Wer hier aufwächst, geht auf die Sonnengrundschule wie Journelle.

Ein junges Mädchen trägt ein Kopftuch auf dem Schulhof. | Bildquelle: dpa
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Schon in der Schule sind die Auswirkungen der sozialen Ungleichheit spürbar.

93 Prozent der Kinder müssen hier ihre Bücher nicht bezahlen, weil ihre Eltern es sich nicht leisten können.  Es gibt hier weniger Freizeitangebote, Vereine, Musikschulen. "Ich kenne auch immer mehr Eltern, die wegziehen, weil sie ihren  Kindern irgendwie bessere Chancen bieten wollen", sagt Journelles Lehrerin Nuray Özdemir. "Das ist für mich soziale Segregation."

Trennung zwischen Arm und Reich nimmt zu

Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung haben jetzt wissenschaftlich nachgewiesen, was vielerorts längst sichtbar ist: Die räumliche Trennung zwischen arm und reich nimmt zu. "Wir haben herausgefunden, dass die soziale Segregation zwischen 2004 und 2014 in gut 80 Prozent der Städte angestiegen ist", sagt Marcel Helbig. Bedeutet: Die Städte spalten sich tatsächlich immer mehr.

Marcel Helbig und Stefanie Jähnen haben 74 deutsche Großstädte daraufhin analysiert, wie sich SGB-II-(Hartz IV)-Empfänger über die Stadtgebiete verteilen. Dafür haben die Forscher den sogenannten Segregationsindex berechnet, der Auskunft gibt darüber, wieviel Prozent der Hartz-IV-Bezieher in einen anderen Stadtteil umziehen müssten, um gleichmäßig verteilt in einer Stadt zu leben.

Amerikanische Verhältnisse

In einer ganzen Reihe von Städten betrifft das zwischen 35 und 40 Prozent der Leistungsempfänger. "Dieses Niveau kennen wir bisher nur von amerikanischen Städten", sagt Helbig. Und nirgendwo sei die soziale Spaltung so schnell und so massiv gestiegen wie in den ostdeutschen Städten.

Massiver Anstieg im Osten Deutschlands

Den höchsten Anstieg verzeichneten Rostock, Schwerin, Potsdam, Erfurt, Halle und Weimar. Dort gebe es eine regelrechte Trennlinie, so die Forscher, zwischen den alten Plattenbaugebieten auf der einen Seite und den neu restaurierten Innenstädten und den Vororten mit Reihenhäusern auf der anderen. "Die Leute begegnen sich nicht mehr am Ort, nicht mehr in der Nachbarschaft. Sie sind zusammen mit ihresgleichen”, so Helbig.

Das Islamische Kulturcenter in Halle-Neustadt | Bildquelle: picture alliance / Jan Woitas/dp
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In ostdeutschen Städten (wie hier in Halle) gibt es eine regelrechte Trennlinie, zwischen den alten Plattenbaugebieten ...

Reihenhaussiedlung in Berlin | Bildquelle: picture alliance / Arco Images
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... und Vororten mit schicken Reihenhaussiedlungen (wie hier in Berlin).

Warum ist das so? Eine wichtige Rolle für die soziale Durchmischung spielt die räumliche Verteilung von Sozialwohnungen. "Sie sind in Gebieten zu finden, in denen ohnehin die Armen wohnen", so Wissenschaftlerin Jähnen. Um dem entgegenzuwirken, müssten etwa Sozialwohnungen auch in besseren Lagen entstehen.

Städtebau hat hohen Einfluss

So weisen Madgeburg und Dresden im Gegensatz zu den anderen ostdeutschen Städten eine vergleichsweise geringe Segregation auf. Die Erklärung der Forscher dafür:  Beide Städte wurden im Zweiten Weltkrieg großflächig zerstört und danach neu aufgebaut. Daher verteilen sich Neu- und Plattenbauten dort ausgewogener im Stadtraum.

In ostdeutschen Städten mit heute hoher sozialer Segregation wie Rostock, Erfurt oder Jena wurden die Plattenbauten hingegen eher am Stadtrand gebaut, die nach der Wiedervereinigung zunehmend zu sozialen Brennpunkten wurden.

Besonders Kinder von Auswirkungen betroffen

Am stärksten ist die soziale Trennung dort, wo viele Familie mit Kindern unter sechs Jahren und viele arme Menschen leben. In 36 Städten gibt es inzwischen Quartiere, in denen mehr als die Hälfte aller Kinder von Sozialleistungen leben.

In den alten Bundesländern weisen vor allem die Städte Saarbrücken, Kiel, Köln, Essen und Dortmund hohe Anteile von Vierteln auf, in denen mehr als die Hälfte der Kinder arm sind. In Essen etwa spaltet die Autobahn A40 die Stadt: im Norden leben 17 Prozent  der Hartz-IV- Empfänger, mehr als doppelt so viele wie im Süden.

Segregation gefährdet Bildung

Diese Entwicklung könne sich negativ auf die Lebenschancen armer Kinder auswirken. "Aus der Forschung wissen wir, dass die Nachbarschaft auch den Bildungserfolg beeinflusst", erklärt Jähnen. Bei Journelle aus der Sonnengrundschule etwa ist die Wahrscheinlichkeit, ihren Traumberuf zu erreichen, rein statistisch gesehen geringer als bei anderen Kindern. Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler hier schafft es aufs Gymnasium. Im Rest von Berlin sind es fast doppelt so viele.

Wie wirkt sich Herkunft auf Lebenschancen in Deutschland aus? Das zeigt die Doku Ungleichland - Chancen heute Abend um 22.10 im WDR Fernsehen. Es ist die zweite Folge aus der Ungleichland-Trilogie im WDR Fernsehen und ist bereits in der WDR-Mediathek abrufbar.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 23. Mai 2018 um 16:15 Uhr.

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