Ein ICE fährt in den Bahnhof Frankfurter/Main ein | Bildquelle: picture alliance/dpa

Nach Attacke in Frankfurt Sichere Bahnsteige nicht möglich

Stand: 30.07.2019 17:31 Uhr

Nach dem tödlichen Angriff in Frankfurt wird über mehr Sicherheit an Bahnhöfen diskutiert. Wirkungsvolle Maßnahmen sind in Deutschland nach Experteneinschätzung jedoch nicht umsetzbar.

Von Dominik Lauck, tagesschau.de

Der Tod von zwei vor Züge gestoßenen Menschen hat eine Diskussion über die Sicherheit an deutschen Bahnhöfen ausgelöst. Neben der Forderung nach einer stärkeren Polizeipräsenz an Bahnsteigen steht vor allem die Frage nach wirkungsvollen Umbaumaßnahmen im Raum.

Tatsächlich gibt es nur eine Möglichkeit, tödliche Schubser-Attacken vor einfahrende Züge zu verhindern: durch den Einbau von technischen Sperren, die den Zugang zu Gleisen erst ermöglichen, wenn der Zug bereits steht. In Bangkok oder London gibt es beispielsweise solche Vorrichtungen in bestimmten U-Bahn-Stationen.

Personal und Fahrgäste an der neuen MRT-Station Sanam Chai in Bangkok, Thailand | Bildquelle: AFP
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An der MRT-Station Sanam Chai in Bangkok sind die Bahngleise durch eine Glaswand geschützt. Die Türen öffnen sich erst, wenn der Zug eingefahren ist.

Schutz der Gleise technisch nicht umsetzbar

Voraussetzung dafür sei aber ein automatisiertes Bahnsystem mit dem selben Zugtyp, der immer an der richtigen Stelle halte, sagte Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband "Pro Bahn" auf tagesschau24. "Das funktioniert aber nicht bei normalen Eisenbahnhöfen."

Hierzulande würden die Züge manuell gesteuert und nie an der gleichen Stelle halten. Zudem gebe es unterschiedliche Züge, die jeweils andere Türabstände haben.

Deutsche Bahnhöfe zu eng gebaut

Der stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jörg Radek, der diesen Vorschlag ins Spiel brachte, weiß auch, dass er derzeit nicht umsetzbar ist. "Es gibt bei uns 5600 Bahnhöfe. Diese sind historisch gewachsen und oft sehr eng, wie zum Beispiel der Hauptbahnhof in Hamburg", erläutert Radek im Gespräch mit tagesschau.de. Selbst beim Berliner Hauptbahnhof, der erst 2006 eröffnet wurde, passten an der schmalsten Stelle nur zwei Erwachsene vorbei.

Deshalb wäre schon der Umbau von Bahnhöfen nach dem Vorbild Großbritanniens schwierig. Dort sind Bahnsteige nur für Ticketinhaber betretbar. Zum einen könnte das Angreifer nicht abhalten, zum anderen würde schon ein solcher Umbau nach Auskunft der Bahn Hunderte Millionen Euro kosten und zu Schlangen an den Bahnsteigen führen. Auch "Pro Bahn" hält eine solche Forderung für "logistisch kaum umzusetzen".

Hamburger Hauptbahnhof | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Der Hamburger Hauptbahnhof ist schon mehr als 100 Jahre alt. Meist ist es sehr voll auf den engen Bahnsteigen.

"Pro Bahn" gegen höhere Polizeipräsenz

Eine größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen, wie sie Bundesinnenminister Horst Seehofer verlangt, würde nach Radeks Einschätzung nur das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessern. "All diese Maßnahmen bieten keinen Schutz vor einem Täter, der die Heimtücke ausnutzt und für seine Tat die Gefahren der Bahnsteigkante nimmt", sagt der GdP-Vize.

Auch Naumann zeigt sich skeptisch gegenüber einem erhöhten Polizeiaufgebot. "Solche Leute, die eine latente Aggressivität in sich haben, fühlen sich manchmal durch die Anwesenheit von Polizisten sogar noch weiter provoziert und werden dann noch aggressiver." Diese Erfahrung habe man am Rande von Fußballspielen gesammelt.

Hinter Sicherheitslinie zurücktreten

Passanten an der Sicherheitslinie am Bahnsteig | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Fahrgäste sollten sich hinter der Sicherheitslinie aufhalten.

Der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst sagte der "Bild"-Zeitung, eine "noch gezieltere Videoüberwachung und mehr Sicherheitspersonal auf den Bahnhöfen" würden das Sicherheitsniveau erhöhen. Absolute Sicherheit werde es aber nie geben. 

Experten raten Bahnfahrern, sich umsichtig am Bahnsteig zu verhalten. "Jeder Reisende sollte hinter die Sicherheitslinie zurücktreten und sich nicht in unmittelbarer Bahnsteigkantennähe aufhalten", empfiehlt Radek.

Polizeigewerkschaft mahnt zu Besonnenheit

Der Polizeigewerkschafter mahnt zu Besonnenheit in der Diskussion. Man könne Verbrecher, die solch eine kriminelle Energie hätten, nicht an ihren Taten hindern. Was weitere Sicherheitsvorkehrungen an Bahnhöfen angeht, "müssen wir diskutieren, ob wir das in unsere freien Gesellschaft haben möchten".

Zwei Vorfälle binnen weniger Tage

Ein Mann hatte am Montagvormittag am Frankfurter Hauptbahnhof einen Achtjährigen und seine Mutter ohne erkennbares Motiv vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Das Kind starb, die Mutter konnte sich retten. Der mutmaßliche Täter, ein 40-jähriger eritreischer Staatsbürger, wurde nach kurzer Flucht von Passanten überwältigt.

Bereits am 20. Juli hatte sich in Voerde in Nordrhein-Westfalen ein ähnlicher Vorfall ereignet. Dort hatte ein Mann eine Frau an einem Bahnhof vor einen Zug gestoßen und so getötet.

Blumen und Kerzen stehen am Gleis des Bahnhofs Voerde. | Bildquelle: SASCHA STEINBACH/EPA-EFE/REX
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Am 20. Juli war am Bahnhof Voerde eine Frau vor einen Zug gestoßen und so getötet worden.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 30. Juli 2019 um 15:00 Uhr.

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Dominik Lauck, NDR

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