Zwei Ärzte in Schutzkleidung kümmern sich im Klinikum in Greifswald im einen Corona-Patienten. | dpa

Corona-Pandemie Warnung vor drohender Triage

Stand: 10.04.2021 17:37 Uhr

Die Infektionszahlen bleiben bundesweit hoch - und in den Krankenhäusern wächst die Angst, gerade auf den Intensivstationen wieder an die Belastungsgrenze zu stoßen. Sogar das Szenario der Triage steht erneut im Raum.

Angesichts der anhaltend hohen Infektionszahlen mit dem Coronavirus wächst in deutschen Kliniken wieder die Sorge, bei der Versorgung von Corona-Patienten an ihre Grenzen zu geraten.

"Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben", warnte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse". Es sei daher richtig, dass sich Krankenhäuser bundesweit erneut auf einen Ansturm neuer Patienten einstellten.

Auch die Berliner Charité wappnet sich für eine höhere Auslastung ihrer Intensivbetten. Die Zahl der neu eingelieferten Covid-19-Patienten sei bereits in den vergangenen zwei Wochen deutlich angestiegen. Laut des Registers der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) werden mittlerweile in der Charité wieder 90 Corona-Patienten behandelt, die auf zusätzliche Beatmung angewiesen sind. In sämtlichen Kliniken in Berlin seien es derzeit etwa 280 Patienten.

Jüngere Altersgruppe mehr betroffen

Mittlerweile sei die Altersgruppe zwischen 30 und 60 Jahren betroffen. Auch der Chef des Robert Koch-Institutes, Lothar Wieler, hatte auf die Zunahme jüngerer Patienten hingewiesen. Nach Daten aus rund 70 Kliniken bundesweit müssten immer mehr und auch immer jüngere Menschen wegen schwerer Atemwegsinfektionen in Krankenhäusern behandelt werden. Die Intensivstationen füllten sich rasant. "Diese Entwicklung zeigt leider, dass die Lage sehr, sehr ernst ist", sagte Wieler.

Martin Kreis, Vorstandsmitglied der Berliner Charité, spricht von einem "eindeutigen Trend", der sein Institut zwinge, zu reagieren. Denn: "Wenn die Anzahl schwer kranker Covid-Patienten die zweite Welle übertrifft, kommen wir in eine kritische Situation", warnte Kreis. Bereits Anfang des Jahres sei die Charité aufgrund der hohen Patientenzahl an ihre Belastungsgrenze gestoßen und hätte dadurch keine Corona-Erkrankten aus anderen, ebenfalls überlasteten Kliniken aufnehmen können.

In der Charité wurde bereits wieder eine Reserve-Intensivstation geöffnet und es wird wieder geprüft, welche nicht zwingend notwendigen Operationen verschoben werden können.

Mehr als 5000 Corona-Patienten bis Ende April?

Die Charité ist bundesweit aber bei Weitem kein Einzelfall. Gernot Marx, DIVI-Präsident, hatte bereits am Freitag gewarnt, dass inzwischen wieder täglich bis zu 100 Corona-Patienten auf deutschen Intensivstationen eingeliefert würden. Bis Ende des Monats würden Kliniken bundesweit "mit Sicherheit" mehr als 5000 Patienten, die sich mit dem Coronavirus infiziert haben, versorgen müssen. Gerade mit Blick auf die begrenzte Zahl an Intensivbetten seien das "wirklich hohe Zahlen".

Triage "steht mit Sicherheit im Raum"

Montgomery schloss sogar den schlimmsten Fall für die Medizinier nicht aus: die Triage. Unter der Triage versteht man die Situation, dass Ärzte aufgrund mangelnder Kapazitäten entscheiden müssen, welchen Patienten zuerst eine medizinische Versorgung zukommt. In der Corona-Pandemie etwa die zusätzliche Beatmung. Die Triage werde "mit Sicherheit" wieder im Raum stehen, so Montgomery.

"Wir waren sehr dankbar, dass sie in den ersten beiden Wellen nicht gebraucht wurde", sagte Montgomery mit Blick auf eine drohende Triage weiter. Aber nun halte er es für "vorstellbar, dass es zu Situationen kommt, in denen sie angewendet wird".

RKI: Mehr als 24.000 Neuinfektionen binnen eines Tages

Die Gesundheitsämter in Deutschland haben dem Robert Koch-Institut (RKI) binnen eines Tages 24.097 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Zudem registrierte das Institut binnen 24 Stunden 246 neue Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Vor einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 18.129 Neuinfektionen und 120 neue Todesfälle verzeichnet. 

Die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner lag laut RKI bundesweit bei 120,6. Am Vortag gab das RKI diese Sieben-Tage-Inzidenz mit 110,4 an, vor einer Woche lag sie noch bei über 130.

Inzidenzwert nur bedingt aussagekräftig

Wegen der Feiertage und der Schulferien seien die Corona-Zahlen noch nicht vergleichbar mit den Werten vor Ostern. So sei der Inzidenzwert laut RKI momentan noch mit Vorsicht zu genießen und dürfte wegen weniger Tests und Meldungen über Ostern zu niedrig ausfallen. Das RKI erwartet, dass der Inzidenz-Wert im Laufe der kommenden Woche wieder belastbar sein wird.

Fast drei Millionen Infektionen

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 2.980.413 nachgewiesene Infektionen mit dem Coronavirus in Deutschland. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit etwa 2.661.500 an. Die Gesamtzahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 78.249.

Der bundesweite Sieben-Tage-R-Wert lag laut RKI-Lagebericht von Freitagabend bei 0,90 (Vortag: 0,80). Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 90 weitere Menschen anstecken. "Der 7-Tage-R- Wert liegt derzeit unter 1, wobei der Einfluss der Osterfeiertage zu beachten ist", schreibt das RKI. Die Werte könnten erst in einigen Tagen bewertet werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 10. April 2021 um 12:55 Uhr.