Ein Stapel mit verschiedenen Tageszeitungen liegt auf einem Tisch | dpa

Internationale Presseschau "Eine Phase der Unsicherheit beginnt"

Stand: 27.09.2021 12:12 Uhr

Mit Spannung blicken ausländische Medien auf die Bundestagswahl. Während sie für das Ergebnis unterschiedliche Gründe sehen, sind sie sich in einem weitgehend einig: Die Regierungsbildung wird lange dauern und viel Unsicherheit bringen.

Die Aufholjagd der SPD hat den amerikanischen Präsidenten Joe Biden offenbar beeindruckt: "I’ll be darned... they’re solid", sagte Biden am Sonntagabend zu Reportern im Weißen Haus - zu Deutsch etwa: "Donnerwetter, die sind stark!" Zunächst hatte Biden nach seiner Rückkehr aus dem Wochenende abgewunken und gesagt, er habe noch keine Ergebnisse gesehen. Als er vom knappen Vorsprung der SPD erfuhr, folgte dann die hemdsärmelige Würdigung von deren hauchdünnem Wahlsieg.

Den vermelden natürlich auch die US-Medien: Die "Washington Post" prophezeit einen langwierigen Kampf darum, die Merkel-Folgeregierung zu bilden. "Eine Phase der Unsicherheit" beginne in Deutschland, die Wochen oder Monate dauern könne. Das unerwartet gute Abschneiden der SPD erklärt das Traditionsblatt auch damit, dass Merkel es versäumt habe, einen überzeugenden Nachfolger aufzubauen.

"Politik wird chaotischer werden"

Die "New York Times" urteilt, Merkel hinterlasse ein verändertes Land voller Stolz, Wohlstand, aber auch Ängsten vor kommenden Veränderungen. Die Politik werde in Zukunft chaotischer werden, was auch daran liegt, dass eine Regierungskoalition nun wohl aus drei Parteien bestehen werde.

Der Sender CNN sprach von einem knappen Rennen, und stellt die Frage, wohin die größte Wirtschaft Europas steuert, wenn sie von einer sozialdemokratischen Partei angeführt wird. Der rechte Kanal Fox News betont, dass die kommende Regierungskoalition - wenn sie denn feststeht - vor allem die wirtschaftlichen Probleme in der Folge der Corona-Pandemie in den Griff kriegen muss.

Machtkampf in der CDU erwartet

Der britische "Guardian" erwartet einen Richtungsstreit bei der CDU, die nach 16 Jahren an der Regierung eine historische Schlappe einstecken muss. "Lange schien die Partei immun gegen die Erosion, die andere konservative Parteien in Europa ergriffen hat." Nun werde es innerparteilichen Zwist geben, der rechte Flügel werde mit dem Finger auf Spitzenkandidat Armin Laschet zeigen und weitreichende Veränderungen fordern.

Der Machtpoker kann beginnen

Der Sender "Franceinfo" aus Paris betont, nun gehe die Arbeit erst richtig los. Da das Wahlergebnis keinen klaren Sieger hervorgebracht habe, stünden nun schwierige Verhandlungen um eine Regierungsmehrheit an - das Pokerspiel können beginnen.

Und der französische "Figaro" warnt vor politischer Instabilität in Deutschland. Die 16 Regierungsjahre von Angela Merkel seien trotz aller Krisen eine Zeit großer Stabilität und Vorhersehbarkeit gewesen. Das nun knappe Wahlergebnis und die Tatsache, dass sowohl Union als auch SPD den Posten des Kanzlers für sich beanspruchen, werde aber eine Phase der Unsicherheit für Deutschland bringen.

Eine schlechte Nachricht für die EU

Der niederländische "De Telegraaf" prophezeit, dass der nächste Regierungschef in Berlin ein schwächerer Kanzler sein wird. Dies sei eine schlechte Nachricht für die Europäische Union, in der Deutschland mit Blick auf Einwohnerzahl und Wirtschaftskraft führend in einer unruhigen Welt sein müsse. Der neue deutsche Bundeskanzler werde wohl eher ein "primus inter pares" sein - der Erste unter Gleichen, wie das beim Ministerpräsidenten in den Niederlanden der Fall ist. "Dem steht jemand wie Emmanuel Macron gegenüber, der als französischer Präsident über weitreichende Macht verfügt."

Lernstunde der Demokratie

Die Zeitung "La Repubblica" aus Italien fragt, wie man eine Mutter austauschen solle. Die deutschen Wähler wüssten es nicht und hätten deshalb keinen Hinweis gegeben, wer sich auf Angela Merkels Stuhl setzen solle. Und Deutschland stehe am Ende eines Wahlsonntags ohne Kanzler da.

Auch "La Stampa" konstatiert, dass die Deutschen sich entschieden hätten, sich nicht für einen Nachfolger von Angela Merkel festzulegen. Nach den Wahlen gehe es jetzt auf den politischen Basar. Im stabilen Deutschland werde das noch eine Lernstunde der Demokratie.

Der Tango wird zu dritt getanzt

Der spanische "El Pais" glaubt das Deutschland vor einer neuen Parteienlandschaft stehe. Die Ära der Parteien, die 30 oder 35 Prozent der Stimmen erhielten und es sich leisten konnten, mit einem einzigen Partner zu regieren, sei vorbei. Die Auffächerung der Stimmen bei dieser Wahl habe eine ungewöhnliche Situation geschaffen. Zwei gar nicht mehr so kleine Parteien seien entscheidend für die Bildung der nächsten Regierung. Die Grünen und die Liberalen der FDP hielten den Schlüssel bei der Entscheidung, ob der nächste Kanzler Olaf Scholz oder Armin Laschet hieße.

Auch die Zeitung "El Mundo" sieht die FDP und Grüne am Zug. Das Recht auf Regierungsbildung könne niemand beanspruchen, aber es würden die Grünen und die Liberalen sein, die entscheiden, wer ins Kanzleramt einzieht: Entweder die SPD mit ihrem knappen Sieg oder der konservative Block der Christlich-Demokratischen Union. "Die Zeiten der großen Koalition sind vorbei, jetzt wird der Tango zu dritt getanzt."

Mit Informationen von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 27. September 2021 um 15:00 Uhr.