Großflächige Wahlplakate an einer großen Straße in Berlin | dpa
Analyse

Bundestagswahl 2021 Rollentausch auf der Zielgeraden

Stand: 02.09.2021 18:46 Uhr

Eine Union in der Abwärtsbewegung, eine SPD im Aufwärtstrend - und die Grünen sind noch irgendwie dabei: In Sichtweite der Bundestagswahl sind die Rollen neu verteilt. Das hat Folgen.

Von Christian Feld, ARD-Hauptstadtstudio Berlin

Monat für Monat zeigten die Umfragen für die deutsche Sozialdemokratie ein deprimierendes Bild. Der schwarze Balken von CDU/CSU überragte deutlich den roten SPD-Balken. Doch plötzlich wendete sich das Blatt. Am Ende stand ein Triumph für die SPD. So geschehen im Jahr 2002. Gerhard Schröder konnte nach der Bundestagswahl im Chefbüro des Kanzleramts bleiben.

Christian Feld ARD-Hauptstadtstudio

Rund 20 Jahre später könnte Olaf Scholz ebenfalls eine erfolgreiche Aufholjagd gelingen. Im ARD-DeutschlandTrend vom August lag seine SPD noch hauchdünn hinter der Union, in der September-Umfrage zog die SPD dann vorbei. Die Tendenz war bereits in den Monaten zuvor deutlich: SPD rauf, Union runter. Meinungsumfragen sind Momentaufnahmen, keine Prognosen. Doch in den Zahlen spiegelt sich aktuell eine Entwicklung wider, der der Union große Sorgen bereitet. Bereiten muss.

Erst lauwarm, jetzt heiß?

Keine vier Wochen vor dem Wahltag sind die Rollen neu verteilt. Der lange abgeschlagene Vizekanzler Scholz gilt vielen jetzt als Favorit. CDU-Mann Armin Laschet muss die anhaltende Abwärtsbewegung stoppen, damit in den eigenen Reihen nicht noch größere Unruhe ausbricht. Und die im Frühjahr noch strahlenden Grünen wollen verhindern, dass aus dem Dreikampf ums Kanzleramt nicht endgültig ein Duell wird - mit ihnen an der Außenlinie.

Bisher kam das Ringen um das Kanzleramt allenfalls lauwarm daher. Eigentlich verwunderlich: Mit dem erklärten Abgang von Angela Merkel endet eine Ära von 16 Jahren. Die Aufgaben, die auf eine neue Bundesregierung zukommen, sind gigantisch: dem Klimawandel entgegenwirken, die Digitalisierung in Deutschland endlich spürbar voranbringen, die sozialen Härten der Pandemie abfedern. Besondere Zeiten. Und doch dominierte lange nicht der Streit um die besten inhaltlichen Pläne den Wahlkampf. Für Schlagzeilen sorgten Lebenslauf-Korrekturen, ein wenig sorgfältig geschriebenes Buch oder ein deplatzierter Lachanfall.

Die SPD - sie bewegt sich doch

Immerhin: Die Temperatur in der Auseinandersetzung steigt, sodass sich die "heiße Phase" des Wahlkampfs ihren Namen langsam verdienen kann. Baerbock, Laschet und Scholz touren mit ihren Wahlprogrammen durch die Republik. Die größten Bühnen bieten die verschiedenen TV-Formate, bei denen sich die drei einem Millionenpublikum präsentieren können. Wo liegen inhaltliche Unterschiede? Es darf direkt gestritten werden über Steuerkonzept und Klimaziele. Und selbst das sonst für Wahlkämpfe so untaugliche Thema Außenpolitik rückt nach dem Afghanistan-Desaster mehr in den Mittelpunkt.

Die Angriffslust ist dabei sehr ungleich verteilt, was sich auch beim ersten Triell des Senders RTL gezeigt hat. In der eher passiven Ecke verharrt Scholz. Der hatte zwar über eine längere Zeit seine persönlichen Beliebtheitswerte in den Umfragen steigern können, doch zeitgleich schien ihm die eigene Partei wie Blei anzuhängen.

Doch anders als Laschet und Baerbock machte Scholz bislang keine Fehler. Und inzwischen klettern sogar die SPD-Werte. Die Wahlkampagne der Partei ist voll auf Scholz zugeschnitten. Und der gibt sich als regierender Krisenmanager. Ein Erfolgsrezept? "Der führende Kandidat ist so langweilig, dass die Leute ihn mit einer Maschine vergleichen", schreibt Katrin Bennhold, die Berlin-Korrespondentin der "New York Times", in ihrer Analyse des deutschen Wahlkampfes und zitiert den Oxford-Professor Timothy Garton Ash: "Es gibt wenige Länder, in denen langweilig sein so belohnt wird."

Das Original meldet sich zu Wort

CSU-Chef Markus Söder wirft dem Vizekanzler "Erbschleicherei" vor. Für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" ließ sich der Vizekanzler mit Merkel-Raute ablichten. Das war dann sogar dem Original zu viel. Eigentlich hatte sich Merkel im Wahlkampf zurückhalten wollen. Doch nun, in einer Pressekonferenz nach Scholz gefragt, sprach sie von einem "gewaltigen Unterschied zwischen ihm und mir". Mit ihr werde es keine Koalition mit der Linkspartei geben. Von Scholz fehle dagegen eine klare Aussage.

Laschet plötzlich ungewohnt angreifend

Genau das war auch die Angriffslinie von Laschet im jüngsten TV-Triell: Scholz solle doch endlich eine Koalition mit der Linken ausschließen. Laschet gab sich ungewohnt angreifend - der Mann, der sonst gerne integriert und moderierend wirken will. Auch für ihn also ein Rollenwechsel. Ob sich die Warnung vor einem Linksbündnis auszahlt, ist jedoch nicht ausgemacht. Zumindest könnte es aber helfen, in der Stammwählerschaft zu punkten.

Grünen-Zwischenhoch beflügelte Träume

Und dann sind da noch die Grünen. Betrachtet man deren Werte in der Sonntagsfrage über die vergangenen Jahre, könnten sich die Grünen eigentlich zufrieden auf die Schultern klopfen. Werte um 20 Prozent sind für die derzeit kleinste Oppositionspartei im Bundestag ein enormer Erfolg. Eigentlich. Wäre da nicht das Zwischenhoch im Frühjahr. Die Union im Machtkampf, die Grünen nach außen geeint. Das beflügelte die Träume vom grünen "Kanzlerinnenamt". Es folgten eigene Fehler und der Absturz in den Umfragen. Im Triell setzte auch Baerbock auf Angriff und machte klar, dass weiter mit ihr zu rechnen ist.

In den verbliebenen Wochen bis zum Wahltag ist noch vieles möglich. Die Abstände zwischen den Parteien von Scholz, Laschet und Baerbock sind überschaubar im Vergleich zur scheinbar abgeschlagenen Schröder-SPD 2002. Das Rennen geht weiter - nur eben mit neu verteilten Rollen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. August 2021 um 12:00 Uhr.

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Moderation 02.09.2021 • 17:43 Uhr

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